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Iron Maiden: Senjutsu

Gelungen trotz gelegentlicher Redundanz und Selbstzitate
Wertung: 8/10
Genre: Heavy Metal
Spielzeit: 82:02
Release: 03.09.2021
Label: Parlophone Records

Die Abstände zwischen den Albumveröffentlichungen Iron Maidens werden immer größer („The Book Of Souls“ liegt inzwischen sechs Jahre zurück), dafür jedoch warten die Heavy-Metal-Legenden wie beim 2015er Langdreher erneut mit einer Doppelscheibe auf. Ob man die dadurch entstandene Überlängenspielzeit allerdings als positiven oder negativen Aspekt ansehen will, bleibt auch diesmal freilich jedem selbst überlassen – schon bei TBOS sowie wiederum dessen Vorgänger „The Final Frontier“, der mit knapp 77 Minuten ebenfalls sehr lang ausfiel, beschwerten sich so manche Fans und Pressevertreter über zu ausgiebige Songs, die nur um des Selbstzwecks willen Überlänge erreichen, tatsächlich aber zu wenig Konstruktives beinhalten würden, um solch üppige Spielzeiten zu rechtfertigen.

Wer diese Meinung vertritt, wird sich mit „Senjutsu“ genauso schwertun und insbesondere auf die zweite CD skeptisch schielen, da die drei längsten Stücke – allesamt jeweils mit über zehn Minuten Dauer – direkt ans Ende gepackt wurden. Die Eisernen Jungfrauen machen es ihren Supportern also auch mit ihrem 17. regulären Studioalbum nicht einfach; das 82-Minuten-Werk will erarbeitet werden und braucht etliche Durchläufe, um Songstrukturen und Melodiebögen zu offenbaren, und sicherlich kann man auch danach immer noch den Kritikpunkt anführen, dass man die eine oder andere Passage vielleicht etwas kürzer hätte gestalten können.

Interessanterweise gilt letzteres aber weniger für das finale Triplett, das sogar zum stärksten Material des Doppeldeckers gehört: Komplett von Bassist und Hauptsongwriter Steve Harris verfasst, zeigt sich der Bandboss in besserer kompositorischer Verfassung als auf „The Book Of Souls“, wo sein 13-Minuten-Epos „The Red And The Black“ beispielsweise nicht das Gelbe vom Ei war. Sicherlich werden auch hier wieder einige die Nase über die ausgiebigen Intros, Outros und weitschweifige Dudelsequenzen rümpfen, doch hätte man höchstens bei „Death Of The Celts“ ein wenig kürzen dürfen – beim Outro zurück zu dem Anfangsthema zurückzukehren, ist hier unnötig und wirkt so, als ob man den Song unbedingt auf eine Länge von zehn Minuten bringen wollte. Man muss nicht bei jedem Song so verfahren, Mr. Harris – aber nun gut, das hatten wir schon bei den letzten beiden Alben… Ansonsten bieten die drei Epen natürlich wenig Innovatives, machen aber schlichtweg Spaß.

Vor allem das abschließende „Hell On Earth“ beinhaltet alle Zutaten, die auch die großen Klassiker der Engländer auszeichnen: Eine wunderschöne, nahezu verträumte Einleitung à la „Alexander The Great“, im weiteren Verlauf dann die charakteristischen galoppierenden Rhythmen und ein paar typische Breaks – nichts wirklich Neues, aber die Riffs und Melodien sind einfach mitreißend und die Gitarrenfanfaren am Ende so was von hymnisch. Im Endeffekt die beste Nummer des Albums und somit – ähnlich wie seinerzeit „Empire Of The Clouds“ – ein ganz starker Abschluss.

„The Parchment“ wiederum sticht durch den hypnotischen Charakter und die fernöstlich anmutenden Tonfolgen heraus, die eine mystische Atmosphäre kreieren und die Basis für eine spannende Komposition legen, die von absoluten Zucker-Solopassagen gekrönt wird. Fernost bzw. Japan ist ja ohnehin das Hauptthema von „Senjutsu“ (unterstrichen durch den Katana-schwingenden Samurai-Eddie auf dem Cover), das entsprechend aus dem Japanischen stammt und in etwa „Taktik und Strategie“ bedeutet. Der einleitende Titeltrack ist denn auch von orientalisch klingenden Schlenkern geprägt, gehört wie zuletzt bei vielen Openern der letzten Maiden-Alben jedoch nicht unbedingt zum herausragenden Material – irgendwie kommt das Stück nicht recht aus dem Quark und wirkt etwas statisch.

Besser ist das kompaktere, folgende „Stratego“, erst mit dem als erste Single veröffentlichten und mit coolem Video versehenen, melancholisch angehauchten „Writing On The Wall“ erreichen die Jungfrauen aber wirklich Topform – der Song wächst stetig und der superbe Refrain will nach einigen Durchläufen die Gehörgänge überhaupt nicht mehr verlassen. Äußerst gelungen ist des Weiteren der knackige Ohrwurm „Days Of Future Past“ sowie das die zweite CD einläutende „Darkest Hour“, das dem Titel gemäß ziemlich düster ausgefallen ist und daher Reminiszenzen an die „The X Factor“-Phase weckt, die ja nun nicht, wie mitunter behauptet, ausschließlich und komplett für die Tonne war. Auch hier sind wieder besonders sahnige Solopassagen enthalten.

Alles in allem ist „Senjutsu“ ähnlich wie sein Vorläufer ein absolut solides Album geworden. Eine wirkliche Überraschung à la „Empire Of The Clouds“ bieten Iron Maiden zwar diesmal nicht, mit vielschichtigen Arrangements können sie dennoch erneut glänzen, wobei – ebenfalls wie bei „The Book Of Souls“ – auch diesmal die zweite CD die erste klar übertrumpft. Bruce Dickinson singt für einen mittlerweile 63-Jährigen ganz hervorragend, die Gitarrensoli können sich wie immer hören lassen und die Shirley-Produktion tönt wie gehabt unspektakulär aber in Ordnung – lediglich die Vocals hätten im Gesamtmix ein wenig mehr im Vordergrund stehen dürfen.

In einem Song wie „Lost In A Lost World“ (das ja allein vom Titel her schon an „Stranger In A Strange Land“ denken lässt) klaut die Band zwar wirklich schamlos bei sich selbst, doch sind die zahlreichen Selbstzitate letztlich derart clever zusammengesetzt, dass auch diese Nummer irgendwie passt. Stimmungsabhängig schwankt man zwischen „Eigentlich eine Unverschämtheit, sich so auffällig dreist selbst zu kopieren“ und „Scheißegal, Bock macht es trotzdem“.  

Am Ende stellt sich ohnehin die Frage: Will der Fan denn noch etwas in dem Sinne wirklich Neues von dieser Band hören? Es allen Recht machen, ist sowieso unmöglich und beweisen müssen Maiden niemandem mehr etwas. Ein paar Kürzungen hier und da wären nicht verkehrt gewesen (so ist der „Dance Of Death“-mäßige Dudelpart in der zweiten Hälfte im an sich vielversprechenden „The Time Machine“ – guter Refrain, schöne Akustikgitarren – eher penetrant-nervig), aber über 82 Minuten insgesamt ein solides Level zu halten und dabei auch ein paar richtig geile Nummern am Start zu haben, obwohl man sich merklich bei der eigenen Vergangenheit bedient, ist auch eine Kunst für sich.

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