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Gorgot: Schmerzkiller

Ein Album zum Durchtanzen
Wertung: 8/10
Genre: EBM, Industrial
Spielzeit: 67:59
Release: 10.09.2010
Label: Danse Macabre

Es ist immer wieder schön, wenn man als Musikschreiberling eines Besseren belehrt wird. Nehmen wir als Beispiel doch direkt die neue Gorgot-Scheibe „Schmerzkiller“: 17 Songs und nur ein Remix! Das ist völlig untypisch für EBM- und Industrial-Combos, aber eine wahre Wohltat für den Remix-geplagten Redakeur. Auch die Sache mit den Filmzitaten ist nicht unbedingt neu: Gerne werden diverse Zitate, Wortfetzen und sonstige Sounds aus Filmen genutzt, um dem Song einen bestimmten Touch zu geben – meistens nerven diese Unterbrechungen einfach nur, Gorgot treiben das Zitieren jedoch auf die Spitze – kein Track auf „Schmerzkiller“ kommt ohne Fremdstimmen aus, sei es Matt Damon alias „Loki“ in der kultigen Religionssatire „Dogma“, Juliette Lewis in „From Dusk Till Dawn“ oder – ein wenig prollig, aber irgendwie sympathisch – „Das Kleine Arschloch und der Alte Sack“. Irgendwie passt es immer, das ein oder andere Zitat findet immer ein Plätzchen.

Bei all den eingespielten Samples wird aber zu keiner Zeit die Tanzbarkeit vernachlässigt – wen es beim Durchhören der Platte noch auf dem Fleck hält, der ist entweder tot oder hat mit schwarzem Electro so gar nichts am Hut. Bereits das Intro „Dauerzustand Mensch“ lässt hoffen: Völlig geistesgestörte Schreie paaren sich mit Xylophon-ähnlichen Beats – „Gott Hasst Uns“ zeigt sich zwar dann direkt sehr tanzbar, aber man wird das Gefühl nicht los, dass im Lauf der Scheibe noch bessere Tanzflächenfüller auf den Hörer warten. Auf eigene Vocals wird verzichtet, aber ganz ehrlich, das fällt bei all den Fremdstimmen kaum auf. Sowieso ist Gründer und einziges Bandmitglied Tim Melchisedech wahrscheinlich schon genug mit der Produktion sämtlicher Sounds beschäftigt, dass ihm einfach die Nerven fürs „Singen“ fehlen. Das macht aber gar nichts, schließlich gibt es genug EBM-Bands, die zwar eigenen Gesang auf ihren Tracks haben, es aber lieber hätten bleiben lassen.

Es muss gesagt werden, dass der gute Gorgot hier nicht unbedingt das Rad neu erfindet, aber man hat schon lange keine so gelungene Symbiose zwischen Industrial-Sounds und Filmzitaten gehört. Der Titeltrack bringt einen vor allem im Intro eher zum Lachen als zum Tanzen, was aber ausschließlich an der lustigen Bugs Bunny-Stimme liegt, die deklariert: „Ich bin auf der Suche nach Ecstasy, auf der Suche nach Pott, oh jaa... auf der Suche nach Psychopilzen!" Entnommen ist der Spruch, sowie die weiteren Zitate des Tracks, den kultigsten Drogenfilmen der letzten Jahre, nämlich „How High“ und „Blow“. Abgesehen von der absolut geilen Zitat-Auswahl ist „Schmerzkiller“ auch noch ein großartiger Song, zu dem man wahrscheinlich auch ohne Zuhilfenahme von Drogen die ganze Nacht durchtanzen kann.

Ungewohnt hart kommt dann „Synapsenfick“ daher, da will man schon kaum noch tanzen, sondern am liebsten mit dem Kopf voran durch die Wand – hier tobt sich Gorgot mal ganz Harsh Electro/Aggrotech-mäßig aus. Im „Frieden Durch Krieg“-Intro hört man ’The Butcher’ („Gangs Of New York“) schreien: „Möge der Herr meine Hand führen in der blutigen Schlacht gegen dein römisches Papistenpack“ – eine verdammt gruselige Einleitung für einen eher düster gehaltenen Track. Etwas skuril kommt die Erkenntnis daher, dass bei „Monster“ tatsächlich Dr. Cox („Scrubs“) himself zitiert wird – trotzdem passt es, klingt der Kerl doch wie üblich nicht nur verdammt zynisch, sondern auch irgendwie resiginiert.

Wirkliches Highlight der Scheibe ist dann kurz vor Schluss „Nancy“ mit Zitaten aus „Sin City“ – der Song schlägt rein beatmäßig in eine ganz andere Kerbe als die restlichen Tracks, kommt eher verträumt-traurig daher, auch die Zitate werden nicht durch Pausen hervorgehoben, sondern fließen einfach in den Sound ein – brilliant! Da stört auch der relativ unnötige „Schmerzkiller“-Remix von XotoX nicht großartig.

Bei einem so langen Album ist es natürlich schwierig, die einzelnen Songs im Kontext zu sehen, aber auch wenn man „Schmerzkiller“ nicht am Stück hören sollte, ist kein einziger Ausfall dabei, kein Song, den man wegskippen möchte, nicht mal das Intro kann als wirklich unnötig bezeichnet werden, weil es die erforderliche Stimmung für den ersten „richtigen“ Song aufbaut. Gorgot hat hier tatsächlich ein Album geschaffen, das in allen schwarzen Clubs am Stück laufen könnte, ohne dass sich wahrscheinlich auch nur einer der Anwesenden beschweren würde. Über Harsh Electro bis zu EBM und ruhigeren, trotzdem tanzbaren Tönen ist für jeden Tanzwütigen etwas dabei, auch wenn der Remix am Ende, wie meistens, nicht so richtig überzeugen kann.

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