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Inferno: Pioneering Work

Für "wahre" Punkfans aller Typen ein Pflichtkauf.
Wertung: 99/10
Genre: Punk
Spielzeit: 125:0
Release: 24.08.2007
Label: Destiny Records

Liebe Droogs, ich darf Euch zur heutigen Vorstellung des neuesten Double Features aus dem Hause Inferno herzlichst begrüßen, eine Reminiszenz an vergangene Tage, um ihr bereits lange zu Grabe getragenes Kind noch einmal zu exhumieren, in ein ansprechend remastertes Soundgewand kleiden und kommenden Generationen schmackhaft machen zu können.

Unser Schirmherr und eloquenter Begleiter durch die kleinbürgerlichen Spießer-Abgründe des menschlichen Wahnsinns heißt diesesmal Archi "MC" Motherfucker, der, nachdem sich der Nebel gelichtet und Inferno den Geist aufgegeben hatte, als neuer Sänger und Gitarrist bei der "Terrorgruppe" anheuerte, also Punkfans kein Unbekannter sein dürfte.

Auf zwei dicke Booklets verteilt erzählt er uns seine kleine Punknovelle; voll horrorshow, wie er und seine seine drei - munter durchwechselnden - Droogies im Laufe der 80er Jahre eine Hardcore-Macht auf die Beine zu stellen suchten, mit der man rechnen muss und die sich nicht durch Tollschocks der höheren Autorität beeindrucken ließ:

Das ganz alltägliche Grauen, mit der sich eine haste-mal-ne-Mark-Combo konfrontiert sieht; man liest die Geschichten und glaubt sie, so viel alltäglicher und ehrlicher als "Dorfpunks" von jedem Schamoni, wie die Jungs versuchen Zong vor der Einberufung durch die Bundeswehr zu retten, indem sie ihm den Fuß brechen wollen, ein Labeldeal, bei dem der Plattenboss noch seine Schwulen-Pornosammlung präsentiert und derlei liebenswerte Stories.

Überhaupt spielt das Drumherum eine genauso wichtige Rolle wie die Mucke selbst, jedes Bild und jede bedeutungsschwangere Silbe wird in hundert Jahren Futter für Musikhistoriker sein.

Für den Leser, der unempfänglich für Subtilitäten ist, mache ich das zu erwartende Niveau nochmal etwas deutlicher: Man darf keinen epischen Hollywood Blockbuster nach einem Roman von Dante Alghieri erwarten, sondern eher C-Movie Trashkino aus der baufälligen Zwei-Mark Flimmerbude, in der sich dieses Programm mit Pornoproduktionen ähnlichen Qualitätsniveaus abwechselt.

Inferno nennen ihr Werk "pioneering", also wegweisend und das Prädikat trifft in jedem Falle zu, denn die Jungs waren genau so große Punkpioniere wie Sesamstraßes Oskar aus der Mülltonne und konnten so ergiebige Antworten auf Fragen wie "wie schnell kann man eigentlich einen 4/4 Takt spielen?" liefern.

Abgesehen von der Hauptsache schnellen und lauten Musik gibt es lyrische Ultrabrutale auf deutsch und englisch gegen Alles und Jeden von "Bundeswehr", dem "KKK", "Ronald Reagan", der "linken Sau", sowie ihr politisches Manifest "Birne muss Kanzler bleiben".

Voll horrorshow, die erste CD suggeriert dem Leser noch, man habe es hier mit ein paar Gestalten zu tun, die ihren Gulliver nur deshalb auf den Schultern tragen, um immer eine Einfüllstelle für die leckere Korova Milk+ "mit noch was drin" parat zu haben, ohne jeglichen Sinn auf musikalisch-harmonische Gesetzmäßigkeiten, bei einer durchschnittlichen Songlänge von 1:30 und maximal drei Akkorden.

Die zweite CD, die sich auch normale Menschen anhören können, hat auch endlich ausgefeiltere, längere Nummern mit Tempiwechseln, Double Bass und sogar einem Gitarresolo, weshalb man sie schon fast dem geneigten 80er Ruhrpott-Assi-Thrash Metalhörer nahebringen mag, denn es besteht durchaus Annäherung, da S.O.D. ja selbst einst "ram it up" coverten.

Ob Inferno nun asoziale Vollblutpunks sind, will ich nicht beurteilen, sie wirken aber jedenfalls absolut glaubwürdig auf einer Linie mit Slime und Exploited; mit dem, was heute unter Punk läuft, hat die Band zero zu tun.

Ich kann den Hörer anspruchsvoller Musik beruhigen: Es ist nicht nur stupider Assi-Pogo-Punk, was da abgeliefert wurde, sondern nur größtenteils.

Fazit: Meiner Theorie nach lässt sich die Gesamtheit einer musikalischen Hörerschaft in drei Typen aufspalten, mit sich z.T. diametral entgegengestellten Hörvorlieben und Musikwerte, und zwar:

Typ 1, Beavis und Butthead: "Yeah Metal, kicks ass, DADADAAAADADA, cool, Metallica rulz"

Typ 2, Rob Gordon (der bindungslose, listenfanatische Charakter aus Nick Hornbys "High Fidelity"): "Ich glaube, die Musik verstanden zu haben und eine allgemeine Bewertung mit anderen Werten anderer Genres anstellen zu können. Und die Lichteffekte sind ja wohl mal der Hammer, sellten so eine geile Show erlebt."

Typ 3, Jay Sherman der Musik (vernichtender, fiktiver Kritiker, dessen Hauptkommentar "alles Mist!" ist): "Die Band spielt einen verschleppten 5/4, obwohl man die Orchestration doch viel sinnvoller auf 7/8 transponiert werden sollte; und überhaupt, was soll der Mist mit der attonalen Zwölf-Tonkacke, haben die denn gar kein Wissen von diatonischen Skalen?"

Dieses Modell funktioniert genreübergreifend und ohne Rücksicht auf soziale und kulturelle Rahmenbedingungen (obwohl Bildung außen vor gelassen wird, da sie z.T. abhängig der sozialen Schicht ist).

Ein Großteil der Schlagerfans, die nur Unterhaltung und Stimmungsmucke suchen, aber auch Leute, die in Black Metal eine Lebenseinstellung sehen, und alles andere grundsätzlich nicht hören wollen, sind Lager 1 zuzuordnen; Musik wird gar nicht oder kaum näher analysiert, sondern einfach "as is" aufgenommen, die Bewertung zwischen Geschmack und Ablehnung ist am kürzesten, da der Horizont des Tolerierbaren am engsten ist.

Typ 2 ist der einzige Typ mit zwangsläufig breitem musikalischen Horizont; ein Kontrollfreak, der Quervergleiche anstellt, alles mit allem vergleicht, um das Gehörte einem Ordnungsprinzip unterwerfen zu können und grundsätzlich auf jeder Dimension unterhalten werden will.

Anonymer Musikpolizist mit verschränkten Armen, dem man es im Prinzip nie Recht machen kann -> logisch, Typ 3.

Für "wahre" Punkfans aller Typen (right, es gibt keine Unwahren, weil sich jeder als Wahrer bezeichnet) ist es ein Pflichtkauf, normale Typen 1 können mal einen Blick darauf werfen und alle andern sollten einen gewaltigen Bogen um das Teil machen; da man auf Grund derartig widersprüchlicher Typen keine gemeinsame Basis in Form einer Wertung festlegen kann, lässt es sich nur als unbewertbar bezeichnen; daher mein kleiner, musiktheoretischer Anriss, den ich bei Gelegenheit ja mal näher ausführen kann.

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