Achtung: In deinem Browser ist JavaScript entweder nicht installiert oder deaktiviert. Einige Funktionen dieser Seite stehen daher leider für dich nicht zur Verfügung.

Fäulnis: Gehirn Zwischen Wahn Und Sinn

Über die harte, ungeschminkte und hässliche Fratze der Realität
Wertung: 9.5/10
Genre: Black Metal
Spielzeit: 60:48
Release: 29.05.2009
Label: Karge Welten Kunstverlag

Das vorliegende Werk „Gehirn Zwischen Wahn Und Sinn“ des deutschen Trios Fäulnis, bestehend aus Seuche, N.G. und P.H., stellt den zweiten Teil ihrer Trilogie „Verfall eines Individuums - Eine Trilogie“ dar. Befasst sich der erste Trilogie-Teil “Cholerik: Eine Aufarbeitung” noch mit der Eskalation in Form einer Tötung, geht es in dem aktuellen Werk um den Wahn. Um den Wahn der Großstädte; um Isolation und um Spiegelbilder. 

Was sich anfangs noch als Projekt auszeichnete, hat mittlerweile einen festen Bandstatus inne, da Seuche mit N.G. und P.H. zwei ständige Bandmitglieder für die Band gewinnen konnte. Musikalisch bewegen sich die Jungs im Bereich des Black Metal, fügen dem Ganzen allerdings einige Anleihen aus dem Postrock hinzu, packen eine ordentliche Schippe Doom Metal obendrauf. Zudem finden sich hier und da auch Ambient-Passagen, die allerdings noch auszureifen sein dürften, da sie ganz hart gesagt, bei dem ein oder anderen als Zeit bringender Füllstoff abgestempelt werden könnten. Vom gesamten Aufbau der Songs erinnert das Werk an Cynicisms "The Path Of Self-Sacrificing Destruction", wobei rein musikalisch auch Katatonia in Erwägung gezogen werden darf.

Es ist früher Morgen. Die Häuserschluchten einer Großstadt zeigen durch das Dämmerlicht noch nicht ihre fiesen, leeren Fratzen. Dann ein Schrei und alle Instrumente nehmen Fahrt auf. Als ersten positiven Lichtblick nimmt man im Opener „MorgenGrauen“
das melodische Riffing wahr. Die drei Musiker haben es perfekt intoniert, dass in einem das lähmende Gefühl der Hilflosigkeit, der Einsamkeit, der Bedeutungslosigkeit in einer großen, unpersönlichen Stadt und der Vergänglichkeit des Seins aufkommt. 

Schwer wiegen die Drums sowie das Riffing eingangs „Angstzustand“ und drücken auf die Seele. Die Schreie im Hintergrund und die geflüsterten Worte tun ihr Übriges, dass man sich primär nicht gerade wohliger fühlt. Was aber im Nachhinein sich in ein gutes Gefühl zu wandeln vermag, denn man ist beeindruckt von der Qualität des Dargebotenen. Intensives Ohrenkino der depressiven Art, kann man da nur sagen. Auch dass das Ganze im weiteren Verlauf in eine eher rockige Schiene läuft, ändert nichts an dem guten Eindruck. 

Wieder ein eingängiges Riffing findet sich eingangs „Weiße Wände“, das sich recht flott aus den Lautsprechern auf Eroberungskurs Richtung Hörer begibt. In diesem Stück bekommt der zuvor schon angesprochene Faktor des Doom Metals erhöhte Verwendung, was die Stimmung mit sich runter zieht. Ein erstklassiges Stück des Trios, das gegen Ende allerdings auf das Herauspressen von Tabletten aus einem Blister und anschließendes Husten hätte verzichten können. Musikalisch allerdings ist dieses Stück über jeden Zweifel erhaben.  

Weitaus doomlastiger als alles bisher auf dieser CD Gehörte, wabert „Kopfkrieg“ zähflüssig aus den Boxen, dies sogar inklusive Glockenschlägen. Das ruhige instrumentale Zwischenstück ist mit seiner verzweifelten Melodie recht schön anzuhören. Dieses Stück verfügt dennoch leider nicht über ein derartig hohes Maß an Intensität wie die schon gehörten Songs, sodass dieses Teil nur bedingt in düstere Gefühlswelten mit hinab zu reißen vermag. 

Die Stimme in „Landgang“ klingt vor der für Fäulnis Verhältnisse fulminante Klangkulisse sehr anklagend. Auch verzerrte Stimmen finden in diesem Stück Verwendung, wodurch die Stimmung verstörend, surreal und insbesondere während der Ambient-Einschübe noch beklemmender wirkt. Die Geräuschkulisse, die zum Ende hin das Klangbild dominiert, ist eindeutig zu lang ausgedehnt und zudem auch zu sehr nichtssagend. 
Etwas mehr in rockigerer Fahrbahn bewegt sich dann das Stück „Trümmer“, zumindest zur Zeit seines unmittelbaren Beginns. Obwohl dieser Song danach eher im Midtempo angesiedelt ist, spiegelt er in perfekter Weise den Wahnsinn dar, die Verzweiflung und dadurch auch die Vergänglichkeit. Dies sind Assoziationen, die zumindest bei mir in dieser Art und Weise während des Hörens aufkamen. Bei jedem Hörer mag dies jedoch anders ausfallen. 
In „Spiegel, Splitter, Schrott“ hingegen wird wieder einmal auf doomige Ausdrucksweise gesetzt. Schwerfällige Riffs begleiten verzweifelte Vocals und Schreie. Den Hörer überkommt das Gefühl von tiefschürfender Trauer.  

Rockig schlittern wir dem Ende entgegen, denn „Weltuntergang Folgt“ rifft eingangs genauso daher. Die hier zunächst durch Gitarren erzeugte Stimmung erreicht zum Abschluss des Albums ein weiteres Mal einen erneuten Tiefpunkt, gemessen an der verbreiteten Melancholie natürlich. Wie dazu die Synthie-Einlagen diese Stimmung vertiefen, ist einfach nur unendlich genial. Diese eiskalten Schreie gehen einem durch Mark und Bein. Man leidet – man beachte den Widerspruch in sich – mit Begeisterung mit im Augenblick des Hörens, doch im Nachhinein wirkt das Material nach, denn man beginnt, nachzudenken über die Situation des eigenen Ichs, der Welt im Allgemeinen und überhaupt. Denn wenn man sich die Texte durchliest, erkennt man, wie recht Fäulnis mit ihren Worten haben – und diese Erkenntnis macht wiederum noch nachdenklicher. Die Wahrheit tut weh, doch genau das ist es, was Fäulnis ausdrücken wollen und was dieses Album so grundehrlich macht, die Welt von ihrer ungeschminkten, hässlichen Seite zeigt und daher für manchen eventuell auch unbequem macht. Meinen Respekt hierfür. 

Fazit: Dieses Werk macht nachdenklich, macht lethargisch, macht depressiv. Gerade auf stimmungstechnischer Ebene arbeiten Fäulnis auf einem furchteinflößend hohen Niveau. Und das, ohne über Satan und Konsorten zu musizieren. Nein, die Musik von Fäulnis ist weitaus grausamer: Sie handelt von der harten, ungeschminkten und hässlichen Fratze der Realität. Das aber so gut, dass man schlichtweg begeistert ist. Ich nenne das einfach mal Black Metal der neuen Generation!



comments powered by Disqus

Werkschau einer der größten und einflussreichsten Rockbands aller Zeiten

Wie mit einer Ex-Freundin

Willkommen in der Husumer Sauna