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FJØRT: nichts

Irre gut
Wertung: 10/10
Genre: Post-Hardcore
Spielzeit: 48:49
Release: 11.11.2022
Label: Grand Hotel van Cleef

Fünf lange Jahre ist das letzte FJØRT-Album „Couleur“ jetzt schon her, unfassbar, wie schnell sich die Band, die vorher eher im Untergrund unterwegs zu sein schien, plötzlich in aller Munde (und Ohren) ist. Mit „nichts“ steht jetzt eine vierte Full-Length-Scheibe in den Startlöchern, die unpassender kaum betitelt sein könnte. Denn „nichts“ ist fürwahr nicht nichts.

Knapp 50 Minuten und 13 Songs lang ballert das Aachener Trio drauflos und präsentiert sich dabei deutlich wütender als noch auf den Vorgängeralben, aber seien wir mal ehrlich: Wer sich derzeit nicht wütend oder mindestens hilflos fühlt, der lebt auf einer einsamen Insel ohne Zugang zu Nachrichten oder anderen Menschen. Wünschenswert wäre das schon manchmal. Vom Kopf-in-den-Sand-stecken wollen die drei Herrschaften aber natürlich nichts wissen, der Zorn wird vielmehr kanalisiert und in Gestalt der beiden Sänger David und Chris nach außen transportiert – beide scheinen stimmlich ordentlich zugelegt zu haben, klingen angepisst und rau wie nie und damit umso authentischer.

Dabei macht das Trio von Anfang an keine Gefangenen und baut schon beim Opener und Titelgeber das düstere Fundament auf, das den Rest der Platte stützen wird. Und Düsternis findet man hier allerorten, positive Vibes kann man mit der Lupe suchen, da kommt das knapp zweiminütige Instrumentalintermezzo „wasser“ fast wie ein kühler Hauch auf der erhitzten Haut daher, fällt aber deutlich zu kurz auf, um den geneigten Hörer, der am Boden liegt, wieder aufzubauen. Den ersten richtigen Schlag in den Magen gibt es mit „sfspc“ (steht für „safe space“), das alles andere als safe nach allen Seiten austeilt und immerhin noch melodische Gitarrenbögen in den Hintergrund gepflanzt hat, während das direkt darauf folgende „salz“ überraschend brutal von der ersten Sekunde an losballert – besonders hervorheben darf und muss man hier die im positivsten Sinne abartige Performance von Schlagzeuger Frank. Allein wegen des Drummings kann man sich den Track in Dauerschleife anhören, ganz zu schweigen von der hysterisch-orgiastischen Stimmperformance der beiden Sänger.

Beim rabiaten „schrot“ mischen die Drei fast schon metallische Strukturen mit in den rotzigen Sound, während das bockstarke „kolt“ dann wieder deutlich düsterer, fast melancholisch daherkommt und sich mit der allgegenwärtigen Frage befasst, ob wir im Bewusstsein all der negativen News, die jeden Tag auf uns einprasseln, eigentlich tatsächlich genug tun – und ob man überhaupt jemals genug tun kann, um die Missstände zu verringern. Hier muss der Text noch deutlicher im Vordergrund stehen als sonst, also haben die Jungs fast schon Sprechgesang eingesetzt, der im Refrain von bombastisch guten Shouts abgelöst wird: „Ich tue gar nichts/Weil es gemütlich ist/Hier bei uns“ – da legen FJØRT mal eben nebenbei den Finger in die Wunde der Wohlstandskinder.

„bonheur“ wurde im Doppel mit „lod“ bereits vor zwei Monaten veröffentlicht und sollte Fans also schon bekannt sein: Ersteres eine recht typische FJØRT-Konstellation mit wütendem Gesang, epischem Refrain und melodischen Einsprengseln, letzteres ein knielastiger, zorniger Brocken von einem Song, den man fast schon in den Metalbereich einordnen könnte und bei dem man nochmals die Vocal-Leistung deutlich hervorheben muss.

Es mag ein bisschen irrwitzig klingen, aber die Songs auf „nichts“ könnte man allesamt als Anspieltipps hernehmen. Das ganze Album ist eine einzige Übung in Wut und musikalischer Raffinesse, deckt zwischen Punk, Hardcore und Metal ein breites Spektrum ab, ohne das wahrscheinlich zu beabsichtigen und kann auch textlich wieder überzeugen; klar werden wichtige Themen angesprochen, die auch andere Bands schon bearbeitet haben, niemals bedienen sich die Aachener jedoch Augenroll-Plattitüden oder Textbausteinen – selbst viel genutzte Themen wie blinder Konsum („lakk“) werden originell und mit der Kinderstimme auch ein bisschen gruselig umgesetzt. Nach einem halben Tag Durchlauf kann es keine andere Wertung geben als die volle Punktzahl. Da muss man sich fast schon auf die nächste Platte freuen bevor „nichts“ überhaupt erschienen ist.

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