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Eure Erben: Terror 2.0

Mal rasend, mal im stampfenden Midtempo, aber immer mit hohem Wiedererkennungswert
Wertung: 10/10
Genre: Thrash Metal
Spielzeit: 47:28
Release: 27.12.2010
Label: Scare Records

Eure Erben sind Darkness, und Darkness sind Eure Erben - eigentlich ganz einfach, doch so schlicht wollen es sich die Essener Thrasher eigentlich nicht machen. Tief in den Achtzigern startete diese Band als Darkness und veröffentlichte mit „Death Squad“, „Defenders Of Justice“ und „Conclusion And Revival“ drei Studioalben. Irgendwann Anfang der Neunziger lösten sie sich dann auf, doch mit der Zeit zuckte es wieder in den Fingern Musik zu machen, was sie dann auch seit 2004 ernster vorantrieben. Zeugen dieser „Weltherrschaftsübernahme“ sind die beiden EPs „Eure Erben“ von 2006 und „Eure Fäuste“ aus dem Jahre 2007 unter dem Titel Eure Erben.

Die Aufnahmen zum Debut wurden zwar Ende 2009 eingeleitet und auch recht zügig abgeschlossen, doch bis „Terror 2.0“ auch endlich verfügbar war, dauerte es schon noch einige Zeit, und erstmalig konnten Arnd, Emma, Hobie und Lucky ihr neues Machwerk auf der Kölner Schallplattenbörse am zweiten Weihnachtsmarkt vorstellen.

Da könnte man glatt meinen, dass weihnachtliche Besinnlichkeit alles vollsülzt, dass da sich der berühmte Wurm eingenistet hätte, doch Fehlanzeige – keine Chance, sich da so stichig durch die Kunststoffhülle zu fräsen und Störmanöver zu entfachen. Denn für diese Attacken sind wenn überhaupt Eure Erben zuständig. Wie das? Arnd und Co. legen viel Wert auf ihre Texte und bohren nachdringlich in den Fehlern der Gesellschaft, stecken genüsslich den gesalzenen Finger in die offen liegende Wunde namens Politik, und dabei nehmen sie kein Blatt vor dem Mund, sondern befeuern mit Verbalöl die Ödnis der kritiklosen Masse.

So ganz können Eure Erben eh nicht die Vergangenheit abstreifen, doch aus tiefem Respekt vor zwei verstorbenen Ex-Sängern kam eine Reunion unter dem alten Banner nicht in die Tüte, und nach wie vor sind die Jungs tief mit Pfahlwurzeln im Thrash verankert. Genau deswegen haben sie nicht nur elf Stücke mit deutscher Sprache hinterlegt, sondern die gleichen Tracks mit englischen Texten eingetrümmert. Eure Erben sind eben Darkness und Darkness sind Eure Erben.

Und was Eure Erben unter Thrash verstehen, zeigen sie auch direkt nach dem kurzen Intro genauso kompromisslos wie ihre textlichen Ergüsse – stampfende Drums und rasende Gitarren sorgen dafür, dass bei „Terror für Terror“ die beklemmende „Big Brother is watching you“-Thematik auch entsprechend aggressiv untermalt wird – und mit der Abschlusszeile „Freiheit trägt ein Totenkleid“ bringen Eure Eben den Sicherheits- und Kontrollwahnsinn auf den Punkt. Eure Erben besingen die Ellenbogen und den Überfluss der einfältigen Bürgerlichkeit, sie sind ein Spiegelbild der täglichen Pressemeldungen, sie zeigen auf, was viele sich nicht trauen auszusprechen: „Deus Lo Volt“ mahnt eindringlich vor den neumodischen Bombenkreuzzügen, und auch hier fräsen sich die Gitarren tief ins Bewusstsein. „Amok“ ist ein geschwind treibender Thrasher, und ein sehr starkes Solo brennt sich förmlich in die Hirnschale.

Track für Track riffen sich Eure Eben intensiv ins Bewusstsein, und es fällt deutlich auf, dass bei der deutschen Version die Texte viel weiter im Vordergrund stehen als bei der englischsprachigen. Auch wenn „Adrenalin“ ein rasend peitschender Thrasher ist, bei dem im Refrain das Tempo spürbar herausgenommen wird, wird deutlich, dass spätestens bei „Du bist schon tot“ auch hier der Text die Instrumente verdrängt und sich trotz aller Härte in den Worten angenehm ins Nervenzentrum einnistet.

Eure Erben revolutionieren den Thrash noch lange nicht, doch sie zaubern so viele Riffs mit hohem Wiedererkennungswert aus dem Ärmel, dass ein Track wie „Order 66“ schon nach einmaligem Hören hängen bleibt – geschickt kontrastiert die einleitende Gitarre mit einem fast fröhlichen Unterton das Abwatschen von Politik und Kapital: „Wir gieren nach Rendite, ein Heil auf die Elite“. Noch Fragen?

Eure Erben sind das Salz in der Suppe, und sie zeigen auf, dass auf der Welt die Scheiße regiert, und selbst wenn man das Spitzendeckchen der Diplomatie darüber legt, stinkt es gewaltig, wenn man einen Zipfel anhebt. Mal rasend, mal im stampfenden Midtempo, aber immer mit hohem Wiedererkennungswert, grundehrlich und ganz sicher keine Mucke für ein lauschiges Dinner am Strand des Silbersees – Eure Erben sagen was sie meinen, thrashen wie Weihwasser trinkende Teufel und liefern mit „Terror 2.0“ schon jetzt den Politthrash des Jahres ab. Deswegen lieber Verfassungschutz: Wir Eure Erben-Fans bekennen uns schuldig der kritischen Betrachtung unseres Umfeldes, lokal und global, denn diese Essener Thrasher haben den Soundtrack für „Hirn einschalten“ abgeliefert. Danke dafür, denn dringender denn je braucht die mehr und mehr gesichtslose Metalszene genau solche Antreiber.

Wer mehr auf die Musik steht, wird ganz sicher die englische CD einwerfen, aber wer sich die Kombination Wort und Instrument zutraut, sollte die deutsche Version dem Player anvertrauen – Eure Erben teilen alles eh in einem Release (mit).

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