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Heaven In Her Arms: Paraselene

Vom kleinen Bruder zum Rivalen
Wertung: 9/10
Genre: Screamo/Post-Rock
Spielzeit: 54:39
Release: 17.12.2010
Label: Denovali Records

Schon seit Beginn ihrer Karriere wurden die Japaner Heaven In Her Arms häufig als kleiner Bruder von ihren Landsmännern Envy bezeichnet – tatsächlich drängt sich die legendäre Truppe um Tetsuya Fukugawa nicht ganz ohne Grund als Vergleich auf, widmet sich doch auch die deutlich jüngere Band einer sehr experimentellen Mischung aus Screamo und Post-Rock. Im Schatten der alten Hasen stehen müssen Heaven In Her Arms deswegen jedoch noch lange nicht, denn mit ihrem neuen Album „Paraselene“ stellt das Quintett nicht nur deutlicher als je zuvor die Unterschiede zu Envy heraus, sondern veröffentlicht noch so ganz nebenbei eines der stärksten Alben des Jahres.

Mögen die Grundzutaten der beiden Bands noch ähnlich wirken, so zeigen sich schon bei der Atmosphäre die ersten frappierenden Unterschiede – klangen Envy gerade auf aktuelleren Releases häufig sehr hoffnungsvoll und ziehen zumeist zarte Melancholie völliger Verzweiflung vor, schauen Heaven In Her Arms in endlose Abgründe und klingen schon eher wie eine besonders finstere Variante des frühen Sounds ihres „großen Bruders“. Entsprechend finden auch einige Elemente Verwendung, die bei diesem selten bis gar nicht anzutreffen sind und so für ein sehr charakteristisches Klangbild auf „Paraselene“ sorgen: So sind beispielsweise nicht selten finstere Doom-Passagen eingebunden und auch Einflüsse aus dem Dark Ambient gibt es gelegentlich zu hören – dazu gibt es den extrem hohen Kreischgesang von Kent, der einen leichten Black-Metal-Einfluss in die Musik bringt und sehr impulsiv und emotional wirkt. Neben der Tatsache, dass Heaven In Her Arms herausragende Songwriter sind und die häufig überlangen Stücke stets interessant halten, ist es speziell diese Emotionalität, die das zweite Full-Length-Album des Fünfers zu einer so besonderen Angelegenheit macht; denn egal, welcher Gefühlslage sich gewidmet wird – es geschieht immer authentisch und in einer mitreißenden Intensität.

Schon zu Beginn wird diese Mischung aus Technik und Gefühl eindrucksvoll zur Schau gestellt: Im Intro „46x“ sind schon aus weiter Ferne die Klänge von „Anamnesis Of Critical“ zu vernehmen, die im eigentlichen Stück mit roher Gewalt auf den Hörer einprasseln. Ausgeklügelte, abwechslungsreiche Riffs treffen auf den verzweifelten Gesang und eine ausgedehnte Instrumentalpassage, die erst später wieder von unerbittlicher Aggressivität abgelöst wird. Reibungslos wird anschließend zu „Morbidity Of White Pomegranate“ übergeleitet – hier wird das Tempo deutlich gedrosselt und starke Doom-Einflüsse treten zutage, die zusammen mit der fast schon schwarzmetallischen Atmosphäre für eines der düstersten Stücke auf dem Album verantwortlich sind. Um zur zweiten Hälfte von „Paraselene“ überzuleiten, greifen Heaven In Her Arms zu einem ebenso genialen wie gewagten Schachzug: „Jade Vine“ und „Echoic Cold Wrist“ kommen in mehr als zehn Minuten fast vollständig ohne Melodien aus und schaffen es mit minimalistischen Mitteln, auf Basis eines bedrohlich geflüsterten Textes eine nervenzerreißende Spannung aufzubauen – lediglich winzige Änderungen im Klangbild treiben das Stück voran, das sich jedoch nicht wie zu erwarten noch entlädt, denn erst der kurze nachfolgende Song „Halcyon“ lässt alles auf den Hörer los, was über die ruhigen Minuten angesammelt wurde: Die vorher angedeuteten Melodien werden hier voll ausgereizt und mit dynamischen Riffs unterstützt, so dass auf einen Schlag ein Übermaß an Emotionen in dem Song ausgelebt wird.

Das Beste zum Schluss heben sich auch Heaven In Her Arms auf und stellen zwei Zehnminüter ans Ende des Albums, die noch einmal das ganze Können der Band in sich vereinen. „Butterfly In Right Helicoid“ ist wohl das Stück, das am meisten an Envy erinnert und den größten Post-Rock-Anteil vorzuweisen hat, dem viel Zeit zur Entfaltung eingeräumt wird – dem hervorragenden Build-Up folgt eine heftige Passage, die dem Song mit deutlich Black-Metal-beeinflusstem Riffing ein würdiges Finale beschert. Mit „Veritas“ präsentiert die Band dann noch ein kleines Meisterwerk, das das Album sehr melancholisch ausklingen lässt: Zu der filigranen Gitarrenarbeit gesellen sich eine klagende Violine und sehr emotional vorgetragene Sprechpassagen und beweisen ein letztes Mal eindrucksvoll, wie perfekt die einzelnen Stilelemente miteinander harmonieren und so eine einzigartige Stimmung erschaffen.

Heaven In Her Arms müssen sich nun endgültig nicht mehr hinter Envy verstecken, sondern stehen auf ihre eigene Weise auf Augenhöhe mit diesen - „Paraselene“ ist gleichzeitig durchdacht, emotional und atmosphärisch dicht und zudem noch sehr abwechslungsreich, was den Aufbau der Songs angeht. Obwohl die Band von Anfang an ihre eigene Identität hatte, hat sie ihren Sound mit ihrem zweiten Album noch weiter verfeinert und klingt ohne komplett neue Sphären zu ergründen eigenständig und frisch. Wer dem ursprünglichen Screamo in seiner komplexesten Form zugetan ist, kann hier nicht viel falsch machen und findet ein Album, das ihn bei aufmerksamen Hören lange berühren und fesseln wird.

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