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Get Dead: Tall Cans and Loose Ends

Akustischer Punk: Roh, ehrlich und ohne Gimmicks
Wertung: 8,5/10
Genre: Punk Rock
Spielzeit: 36:51
Release: 04.09.2015
Label: Gunner Records

Gegründet im Jahre 2007 wurde das Quintett Get Dead, bestehend aus Sam King als Frontmann, Mike McGuire und Moki an den Gitarren, Tim Mehew mimt den Bassisten und den Takt angebend ist Scott Powell am Schlagzeug, in San Francisco und ist seither tief im musikalischen Untergrund und vor allem der DIY-Szene verwurzelt. Die Band ist von ganzem Herzen eine Punk-Band, jedoch haben sie den entscheidenden Überraschungseffekt, dass sie eine rein akustische Punk-Band ist, welche durch schöne Folkmelodien komplettiert wird.

Obwohl dieses Album offiziell schon seit 2012 existiert, kam es doch erst zur richtigen Veröffentlichung Anfang September 2015. Zuerst war "Tall Cans And Loose Ends" ausschließlich bei Konzerten der Band zu erwerben. Jedoch traf die Band letztendlich die Entscheidung, das komplette Album für noch mehr Menschen zugängig zu machen und das war eine Entscheidung, die keiner von [Get Dead] so schnell bereuen wird. Das Album ist ein wahres Fest der Emotionen rund ums auf der Bühne stehen, unterwegs sein und, man kann es schon fast anhand des Albumtitels  (zu Deutsch: Große Dosen und Unerledigtes) erraten, Alkoholkonsum; und das hat einen unendlichfachen Wiederspielwert. Aber fangen wir von vorne an.

"Kerouac's Teeth" initiiert das Album auf einer ruhigen, aber sehr angenehmen Note. Sofort als alle Musiker gemeinsam harmonieren, erkennt man die fast schon unheimlich anmutende Ohrwurmqualität dieser fünf Jungs aus San Francisco. Etwas anderes, was sofort ins Ohr springt, ist der kristallklare Sound der Akustikgitarren und die folgende Realisation, dass man nicht die krassesten Verstärker und Verzerrer benötigt, um rohe und aggressive Musik zu komponieren. "Escape Plan" setzt die positive Marschrichtung weiter fort und inkorporiert großartige Ganggesänge, die auf einem waschechten Punk-Album natürlich nicht fehlen dürfen. Nun folgt eines der ganz großen Höhepunkte dieses Albums "This One's For Johnny", eine unfassbar rührende Nummer über Zusammenhalt und eines der einprägsamsten Lieder dieser Platte, da es einfach so gut arrangiert worden ist. Wirkliche Punkriffs in rein akustischer Form und der Gesang brennen sich für immer in die Gehirnwinde ein. Außerdem ist der Text des Refrains eine echte Freude, daher wird er hier auch gezeigt:

So take a look around
We are all the same
Problems and pain

Sam King verdient noch eine besondere Stellungnahme zu seiner gesanglichen Leistung, die er auf „Tall Cans And Loose Ends“ darbietet. Seine Stimme ist so rauchig und kratzig; dieser Mann muss jahrelang Bourbon wie Wasser getrunken haben, um ihr einen solchen Klang einzuverleiben. Außerdem verleiht das den Nummern auf dieser Scheibe die nötige Portion Authentizität, da viele Tracks sich stark mit Alkohol– und Drogenmissbrauch auseinandersetzen. Diesem Mann kauft man es sofort ab, wenn er über all die durchzechten Nächte auf der Straße und Spelunken singt. Und man glaubt ihm auch die aufrichtigen Liebeserklärungen an seine Freunde, die ihm helfen, trotz all des Schlechten auf der Welt positiv zu bleiben und weiterzumachen. Ein passender Soundtrack zum Leben, mit all seinen Höhen und Tiefen, und diese fünf Kerle sprühen nur vor authentischen Bekenntnissen über ihr Leben, was die gesamte Truppe noch viel sympathischer macht. King schafft es auch, die ruhigen Töne richtig anzustimmen und seine Stimme in den richtigen Momenten weich werden zu lassen, was eine wirklich beachtliche Leistung darstellt. Diese beachtliche Leistung hört man in Liedern „Rosebud“ und „Hang On“, die auch die nötige Ruhe in die andererseits sehr energetische Musik einbringt.

Der vierte Track "Fuck You" spielt herrlich mit dem Kontrast zwischen textlichem Inhalt und total lebensbejahender Musik, denn der Song wird mit Banjos angestimmt und die ziehen sich durch die völlige Länge des Liedes - eine willkommene Überraschung. Der nachfolgende Track "Battle Lines" trumpft mit noch mehr Überraschungen auf, indem er der einzige Track des Albums ist, der spärlich eine elektrische Gitarre einsetzt, dadurch aber für einen umso größeren Effekt sorgt - ein weiteres Highlight! Generell kommen neben der E-Gitarre und Banjo auch andere Instrumente während der gesamten musikalischen Reise zum Vorschein. Zum Beispiel ein weiteres traditionelles Folkinstrument, namentlich die Mandoline, oder auch Streicher und ein Cello bekommt man zu hören, was die Jungs von Get Dead experimenteller macht als die Mehrheit anderer Punkbands, aber sie deswegen rein gar nichts von der urtümlichen Punk-Energie verloren haben. Ganz im Gegenteil: Hiermit beweisen sie, dass man Punk und Folk mühelos miteinander verbinden kann und trotzdem ein zufriedenstellendes Resultat erhält und nichts von der Wut und Leidenschaft des Punks verloren geht. Man kann sogar so weit gehen und die These aufstellen, dass Punk Rock, genau wie Folk, ein natürliches Produkt des musizierenden Menschen sind und es nichts verwerfliches an dieser Musikrichtung auszusetzen gibt, da Aggression und Wut über Systeme, die systematisch die Natur und den Menschen ausbeuten, natürliche Reaktionen sind und in musikalischer Form zu verarbeiten.

Genug mit der soziologischen Theorie und zurück zur Musik von Get Dead. "Lead Foot" (Deutsch: Bleifuß) macht dem Namen volle Ehre und ist der schnellste Track auf der Platte und wahrscheinlich auch der punkigste, da er den Punk typischen Skank-Beat öfters benutzt und was der Platte eine gehörige Portion Tempo mitgibt. Der Rest des Albums büßt an Qualität überhaupt nichts ein und macht bis zur letzten Minute Spaß. Das gesamte Album ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle, denn es ist einfach wie das Leben selbst: roh und hart auf der einen und gelassen und ruhig auf der anderen Seite. Zu keiner Sekunde wird einem beim Hören dieses Albums langweilig und die Nutzung von zusätzlichen Instrumenten steigert den Wiederspielwert gewaltig. Doch das Allerwichtigste ist und bleibt der Fakt, dass dieses Album ohne jegliche Gimmicks auskommt und keine ausufernde Theatralik braucht, um so eine Verbindung mit den Hören aufzunehmen. Alles ist einfach echt und ungeschminkt und so muss Musik allgemein gesehen werden, nicht nur zum Ausverkauf einer Halle und um so viel Bares wie möglich in der Tasche danach zu haben. Get Dead demonstrieren meisterlich, wie man ohne technischen Schnickschnack eine authentische Atmosphäre aufbaut und trotzdem immer noch richtig Punk sein kann, auch ohne Verstärker und sonstigem. Vor allem live wird das hier auf diesem Tonträger präsentierte Material besonders zünden und das Publikum im Sturm erobern. Mehr davon bitte, denn solche Bands braucht die Welt!

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