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Iced Earth: Dystopia

„Dystopia“ ist nicht die beste Reiseempfehlung
Wertung: 7/10
Genre: Power Metal
Spielzeit: 45:10
Release: 14.10.2011
Label: Century Media

Die Florida-Metaller Iced Earth legten ja in diesem Sommer eine beeindruckend emotionale Abschiedstour hin, um sich gebührlich zum zweiten Male von Matt Barlow zu verabschieden – nicht wenige Fans lagen sich „trauernd“ in den Armen und werden diesen Frontmann ewiglich zu den Besten der kompletten Bandgeschichte in Erinnerung halten. Die wesentlichste Frage zum neuen Album dürfte deswegen kaum die stilistische Ausrichtung des neuen Materials sein, sondern eher, wie der Neue denn seine Sache so macht.

Der Neue, nunmehr fünfter Sänger bei Iced Earth, wird für seine andere Band Into Eternity in Zukunft nur noch wenig Zeit opfern können, denn mit dem Matt-Abtritt sollte die Festival-Tingelei ein Ende haben – Clubshows auch hier in Europa könnten wieder häufiger auf dem Speiseplan stehen. Klar, Jon lobte seinen Stu Block schon reichlich über den grünen Klee – eine ganz normale Reaktion, wenn man selbst kaum einschätzen kann, wo man steht und vor allem, wie die Fans denn reagieren.

Deswegen steht auch gleich Stus Gesang im Vordergrund. Kann er den anderen das Wasser reichen, oder geht er gnadenlos unter? Der Nörglerzahn kann schnell gezogen werden, denn Stu schafft es, mit seinem variablen Gesang nicht nur eigene Akzente zu setzen, sondern auch zahlreiche Erinnerungen, vornehmlich an Matt und dem Ripper, aufrecht zu erhalten. Schon beim Opener und Titeltrack „Dystopia“ zieht Stu richtig gut vom Leder, glänzt sowohl mit Gesang in den mittleren Tonlagen, aber auch die höheren Screams sitzen satt und fest im Sattel – besonders im zweiten Teil bei „Equilibrium“ könnte man stellenweise Stu mit Rob Halford zu besten Zeiten in einen Topf werfen.

Zurück zu „Dystopia“: Schon in der ersten Minute wird die epische Pathos-Gitarren-Keule ausgepackt, die Drums poltern in bester „Wir marschieren und marschieren“-Manier, bevor Stu mit einem langen Schrei dem kraftvollen Power Metal Platz verschafft – Iced Earth haben anno 2011 weitestgehend den lästigen Bombast, der live nur selten wirklich zur Geltung kommt, über die Wupper gekippt; Jon Schaffer, der mit dem neuen Frontmann wohl endlich einen Bruder im Geiste, was das Songwriting betrifft, getroffen hat, setzt mehr auf rockende Power und hat trotz der düsteren Texte ein etwas beschwingteres und betont unbekümmerteres Album kreiert.

Frei nach dem Motto „unser Balladenhit „Melancholy“ muss doch wiederholt werden können“ rocken sie sich durch den Tränendrücker „Anguish of Youth“ – akustische Gitarre (na klar) und ein extrem griffiger Refrain sollten live zum Feuerzeugalarm reifen – gut gemacht allemal, aber ein Schluck mehr aus der Flasche der Originalität hätten auch diesen Szeneveteranen gut getan. Mit „End Of Innocence“ bewegen sich die Power Metaller schon ein wenig auf dem Creed/ Alter Bridge-Trip, natürlich darf auch hier die Akustische genauso wenig fehlen wie die ausgefeilte, mitsingbare Melodie.

Aber Iced Earth bieten mit „Boiling Point“ auch einen deutlich aggressiveren Track, einige wie kleine Donnerschläge eingesetzte Drumschläge sorgen für mehr Dramatik, Stu pendelt zwischen mittleren Tönen und herrlich hohen Screams – nein, die vokalistische Nähe zu den Ex-Shoutern soll hier nicht nochmals wiederholt werden – das Riffing haut zwar nicht gerade vom Hocker, treibt aber den Song in typischer Schaffer-Eigenart nach vorn und rifft sich so schon fast zum kurzweiligen Albumfavoriten.

Wenn die ersten Takte von „Days Of Rage“ durch die Membranen hoppeln, da ist man froh, dass Iced Earth endlich wieder ein wenig den Midtempo-Pfad aus „Dystopia“ verlassen haben, aber spätestens bei der x-ten uninspirierten Wiederholung des Songtitels geht es dann doch ein wenig auf die Nüsse – gut, dass die Radioverbindung nach etwas mehr als zwei Minuten abreißt und den Tagen des Zorns den Garaus macht.

Im mittleren Teil der CD angekommen, drehen Iced Earth noch richtig – zwar trieft der Stampfer „V“ reichlich mit Pathos; „Prepare For Victory“ ist schnell gesungen, hat das Potenzial, sich im Ohr einfach festzusetzen und wird sicherlich in Zukunft von den Live-Setlisten nicht mehr wegzudenken sein.

Sicherlich waren die Erwartungen der Fans im Vorfeld hoch; nicht nur, weil der „Meister der Herzen“, Matt Barlow, sich mit einer phänomenalen Abschiedsreise noch ein Stückchen unsterblicher gemacht hat, sondern auch, da Jon Schaffer auch nicht müde wurde, preiszugeben, dass er mit Stu nicht nur einen Partner zum Lieder schreiben gefunden hat, sondern dass dieser Kerl auch richtig gut singen kann. Stimmt, denn an der gesanglichen Performance gibt es kaum etwas auszusetzen – vielleicht ein bisschen weniger Korsett und mehr Wagnis, den engen Power-Metal-Pfad auszureizen. Das schaffen Iced Earth nur bedingt – der Bombast liegt zwar fast gänzlich darnieder und wurde durch treibende Rocksongs verdrängt, die live sicherlich energetischer umgesetzt werden können, auf CD allerdings wird man einfach nicht das Gefühl los, dass die Florida-Boys ein wenig zu sehr auf Nummer sicher gehen, um sich nicht noch mehr die Finger zu verbrennen. Toller Sänger, teilweise klasse Songs, aber auch einiges an Durchschnitt – hoffentlich findet man aus dem düsteren „Dystopia“ auch wieder zurück, ohne Hauen und Stechen, denn Iced Earth können es besser.

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Absolut fantastischer Konzertabend, der kaum überboten werden kann