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Evergrey: Glorious Collision

Evergrey sind mit neuem Line-Up zurück – und wie!
Wertung: 9/10
Genre: Progressive Metal / Dark Power Metal
Spielzeit: 61:38
Release: 25.02.2011
Label: Steamhammer / SPV

Fans von Evergrey mussten sich im letzten Jahr gewaltige Sorgen um die Zukunft der schwedischen Combo machen, da mit dem langjährigen Gitarristen Henrik Danhage, sowie Bassist Jari Kainulainen und Drummer Jonas Ekdahl gleich drei Mitglieder ihren Abschied erklärten – zum Glück aber glättete Frontmann Tom Englund die Wogen so schnell es ging und erklärte, eine Auflösung würde keineswegs zur Diskussion stehen. Ihm zur Seite stand außerdem Keyboarder Rikard Zander, der nun auch schon seit 2002 Teil des Line-Ups ist und der Band und Englund die Treue hielt. Mit Marcus Jidell (Gitarre), Johan Niemann (Bass) und Hannes Van Dahl (Schlagzeug) wurden die vakanten Positionen wieder ausgefüllt und ein Neuanfang gewagt, von dem man sich in Form des neuen Albums „Glorious Collision“ nun einen ersten „richtigen“ Eindruck machen kann. Zwar wurden bereits 2010 einige Konzerte in der neuen Konstellation absolviert, doch musizierte die personell völlig umstrukturierte Formation zu diesem Zeitpunkt erst wenige Wochen miteinander, war daher im Zusammenspiel noch weit entfernt von hundertprozentiger Sicherheit und konnte aus diesem Grund ihr Können noch nicht wirklich unter Beweis stellen.

Alle Anhänger der Power-Proggies können in jedem Fall beruhigt aufatmen: Evergrey haben trotz der Tatsache, dass drei Fünftel des Quintetts ausgetauscht wurden, keine radikalen musikalischen Umbrüche vollzogen, dafür sorgt schon allein Englunds markante, kraftvolle und sowohl technisch starke als auch leidenschaftlich-emotionale Stimme. Der Mann ist unter hundert verschiedenen Metalsängern sofort herauszuhören, und auch ansonsten bleibt man seinen Wurzeln treu, sprich, es wird melodischer, sich handwerklich auf allerhöchstem Niveau befindlicher Düstermetal, der sowohl Anleihen aus Power- wie aus Progressive Metal aufweist, zelebriert. Insgesamt bewegt man sich sogar eher noch ein Stückchen weiter zurück in die Vergangenheit und agiert wieder etwas bombastischer als auf dem unmittelbaren Vorgänger „Torn“ und dem etwas enttäuschenden „Monday Morning Apocalypse“, das viele Fans nach den drei überragenden Scheiben „The Inner Circle“ (2004), „Recreation Day“ (2003) und „In Search Of Truth“ (2001) mit seinem vergleichsweise modernen, recht thrashigen und abgespeckten Sound ein wenig vor den Kopf stieß.

Tatsächlich können die Schweden dieses schwindelerregend hohe Niveau zumindest beinahe wieder erreichen, haben sie alles in allem doch einen sehr guten Konsens zwischen dem moderneren Sound der letzten beiden und dem orchestralen der früheren Werke erreicht, nicht zuletzt wegen einer unheimlich durchschlagskräftigen, dennoch erdigen Produktion, die gitarrenlastig ausgefallen ist, aber trotzdem wieder mehr Platz für symphonische Keyboardklänge einräumt. Außerdem muss man einmal mehr den Hut vor Tom Englunds unglaublichen songschreiberischen Fähigkeiten ziehen: Der Kerl schüttelt einen Ohrwurm nach dem anderen aus dem Ärmel, ohne dass es jemals banal klingt, sondern im Gegenteil stets anspruchs- und geschmackvoll arrangiert ist.

Allein der Opener „Leave It Behind Us“ (ein Titel, der sich wahrhaft bestens auf den personellen Umbau und den damit einhergehenden Neustart anwenden lässt) ist gleich ein typischer Evergrey-Track mit Breitwand-Gitarren, düsterer, beklemmender Atmosphäre, flächigen Keyboardklängen, Gänsehautchören, Filigransoli und einem eingängigen Refrain, der überdies von einer simplen, aber effektiven und wunderschönen Klaviermelodie, die sich sofort ins Hirn einbrennt, veredelt wird. Das kurze Intro erinnert außerdem irgendwie an den Soundtrack in der Anfangsszene von „Interview mit einem Vampir“ - in jedem Fall ganz stark!

Mit brachialer Power bricht dann das schlicht betitelte „You“ über den Hörer herein – es ertönt ein im Midtempo stampfendes Riff, das sich gewaschen hat und alsbald mit einer darauf basierenden Hookline kombiniert wird, die den Gehörgang garantiert nicht so schnell verlassen will. Auch hier wird das Ganze wieder von einem überragenden Refrain gekrönt, zudem glänzt das Stück durch einen durchdachten Aufbau und perfekt ausbalancierte Dynamik.

Möglicherweise müssen diese beiden grandiosen Kompositionen sogar bereits als die besten des gesamten Albums angesehen werden, aber im Prinzip reiht sich auch im Folgenden Hit an Hit: „Frozen“ pendelt zwischen einem Bombastrefrain und gnadenlosen Doublebass-Attacken, „To Fit The Mold“ tönt etwas fröhlicher und bietet durch die überlegt eingesetzten Akustikgitarren viel Auflockerung, das erhabene „Out Of Reach“ hätte auch auf „The Inner Circle“ stehen können, während „The Phantom Letters“ eher etwas von der Atmosphäre von „In Search Of Truth“ innewohnt. Bei „It Comes From Within“ wird hingegen wieder etwas mehr geschreddert, mit „Free“ gibt es eine herrliche Ballade, die jedem, der nicht aus Stein ist, eine meterdicke Gänsehaut auf den Leib zaubern muss, „I’m Drowning Alone“ (was für ein deprimierender Titel!) ist packend und beklemmend mit dem kindlichen Klagegesang bei der ruhigen Stelle, und beim finalen „...And The Distance“ darf Toms Ehefrau Carina, die seit Langem stets bei Evergrey-Alben Backing Vocals einsingt und genau wie ihr Mann über eine tolle Stimme verfügt, etwas mehr im Vordergrund agieren. Von jenem Track gibt es noch eine (in der Promoversion nicht enthaltene) Version, in der sie das Stück offenbar alleine performt.

Man ist auf „Glorious Collision“ also sichtlich um Abwechslung bemüht und darum, möglichst alle Bandphasen abzudecken beziehungsweise zu vereinen, was auch bestens gelungen ist. Songschreiberisch ist die Scheibe stark wie seit „The Inner Circle“ nicht mehr, spielfreudig, gesanglich und instrumental top – Evergrey sind mit einem eindeutig hochmotivierten neuen Line-Up zurück und man darf sich schon darauf freuen, wenn die Jungs im Mai als Support von Kamelot nach Deutschland kommen.

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