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Ihsahn: Eremita

Streckenweise zerfahren
Wertung: 7/10
Genre: Progressive Metal
Spielzeit: 54:02
Release: 29.06.2012
Label: Candlelight Records

Wirklich interessant, was aus Ihsahn mittlerweile für ein Musiker geworden ist. Der Norweger war irgendwie schon immer so eine Art Wunderkind, denn wenn man bedenkt, dass der Kerl beim Release der ersten Emperor-Full-Length „In The Nightside Eclipse“, die selbstredend jeder, der etwas auf sich hält, als gottgleichen Klassiker ansehen muss, gerade einmal zarte 18 Lenze zählte, musste man sich (so visionär, wie jene Scheibe klingt) fragen, was da wohl erst in zehn, 15 Jahren noch kommen würde.

Nun, die Entwicklung wird nicht bei allen auf Gegenliebe gestoßen sein. Inzwischen ist der gute Mann 36 Jahre alt und hat offenkundig Pink Floyd, Prog Rock und Jazz längst als seine vielleicht größten Leidenschaften auserkoren, was auch seinem vierten Soloalbum „Eremita“ sehr deutlich anzuhören ist. Waren Ihsahns erste beide Platten „The Adversary“ und „angL“ noch einigermaßen im Black Metal verwurzelt (vor allem das 2006er Werk), so zeigte das vor zwei Jahren erschienene „After“ bereits eine deutlich komplexere Ausrichtung. Wem diese Tendenz schon damals nicht gefallen hat, der wird auch an „Eremita“ keine große Freude haben, das Material als prätentiös diskreditieren und Ihsahn als jemanden ansehen, der lediglich verzweifelt versucht, sich von seiner übergroßen Vergangenheit als Frontmann einer der größten Black-Metal-Legenden aller Zeiten zu lösen.

Fakt ist, dass Herr Tveitan es der Hörerschaft auch auf Solo-Output Numero vier alles andere als leicht macht, Fakt ist allerdings ebenso, dass er seine Vergangenheit keineswegs leugnet – ein Blastbeat-geschwängerter Kracher vom Schlage „Something Out There“ beinhaltet durchaus Elemente, die man auch auf einem Emperor-Spätwerk wie „Prometheus“ finden kann. Dass der Norweger inzwischen längst die progressive Schiene fährt, kann indes nicht verwundern, da auch Emperor immer (selbst bei den Frühwerken, die für damalige Verhältnisse eben unheimlich vorausschauend waren) etwas Progressives an sich hatten.

So gesehen ist „Eremita“ eine sehr spannende Scheibe, auf der es viel zu entdecken gibt, die mit großer stilistischer Vielfalt und äußerst ausgeklügelten Arrangements beeindruckt, und die Ihsahns Drang zu Experimentierfreudigkeit und seinen unbedingten Willen, stets etwas Neues auszuprobieren, unterstreicht. Nichtsdestotrotz fehlt manchmal doch ein bisschen der rote Faden, manchmal wird man das Gefühl nicht los, er will zu viel auf einmal und kann seine Experimentiererei nicht immer so ganz zügeln. Sicherlich war bereits „After“ ein harter Brocken, doch war über die gesamte Albumdistanz ein klareres Konzept erkennbar; allein schon durch die zusammenhängenden, jeweils zehnminütigen Herzstücke „Undercurrent“ und „On The Shores“.

Hingegen wirkt auf der neuen Platte vieles etwas zerfahren – hier ein bombastischer Soundtrack-artiger Part, dort Akustikgitarren, da Black-Metal-Sequenzen; häufig scheinbar etwas zwanghaft verknüpft. Die Frauenstimme in der Abschlussnummer „Departure“ will ebenfalls nicht recht passen und die free-jazzig anmutende Passage in „The Grave“ wirkt etwas zu sehr auf Chaos getrimmt, wobei dem Song trotzdem eine zugegebenermaßen sehr verstörende Atmosphäre innewohnt, von der man ohne Zweifel eingenommen werden kann. Außerdem wird natürlich auch das erneut oft verwendete Saxophon von Shining (NO)-Weirdo Jørgen Munkeby nicht jedermanns Sache sein – dessen Einsatz ist zu häufig und manchmal auch unnötig, sodass es irgendwann sogar nervig wird.

Dennoch finden sich auch auf dieser Platte große Momente – gerade das überlange „The Eagle And The Snake“ klingt wahnsinnig erhaben und episch. Und auch der mit einem schnörkeligen Mainriff versehene Opener „Arrival“ und das mit einem majestätischen Refrain gesegnete „The Paranoid“ sind starke Kompositionen, die vor allem mit Hooklines glänzen, von denen es insgesamt zu wenig zu verzeichnen gibt – wiederum im Gegensatz zu Ihsahns vorigen Alben.

Damit hier jedoch kein falscher Eindruck entsteht: „Eremita“ ist trotzdem objektiv betrachtet ein musikalisch hochklassiges Album geworden und vor Ihsahns Experimentierfreude und Kompromisslosigkeit kann man nur den Hut ziehen. Dennoch sollte er aufpassen, dass es ihm nicht zu sehr entgleitet und nächstes Mal vielleicht wieder etwas mehr auf klare Hooks setzen – sonst kommt das Ganze eben zu schnell überambitioniert herüber, was viele jetzt schon so empfinden dürften. Ob den Meister die Meinung anderer tatsächlich kümmert, ist allerdings eher zu bezweifeln, dazu zieht er zu sehr sein eigenes Ding durch.

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