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Japanische Kampfhörspiele: The Golden Anthropocene

Lyrisch gewohnt brillant und musikalisch vielfältig
Wertung: 8/10
Genre: Grindpunk
Spielzeit: 40:06
Release: 16.09.2016
Label: Unundeux (Cargo Records)

Bands, die sich zunächst auflösen, um sich dann ein paar Jahre später zu reformieren, gibt es zu Genüge. Häufig kommt dann seitens eines Teils der Anhängerschaft prompt der Kommerz- und Sell-out-Vorwurf – dies lässt sich bei einer Grind-Band wie Japanische Kampfhörspiele wohl ausschließen; die Krefelder erklärten das Kapitel JaKa anno 2011 für beendet, drei Jahre später jedoch fand man sich wieder zusammen, wenn auch in teils etwas anderer Besetzung. So ist Gründungsmitglied und Gitarrist Klaus Nicodem nicht mehr dabei, für ihn malträtiert nun Robert Nowak die Saiten, der bereits von 2004 bis 2006 eine Zeitlang bei der Band zockte.

Auch in Sachen Gesang hat sich etwas geändert, allerdings erst nach Erscheinen des vorliegenden Albums „The Golden Anthropocene“, dem zweiten nach „Welt ohne Werbung“ seit dem Comeback. Statt dem langjährigen Schreihals Markus „Bony“ Hoff wird sich künftig Diaroe-Fronter Christian Markwald die Stimmbänder blutig kreischen – im Wechselspiel mit Grunzer Martin Freund, versteht sich. Hier allerdings ist Bony noch einmal zu hören. Auffällig ist zunächst einmal außerdem, dass die Truppe erstmals mit einem englischen Albumtitel aufwartet, wobei die Texte der Songs selbst wie gewohnt auf Deutsch gehalten sind. Alles andere hätte das Fanlager sicherlich auch ein wenig irritiert, schließlich waren die (deutschen) Lyrics stets das besonders Reizvolle an der Band.

Clever und spöttisch zugleich ist der Albumtitel jedenfalls auch dieses Mal – nach genialen Perlen wie „Rauchen und Yoga“, „Kaputte nackte Affen“ oder dem erwähnten „Welt ohne Werbung“ lässt auch „Das goldene Anthropozän“ mit sarkastischem, wenn nicht gar zynischem Unterton auf beißende Kritik an der Gesellschaft schließen. Songtitel der Marke „Posthumane Weltregierung“, „Folter und gezieltes Töten“ oder „Tag 1 nach den Menschen“ lassen dann spätestens kaum noch Zweifel aufkommen.

Es geht bereits mit „Weiß“ äußerst bissig los; kritisiert wird (wieder einmal) unsere westliche Wegwerfgesellschaft, die auf Saubermänner und political Correctness macht, hinter der Fassade jedoch skrupellos und ignorant gegenüber dem Rest der Welt agiert, um ihren redundanten Lebensstil aufrechterhalten zu können, und die gleichzeitig all dies für gerechtfertigt hält, weil der Westen ja die Krone der Schöpfung darstellt. In ähnlicher Manier geht es bei „Planeten planieren“ weiter, wo man sich damit auseinandersetzt, wie Europa und die USA den bösen, bösen nordafrikanischen und Nahoststaaten ihr demokratisches System aufzwingen woll(t)en und sich dabei wie die größten Wohltäter aller Zeiten fühlen.

Textlich geht Drummer und Poet Christof Kather dabei in gewohnter Weise vor. Das Ganze ist scharfzüngig, mit boshafter Ironie versehen, klar und kritisch in der Aussage, aber trotzdem so smart formuliert, dass es sich verbietet, von Moralapostel-Getue zu sprechen – genau diese Gestalten kriegen schließlich von der Band ebenfalls regelmäßig ihr Fett weg. So auch auf vorliegender Scheibe, beispielsweise bei „Antisein“, wo thematisiert wird, wie manche Leute (und das ist tatsächlich Fakt) in sozialen Medien quasi angegangen wurden, wenn sie nicht genügend Trauer beim Terroranschlag auf Charlie Hebdo vorgeheuchelt haben.

„Der Untergrund“ wiederum bringt wunderbar auf den Punkt, wie (Internet-)Trends ausgeschlachtet werden, bevor sie überhaupt richtig zur Entfaltung kommen können, „Tag 1 nach den Menschen“ weist darauf hin, dass die Natur den Menschen nicht braucht, der Mensch aber die Natur – man könnte hier noch zig Beispiele für die lyrische Brillanz aufzählen. Sorgen um etwaigen Qualitätsabfall in dieser Hinsicht muss sich wirklich niemand machen – selbst in einem kurzen 15-Sekunden-Track mit dem völlig albernen Titel „Pimmel kneten“ steckt eine Botschaft bzw. eine Kritik.

Musikalisch zeigen die Westfalen erneut, dass sie spieltechnisch jede Menge drauf haben – die Palette reicht von komplexen Rhythmen über zermalmendes Downtempo bis zu rasenden Blastbeat-Passagen, wie man es von JaKa eben kennt, womit die Formation vielfältiger zu Werke geht als der Großteil der Genrebands. Mit dem über sechsminütigen, schon erwähnten „Tag 1 nach den Menschen“ hat man einen Song, der für Grind-Verhältnisse geradezu wie „A Change Of Seasons“ von Dream Theater anmutet, und als sehr gelungen muss man auch das groovige, mit coolen Effekten ausgestattete Instrumental „Weltorganismus“ hervorheben.

Allerdings gibt es eine wesentlich höhere Dosis an Clean-Gesang als zuvor respektive die Vocals klingen klarer, was so manchem Puristen vielleicht sauer aufstoßen mag, auf der anderen Seite jedoch dafür sorgt, dass die intelligenten Texte besser verstanden werden. Außerdem wäre es ja auch langweilig, wenn immer alles genau gleich klingen würde – und diese Gefahr ist bei Grind nun einmal schnell gegeben. Alles in allem jedenfalls wieder eine starke und sehr anständig produzierte Platte aus dem Hause Christof Kather und Co, um die selbstverständlich kein Fan herumkommt.

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