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Ihsahn: Telemark

Starke erste von zwei geplanten EPs, erstmals mit norwegischen Texten
Wertung: 8,5/10
Genre: Progressive Metal
Spielzeit: 25:18
Release: 14.02.2020
Label: Candlelight Records

Zugegeben, nach dem sperrigen und teilweise sehr zerfahrenen fünften Album „Das Seelenbrechen“ hat der Verfasser dieser Zeilen Ihsahn ein wenig aus den Augen verloren, denn bei allem Respekt für die Experimentierfreudigkeit und den Mut des Norwegers, neue Wege zu gehen, wirkte jene Scheibe zum Teil ziemlich ziellos. Trotzdem ein großer Fehler meinerseits offensichtlich, denn nachdem das Anhören der beiden weiteren seitdem veröffentlichten Full-Length-Scheiben „Arktis“ (2016 – damals acht Punkte vom Kollegen Thomas hier bei The-Pit.de) und „Ámr“ (2018) nachgeholt wurde, steht fest, dass es sich um zwei richtig starke Platten handelt. Der frühere Emperor-Frontmann hat den Abgefahrenheits-Level wieder ein wenig heruntergeschraubt und seine Kompositionen in konventionellere Bahnen gelenkt, ohne dabei seinen innovativen Geist auf der Strecke zu lassen.

Das Ganze wirkte wieder deutlich Roots-orientierter, was vor allem alte Fans, denen Ihsahns Soloplatten möglicherweise zu prätentiös wurden, begrüßt haben dürften. Seine neue EP „Telemark“ ist die erste von zwei geplanten, fünf Tracks starken EPs, die von seiner Heimat inspiriert sind – Telemark ist eine Landschaft und Provinz im Südosten Norwegens. Es handelt sich hierbei um die erste EP Ihsahns in seiner Solokarriere, zuletzt war er mit diesem Format noch zu Emperor-Zeiten in Erscheinung getreten. Den erwähnten letzten beiden Alben folgend – laut eigenen Worten insbesondere „Arktis“, da hier auch inhaltlich ähnlich gelagerte Themen zum Zuge kommen –, geht es erneut weniger avantgardistisch, sondern eher recht brachial zur Sache.

Im eröffnenden „Stridig“ wird nach einem kurzen, bedrohlich anschwellenden Intro umgehend das Gaspedal durchgetreten, und so simpel das Mainriff prinzipiell auch ist, so effizient zeigt es sich gleichermaßen. Treibend, kraftvoll, erhaben und eingängig, sollte hier jeder Fan sofort aufspringen und Luftgitarre spielen. Die zwischendurch ertönenden Bläser sind clever eingesetzt und geben dem Ganzen eine dezente jazzige Note – doch dass der Meister ein Faible für Bläser hat, sollte bekannt sein und natürlich versteht er es mittlerweile, diese richtig zu dosieren und nicht damit zu nerven.

Auch in den weiteren Nummern der Kurzrille reichern Blassequenzen den Sound an, ohne jedoch den eindeutig die Hauptrolle spielenden Gitarren das Spotlight zu klauen: „Nord“ ist ein typisch marschierender Midtempo-Track, sehr effektiv nach dem flotten Opener, recht melodisch sowie mit klassischem Gitarrensolo ausgestattet. Mittels harscher Vocal-Performance wird die Kälte des Nordens eingefangen, aber durch die verschiedenen Instrumente wirkt das Stück gleichzeitig sehr farbenfroh. Sehr stark, doch das knapp achtminütige Titelstück steht dem in nichts nach. Diese dritte Nummer kommt mit ihren Wendungen und Tempowechseln wiederum ziemlich progressiv daher und stellt so den spannendsten Song der EP dar. Ferner gibt es hier einiges an Blastbeats zu hören, die Black-Metal-Wurzeln sind somit in der Tat sehr präsent.

Etwas überraschend dann sicherlich die beiden Cover, denn das hat Ihsahn bisher nicht getan, wobei Lenny Kravitz’ 1995er Hit „Rock’n’Roll Is Dead“ das interessantere sein dürfte. Auch heute noch mit seinem catchy groovenden Riff eine geile Nummer, lange bevor Kravitz mit Banalitäten wie dem supernervigen „Fly Away“ oder der Billigballade „Again“ langweilte. Iron Maiden zu covern, ist hingegen für einen Metalmusiker wohl das unoriginellste, was man tun kann, aber sehr gut gemacht und für den Stil des Norwegers brillant adaptiert ist auch das zweifellos.

Dieser äußerst gelungenen EP, bei der Ihsahn im Übrigen erstmals in Norwegisch singt und kreischt und in reifer und effektiver Manier alte und neue Einflüsse unter einen Hut bekommt, soll in Bälde ein weiteres Minialbum folgen, auf der „ich meine progressiveren, experimentelleren und sanfteren Elemente meiner Musik destilliere“. Man darf gespannt sein – Ihsahns Kreativität kennt offensichtlich keine Grenzen.

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