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Hail Spirit Noir: Mayhem in Blue

Wie man in der Schwärze fliegt
Wertung: 9/10
Genre: Psychedelic Prog Black
Spielzeit: 40:29
Release: 28.10.2016
Label: Dark Essence Records

Das hellenische Trio Hail Spirit Noir meldet sich 2016 mit ihrem bereits dritten Studioalbum „Mayhem In Blue“ zurück und die Erwartungen an die psychedelische Prog/Black-Metal-Band sind nach den vorherigen Alben „Pneuma“ und „Oi Magoi“ astronomisch hoch, konnte doch vor allem „Oi Magoi“ von 2014 mit seinen trippigen Jazz-Elementen ihren Status als eine der interessantesten und unberechenbarsten Bands unseres aktuellen Musikuntergrunds zementieren. Die Band äußert sich selber über das neue Album, in dem sie vorwegnimmt, dass genau diese Platte Hail Spirit Noir von ihrer aggressivsten Seite zeigen soll. Mal sehen, ob die nachfolgenden 40 Minuten, welche sich über sechs Songs erstrecken, dieses offizielle Statement der Griechen bestätigen können oder ob doch nur heiße Luft am Ende das Resultat dieses Langspielers sein soll.

Ein Spoken-Word-Intro auf Griechisch startet vorerst ruhig und entspannend den 40-minütigen Trip, den dieses Album darstellt in Form der ersten Nummer namens „I Mean You Harm“, nur um dann  rapide in ein rotziges Black`n`Roll-Riffgewitter überzugehen, welches die Intention der Band, deutlich aggressiver als auf dem Vorgängeralbum voranzugehen, direkt und dennoch unerwartet wie eh und je unter Beweis stellt. Mit nicht einmal vier Minuten Spielzeit ist dies der kürzeste Track des Albums und sogleich auch der härteste und durchweg angepisst klingende Titel des Albums, denn der darauffolgende Titeltrack schreitet mit gedrosseltem Tempo voran und überzeugt vollstens in der Darstellung halluzinatorischer Rauschzustände durch die Einbindung psychedelischer Instrumente wie eine Hammondorgel.

Generell bietet „Mayhem In Blue“ die volle Bandbreite in puncto 70er-Jahre-Psychedelic-Instrumentalisierung; von der bereits erwähnten Hammondorgel zu mit extra Hall versehenen Maultrommeln, gelegentlichen Einsätzen von einem Theremin sowie einem Didgeridoo (!) im fünften Lied dieser Scheibe. Spätestens ab dem Titeltrack beginnt sich eine unheimliche Atmosphäre durch das gesamte Album hindurchzuziehen, welche jedoch anstelle von Angst und Schrecken eher ein angenehmes Unbehagen beim Hörer erzeugt und dadurch einen Sog kreiert, aus dem der Hörer so schnell nicht entrinnen kann. Die abrupten Wechsel zwischen psychedelischer Gelassenheit und schwarzmetallischer Wut gelingen dem Trio mit einer Leichtigkeit und einer in sich geschlossenen Logik, was dem Fluss der Scheibe keinen Abbruch nimmt und stattdessen eher fasziniert und zugleich fordert, denn jeder einzelne Track von diesem Album ist ungeheuerlich viel beschichtet und bei jedem weiteren Hören fallen einem neue, bisher ungehörte Elemente in den Liedern auf, was das Wiederspiel der Scheibe enorm erhöht.

Die Reise wird fortgesetzt mit „Riders To Utopia“, einem unentwegt nach vorne marschierenden Song, welcher finstere Melodien par excellence erzeugt, die Bilder aus alten Horrorfilmen aus den 70ern heraufbeschwörend. Trotz triefender Aggressivität ist dieses Lied sehr eingängig, was auch für alle anderen Lieder gilt. Die gekonnte Symbiose von technisch anspruchsvollen Passagen und melodiösen und sanften Parts zeigt einmal mehr, dass die drei Herren von Hail Spirit Noir kontrollierten Wahnsinn aural manifestieren und als nichts anderes als kompositorische Hexenmeister bezeichnet werden können.

Dies wird vor allem in der Mitte des Albums deutlich, denn das zehnminütige Epos „Lost In Satan's Charms“ erzeugt eine ständige Aura eines alptraumhaften Karnivals, welcher durch einen Ohrwurm von Refrain sich tiefer im Kopf des Hörers einnistet, der dann nochmal auf eine höhere Stufe erhoben wird, indem der Refrain bei einer erneuten Wiederholung mit Black-Metal-Gekeife vorgetragen wird, nur um dann wieder in klaren Gesang wie vorher überzugehen, welcher durch einen dazugelegten Blastbeat mehr an emotionaler Wucht gewinnt.

Zum Gesang muss auch gesagt werden, dass sowohl der klare Gesang als auch das Geschrei, wie es für Black Metal typisch ist, von Theoharis gekonnt vorgetragen werden, was zu einer gelungenen Fusion zwischen den beiden Stilen ganz ohne Kitsch führt. Auf der einen Seite sind die harschen Schreie sehr eindringlich und stark ,denn sie driften nicht in zu hohe Klangregionen ab und klingen stabil und glaubwürdig angepisst und es ist möglich, die Worte herauszuhören. Der klare Gesang profitiert von seiner angenehm tiefen und klaren Stimme, die sehr retro klingt und stellenweise an [Opeth] erinnert, sich jedoch trotzdem eigenständig und nach gar keiner Kopie anhört.

Zu guter Letzt folgt mit „How To Fly In Blackness“ ein Rausschmeißer von derartiger Schönheit, so dass man sich wünscht, dass diese wunderbare Musik niemals aufhören würde. Dem ist leider nicht so und so ist das Album auch schon durchgehört; die 40 Minuten wird man bestens unterhalten und in eine andere Dimension befördert, was die Quintessenz großartiger Musik ausmacht, nämlich der Fakt, dass man sich vollkommen in der Musik fallen lassen und an nie zuvor gesehene Orte transportiert werden kann. Ein Lied für Lied Review lässt sich im Fall von „Mayhem In Blue“ gar nicht schreiben, denn die einzelnen Lieder sind Teil einer homogenen Masse, die einfach in ihrer Gesamtheit erlebt werden muss, daher fällt dieses Review holistisch aus. Das komplette Album schafft das Kunstwerk, eine gefühlte Millionen Einflüsse unter einen Hut zu bringen, ohne jedoch zufällig zusammengewürfelt zu klingen, sondern einen roten Faden für die gesamte Laufzeit geschickt durchzuziehen. Das einzige Manko am Ganzen wäre, dass bei all der meisterlichen Arbeit kein Hit wie „Satan Is Time“ vom Vorgänger entstanden ist, aber nichtsdestotrotz unterhält und verblüfft „Mayhem In Blue“ konstant und vermittelt unweigerlich das Gefühl, im großen, kalten Ozean zu treiben und immer weiter in die Schwärze hinabzusinken, wobei Hail Spirit Noir den perfekten Soundtrack dafür liefern.

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