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Grobschnitt: Die Grobschnitt Story 0

Vielleicht noch interessanter als die ersten beiden Teile
keine Wertung
Genre: Progressive Rock/Krautrock
Spielzeit: 104:47
Release: 25.06.2010
Label: MIG Music

Nachdem man bereits mit „Die Grobschnitt Story 1 & 2“ in die Welt der legendären Hagener Kapelle eintauchen und in insgesamt rund fünf Stunden einen guten Einblick in ihr Schaffen gewinnen konnte, holt die Truppe um Drummer Eroc nun noch etwas weiter aus und präsentiert die absoluten Anfänge der Band – daher ist das Ganze auch mit „Die Grobschnitt Story 0“ betitelt; damals hieß die Formation eigentlich noch „Kapelle Elias Grobschnitt“, was wegen der Prägnanz und auf Drängen der Plattenfirma jedoch später in Grobschnitt gekürzt wurde.

Die hier enthaltenen Stücke sind noch vor dem 1972 erschienenen, im allgemeinen als Debüt angesehenen selbstbetitelten Album „Grobschnitt“ aufgenommen worden, und zwar im Spätherbst 1971 in der Aula des Theodor-Heuss-Gymnasiums zu Hagen. Sämtliches Material wurde live eingespielt und später mit elektronischen Effekten von Eroc verfeinert und editiert. Nun müsste man annehmen, dass so altes Zeug einer Band, die am Anfang ihrer Karriere stand, noch dazu in einer Schulaula aufgezeichnet, wirklich unter aller Kanone klingen müsste – doch weit gefehlt. Erocs Remastering der Tracks, welches er zwischen 2008 und 2010 durchführte, hat vollends gefruchtet; die Songs haben einen für die Verhältnisse sensationell guten Klang, ohne ihren Siebziger-Jahre-Charme verloren und an Authentizität eingebüßt zu haben. Und neben dem Sound sind allein Dinge wie die Backing Vocals bei „About My Town“ so typisch für die damalige Zeit – einfach herrlich.

Musikalisch waren Grobschnitt damals noch viel stärker im Jazz verwurzelt, was besonders der Rhythmusgruppe anzuhören ist; das Drumming wirkt jazzig-leichtfüßig und der Bass spielt öfters die typischen Walking-Lines, während die Lead-Gitarre hingegen bereits sehr drahtig-rockig klingt, was zusammen eine interessante Mischung ergibt. Hinzu kamen Einflüsse aus Psychedelic Rock – man führe sich nur mal den Mittelteil von „Suntrip“, offenkundig ein Song über den Vietnamkrieg und eines der vielschichtigsten und spannendsten Stücke der Platte, zu Gemüte, oder auch Sequenzen von „Die Sinfonie“ – und Latin, was immer wieder durch die häufig sehr perkussive Schlagzeugarbeit angeht, und was erklärt, weswegen die Combo von vielen liebevoll „Die Westfälischen Santana“ genannt wurde.

Apropos Schlagzeug: Erwähnenswert ist auf jeden Fall auch, dass die Hagener damals noch mit zwei Drummern agierten, was natürlich nicht gerade als Standard bezeichnet werden kann; ansonsten dürften Grateful Dead eine der wenigen bekannteren Rockbands damals gewesen sein, die diese ungewöhnliche Konstellation vorweisen konnten. Sicherlich nicht gerade eine einfach gewählte Arbeitsmethode, doch gute Musiker, die sie nun mal sind, beeinträchtigte dies Grobschnitt in ihrem Zusammenspiel keineswegs, sondern ließ sie rhythmisch eher noch facettenreicher erscheinen – ähnlich wie bei der Legende um Jerry García aus San Francisco.

Neben den erwähnten „Suntrip“ und „Die Sinfonie“ dürfte ohne Zweifel auch „Die Maschine“ eines der hörenswertesten Stücke auf diesem Doppeldecker sein, hier hört sich der Rhythmus tatsächlich wie eine schnaufende Dampflok an, die je nachdem schneller oder langsamer wird. Das Herzstück von „Die Grobschnitt Story 0“ ist allerdings ganz klar die halbstündige Live-Version von „Die Sinfonie“, bei dem der Hörer ein atemberaubendes Schlagzeugsolo vor den Latz geknallt bekommt, später kommt dann der Bass mit einem ausgiebigen Solo dazu, bis die Nummer schließlich mit einem langen Gitarrensolo beendet wird. Jeder darf also mal ran, aber selbst Leuten, die sonst nicht so große Fans von exzessiven Soloeskapaden sein mögen, sei gesagt, dass das Ganze derart behutsam aufgebaut ist und im Zusammenspiel so brillant, dass es nie langweilig wird.

Der berühmte Humor der Gruppe zeigt sich übrigens auch bereits auf diesem Prä-Grobschnitt-Dokument: Auf „Das D-Lied“ „Das Teelied“ folgen zu lassen, ist schon eine Sache, aber noch viel besser kommt es bei der Live-Version des „D-Liedes“, als die Zuschauer nach Beendigung des Stückes klatschen. „Ja danke, aber das war ganz große Scheiße“, lacht daraufhin Frontmann „Wildschwein“, da in der Performance zuvor eindeutig zu hören war, dass mindestens eine Gitarre völlig verstimmt war, was der Sänger auf das Klima zurückführt. – Würden doch auch heutzutage noch mehr Bands Spielfehler oder verstimmte Instrumente mit mehr Humor nehmen und nicht nachträglich glatt polieren...

Insgesamt ist „Die Grobschnitt Story 0“ vielleicht sogar das interessanteste und essentiellste der drei Doppeldecker-Tondokumente, da es die Band in ihren Anfängen zeigt, was wiederum bedeutet, dass auch für Leute, die die Combo schon länger kennen, Neues dabei sein könnte. Das Booklet informiert zudem ausführlich über sämtliche vorige Gruppen der Bandmitglieder. Eine Anschaffung ist also definitiv lohnenswert.

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Absolut fantastischer Konzertabend, der kaum überboten werden kann