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Jess And The Ancient Ones: Second Psychedelic Coming – The Aquarius Tapes

Wilder und psychedelischer als das Debüt – aber leider nicht genauso gut
Wertung: 7.5/10
Genre: Occult/Psychedelic Rock
Spielzeit: 65:55
Release: 04.12.2015
Label: Svart Records (Cargo Records)

Nach dem famosen, selbstbetitelten Debütalbum von 2012 hat man in der Okkult-Rockszene wohl auf kaum eine andere Platte so fieberhaft gewartet wie auf die vorliegende Scheibe. Jess And The Ancient Ones wurde von vielen Seiten bescheinigt, die Band zu sein, die musikalisch noch am ehesten in der Lage ist, am Thron der übermächtigen The Devil's Blood zu kratzen – und jene Combo existiert bekanntermaßen nicht mehr. Mit den zwei starken EPs „Astral Sabbat“ (2013) und „Castaneda“ (2014) machte das Septett seine Fanschar bereits ordentlich heiß auf den kommenden Longplayer und das Statement von Gitarrist und Hauptsongwriter Thomas Corpse im Vorfeld, man habe nicht vor, auf der Stelle zu treten und sich mit dem Zweitling daher musikalisch weiterentwickelt, machte auf jedem Fall neugierig. Der Albumname suggeriert bereits, dass es noch etwas psychedelischer zugeht, nicht nur, weil das Wort selbst im Titel erscheint, sondern auch wegen des Untertitels „The Aquarius Tapes“, was sich auf die Love-and-peace-Generation der Sechziger bezieht – Esoterik spielte in der Hippie-Bewegung schließlich keine geringe Rolle.

Tatsächlich ist das neue Werk wilder, ungezügelter und trippiger geworden. Abgedrehtere Vocals, mehr Keyboards, mehr Tempo, mehr Verrücktheit – ein bisschen mehr von allem irgendwie. Dass sich JATAO auch zu jenen Formationen zählen, die keine Musik schreiben, um ein bestimmtes Publikum zufriedenzustellen (wie Thomas Corpse in seiner Aussage ebenfalls klarstellte), nimmt man ihnen nach dem Hören dieser CD zweifelsfrei ab. Leicht wird es einem dabei nicht gemacht, aber sonst wäre es ja auch langweilig.

Geblieben ist der rohe, kratzige Sound, trotzdem wirkt schon das eröffnende „Samhain“ (ein irisch-keltischer Festtag, der am 1. November stattfindet, den Tod als Thema beinhaltet und möglicherweise eine Art Vorläufer zum heute jedem bekannten Halloween darstellt) stürmischer und ungebremster als sämtliche bisher veröffentlichten Songs der Truppe. Vor allem Frontfrau Jess geht insbesondere im Chorus mehr aus sich heraus denn je, doch die verschiedenen Keyboardsounds und Gitarrenlicks sowie die wirbelnden Drums tragen ihr Übriges dazu bei. Was zunächst noch recht chaotisch erscheint und einen fast erschlägt, erweist sich schließlich als überlegte Komposition, die durch die vielschichtige (mitunter Jam-artige) Instrumentierung erst einmal ergründet werden will. Ein ähnliches gilt für das flotte „Wolves Inside My Head“, bei dem zusätzlich noch Sprachsamples eingebaut wurden, das jedoch in erster Linie durch seinen mitreißenden Charakter punkten kann.  

Man muss so was mögen, denn so mancher wird sich denken, dass weniger manchmal wohl mehr gewesen wäre, andererseits finden sich auf diese Weise mit jedem Durchlauf immer neue Details und wenn man schon sieben Leute an Bord hat (davon drei Gitarristen), will man die sich bietenden Möglichkeiten natürlich auch ausschöpfen. Als absolutes Highlight erweist sich in jedem Fall „The Equinox Death Trip“, bei dem das Hauptmotiv wunderbar durch die Tonarten moduliert wird und sich absolut geile Deep Purple- und The Doors-Gedächtnisorgeln, Wah-Wah-Gitarren und filigrane Bassläufe die Klinke in die Hand geben. Greifbare Spielfreude, ein hypnotischer Groove und einprägsame Gesangslinien machen die Nummer tatsächlich zu einem Trip in entfernte Sphären.

Sehr psychedelisch und verdrogt kommt auch „Crossroad Lightning“ daher, das ruhig und verträumt mit einschmeichelnden Chören, Mellotron und sanften Gitarren beginnt, um sich behutsam zu steigern. In der Mitte wird mittels eines superb gesetzten Breaks dann effektiv das Tempo angezogen – sehr starker Song. Besonders im letzten Stück „Goodbye To Virgin Grounds Forever“, einem Epos von über 22 Minuten Länge, zeigen sich JATAO aber erneut als Experten darin, einen Longtrack kontinuierlich zu steigern, aufzubauen und spannend, doch stets schlüssig zu gestalten. In ähnlicher Manier wie bei „Come Crimson Death“ startet die Nummer langsam und dezent, erst nach und nach kommen immer mehr Elemente hinzu und lassen das Ganze wachsen – zauberhafte Melodien inklusive.

Nur die Frage, was sie sich bei dem Endpart mit dem dünn klimpernden Keyboard und den billig in Szene gesetzten Gesängen gedacht hat, muss sich die Band gefallen lassen. Sorry, aber das geht auch nach mehreren Durchläufen irgendwie gar nicht und hinterlässt einen etwas faden Beigeschmack. Leider bleibt dies nicht der einzige Kritikpunkt: Bei allem Lob für die erwähnten Songs und überhaupt die klar erkennbare Weiterentwicklung bzw. Erweiterung des Sounds gibt es – im Gegensatz zum Debütalbum – bedauerlicherweise ein paar Füller zu beklagen: „The Flying Man“ oder auch „The Lovers“ zum Beispiel hätte es nicht unbedingt gebraucht, hier fehlt einfach die Substanz.

Insofern kann „Second Psychedelic Coming: The Aquarius Tapes“ auch nicht an das grandiose Debüt heranreichen, dennoch wäre wenn es Unsinn, von einer Enttäuschung zu sprechen. Insgesamt ist es schon toll, wie die Finnen mit Sounds spielen, herumexperimentieren, die Einflüsse der Sechziger und Siebziger Jahre ins Hier und Jetzt übertragen – und mit der charismatischen Stimme ihrer Sängerin (wenngleich man auch die halt mögen muss; mancher mag die vielen quirligen Yeah, yeah, yeahs anstrengend finden) haben sie natürlich ein besonderes Ass im Ärmel. Rein musikalisch steckt der Siebener die meisten anderen Genrebands locker in die Tasche und offenbart trotzdem ordentlich Ecken und Kanten, auch wenn nicht alles an dem Album gelungen ist.

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Absolut fantastischer Konzertabend, der kaum überboten werden kann