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Houston: Houston

Wie ein Eighties-Best-Of - aber mit neuen Songs
Wertung: 7.5/10
Genre: Classic Rock/AOR
Spielzeit: 50:53
Release: 22.04.2011
Label: Spinefarm Records/Universal

Kaum zu glauben: Houston sind zwei junge Schweden, die mit ihrem selbstbetitelten Album in diesem Jahr gerade mal ihr Debüt auf den Markt bringen – aber ihre Musik klingt, als habe man sie seit mindestens 25 Jahren ununterbrochen in den Oldie-Radios dieser Welt zu hören bekommen. Mit allen Nebeneffekten: Stammen die ersten Takte von „Pride“ nicht aus Supertramps „Logical Song“? Und wo kommt nochmal das Gitarrenriff her? Die Gesangsmelodie... auch schon mal gehört...

Nun ist es ja eine alte Produzentenweisheit, dass ein guter Song dem Hörer immer das Gefühl gibt, ihn schon irgendwoher zu kennen. Der Konsum von „Houston“ lässt darauf schließen, dass es diese Faustregel auch noch in umfassender Buchform, als Selbstlernkurs oder irgendwie sonst didaktisch aufbereitet zu kaufen geben muss. Anders ist es kaum zu erklären, dass diese nordischen Jungspunde Song für Song schreiben, als habe es die Neunziger und 2000er nie gegeben. Für den Retro-Fan bleibt dabei kein Wunsch offen: Ob jaulende Hammondorgel, ganz große Melodien, die an Survivor und Europe erinnern oder Gitarrenriffs und -soli à la Deep Purple – alles da. Wichtigstes und stilbildendstes Ingredienz ist aber die kompromisslose Achtziger-Ästhetik, die bei ständig präsenten Synthesizerflächen beginnt und über kraftvoll hallende Drums bis hin zu elektronischen Klavierklängen à la Genesis oder eben Supertramp reicht. Polarisierend? Aber Hallo!

Schließlich sind gerade die 1980er das wohl streitbarste Rockmusikjahrzehnt überhaupt: Rock trifft Elektronik, Rock trifft Kitsch, Rock trifft Haarspray. Es zählt die ganz große Geste, die überbordende Melodie, der schmalzige Moment. All das haben Houston. Nicht nur in einem Song, sondern auf Albumlänge. Und das macht sie eigentlich ziemlich großartig.

Denn Houston schreiben nicht nur Songs; sie schreiben vor allem Hits, mit denen man WDR 2 bei Playlistausfall problemlos eine gute Dreiviertelstunde am Laufen halten könnte. Besonders die erste Hälfte der Platte reiht Hookline an Hookline, punktet mit tollen Songdramaturgien und tadelloser technischer Leistung. Ohrwurmpotential hat dabei eigentlich jeder einzelne Refrain – allein das zeugt schon von wirklich gekonntem Songwriting. Für Abwechslungsreichtum ist ebenfalls gesorgt: Bei „Truth Slips“ holt man sich eine Sängerin ans zusätzliche Mikrofon, „I'm Alive“ haut dem Hörer direkt zu Beginn unfassbar cheesige Chöre zwischen Europe und Queen um die Ohren und „Give Me Back My Heart“ macht mit schön gesetzten Klavierklängen auf Elton John.

Dass sich so mühelos Vorbilder und Vergleiche finden lassen, zeigt schon: Houston klauen wie die Raben. Sie klauen gut und sind zum Glück auch ziemlich wählerisch, aber eine eigene Note fügen sie den Versatzstücken nicht wirklich hinzu. Darüber könnte man hinwegsehen, denn die Detailtreue, mit der die Schweden ihre Pseudo-Oldies darbieten, grenzt wie gesagt an Perfektion. „Houston“ erscheint dann als eine Art Eighties-Best-Of mit neuen Songs – eine paradoxe Vorstellung. Wem das gefällt, der kann und sollte ungehört zugreifen. Wer dagegen von neuen Bands auch neue Ideen erwartet, hält sich in Sachen Oldies lieber an die Originale und macht um Houston einen Bogen.

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