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Ihsahn: Das Seelenbrechen

Er macht’s einem nach wie vor nicht leicht
Wertung: 6.5/10
Genre: Progressive Metal
Spielzeit: 48:55
Release: 25.10.2013
Label: Candlelight Records

Ein gewisser Intellekt schwang bei den Veröffentlichungen, an denen Ihsahn beteiligt war, schon immer mit – auch bei den frühen Emperor-Alben, die im Gegensatz zu manch anderen Genrezeitgenossen ziemlich anspruchsvoll gespielt und arrangiert waren. Auf seinen bisherigen vier Soloscheiben tobte sich der Norweger aber erst so richtig aus und wilderte in allen möglichen musikalischen Gebieten, was an sich natürlich begrüßenswert ist, weil es Innovation verspricht – auf dem letzten Album „Eremita“ jedoch drohte ihm das Ganze so ein bisschen zu entgleiten, manchmal schien Herr Tveitan doch etwas zu viel auf einmal zu wollen.

Dass Ihsahn es einem mit seinem nun schon fünften Alleingang nicht unbedingt sehr viel leichter machen würde, das deutet schon der kryptische Titel „Das Seelenbrechen“ an – eine kleine Hommage an den von ihm so verehrten Friedrich Nietzsche. Und auch die einzelnen Songtitel sind doch sehr unkonventionell, sodass man sich schon denken kann, dass einen irgendetwas Schwieriges und Sperriges erwarten würde, etwas, das schwer im Magen liegt – man weiß nur vorher nicht, in welcher Form es wohl dargeboten wird. Immerhin geht man so sehr gespannt auf das, was da wohl kommen wird, an die Angelegenheit heran; wenigstens vermag Ihsahn im Gegensatz zu manch anderen, die immer dasselbe bieten, einen noch zu überraschen.

Der erste Track „Hiber“ allerdings bietet gar nicht mal so viel Überraschendes. Die melodischen Wendungen, Rhythmik und Riffing sind sehr "typisch Ihsahn" und man stellt fest, dass der Kerl trotz aller Experimentierfreudigkeit mittlerweile durchaus seinen eigenen Stil gefunden und etabliert hat. In jedem Fall ein guter Beginn, ein Stück, das zwar vertrackte, proggige Sequenzen beinhaltet, gleichzeitig aber genug Widerhaken-Melodien, um nicht gleich wieder aus den Hirnwindungen zu verschwinden.

„Regen“ fällt dann natürlich schon wegen seines deutschen Titels auf und soll sich auch vom Fleck weg als erstes ganz großes Highlight der Scheibe entpuppen: Ein zärtlicher, zerbrechlicher Beginn, von Ihsahns Klarstimme und perlenden Pianoklängen getragen, der ein bisschen was von ruhigen Opeth hat, läutet den Song ein, der sich schließlich immens steigert – wie der Refrain aufgeht, ist einfach fantastisch gemacht und hat etwas Erhabenes und Erlösendes. Zwar hört man, dass die orchestralen Elemente leider nur vom Keyboard (oder vom Rechner) kommen und natürlich wären gerade bei so einer bombastischen Ballade echte Orchesterinstrumente schöner gewesen, aber dass das Ihsahns Budget wohl ein klein wenig gesprengt hätte, kann man sich denken und so ist das Jammern auf hohem Niveau. Zumindest ist erkennbar, dass sich der Norweger in puncto Klargesang noch einmal deutlich gesteigert hat.

Tolle Einfälle gibt es ebenfalls bei „NaCI“ zu bestaunen, besonders das überragende, versierte Schlagzeug sticht hervor, und wie locker zwischen rhythmischer Komplexität und melodischen, post-rockig angehauchten Parts gewechselt wird, ist abermals klasse gemacht. Nein, mangelnden Einfallsreichtum kann man dem Skandinavier nicht vorwerfen und wiederum überzeugt er mit sehr gutem Klargesang. 

„Pulse“ mit seinem repetitiven, hypnotischen Charakter markiert die vierte starke Nummer hintereinander (wobei sich alle vier klar voneinander unterscheiden, was man als Bonus werten darf) und man überlegt sich möglicherweise schon, ob „Das Seelenbrechen“ eines der Top-five-Alben des Jahres werden könnte, da wird in Gestalt von „Tacit 2“ die zweite, wesentlich schwerer verdauliche Hälfte der Platte eingeleitet. Das Stück ist eine fünfminütige Zerstörungsorgie, bei der die Instrumente mehr oder weniger wahllos malträtiert werden und sich der Meister selbst die Lunge aus dem Leib kreischt. Sicher, das soll als Kontrast zum bisher Gehörten herhalten und ja, das Ganze hat eine bedrohliche Atmosphäre, aber über die Notwendigkeit dessen darf man sich dennoch streiten. Eine Struktur gibt es nicht wirklich, die Nummer ist irgendwie so ein bisschen auf „Evil Free Jazz“ getrimmt. Für mich absolut überflüssig und zum Skippen einladend (und ich hasse es zutiefst, bei einem Album Tracks zu überspringen) – hätte man gleich mit „Tacit“ weitergemacht, das mit seinen Bläserfanfaren leichte Erinnerungen an das letzte offizielle Emperor-Studioalbum „Prometheus“ (2001) erweckt, wäre es auch okay gewesen.

Allerdings will die gesamte zweite Hälfte nicht an das tolle Niveau der ersten vier Songs heranreichen. Das Stick-Geklimper bei „Rec“ ist eher nervig als sonderlich originell und überhaupt wirkt die Komposition recht ziellos, während „M“ recht geheimnisvoll beginnt, dann aber zu einer relaxten Chill-out-Nummer mit Psychedelic-Schlagseite plus schönen Gitarrenlicks mutiert. Trotzdem hat auch dieser Track eher etwas Soundscape-artiges als dass es sich um einen „richtigen“ Song handelt. Genau wie das finale „See“, das eine ähnliche Lärmorgie wie „Tacit 2“ darstellt, wenn auch ein bisschen mehr Struktur auszumachen ist.

Letzten Endes ein Fazit für dieses Album zu ziehen, fällt nicht leicht, aber das ist man ja von Ihsahn gewohnt. Der Norweger zeigt deutlicher denn je, dass er seinen eigenen Kopf hat und keineswegs allen gefallen will. Das ist natürlich völlig in Ordnung, sollte vielmehr ja sogar auch immer so sein, aber so viele Einfälle er auch hat, nicht jeder vermag zu begeistern, was bei teilweise so sperrigem und eigenwilligem Material jedoch wohl in der Natur der Sache liegt.

Ihsahn gebührt auf jeden Fall Respekt dafür, dass er kompromisslos und unbeirrt seinen eigenen musikalischen Weg beschreitet und alles Mögliche ausprobiert, trotzdem muss ich rein subjektiv bemerken, dass ich bestimmt mindestens neun Punkte gezückt hätte, wenn die zweite Hälfte von „Das Seelenbrechen“ ähnlich überragend wie die erste gewesen wäre. Nur wird die Scheibe durch die beiden Noise-Tracks für meine Begriffe unnötig in die Länge gezogen und auch die anderen Soundscape-Stücke können nicht hundertprozentig überzeugen und wirken mitunter orientierungslos. Das führt zwar zu nicht unerheblichem Punkteabzug, trotzdem ist Vegard Sverre Tveitans fünfte Soloplatte zweifellos sehr interessant und vielfältig. Und nun heißt es erst einmal auf die Emperor-Reunion freuen!

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Absolut fantastischer Konzertabend, der kaum überboten werden kann