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Epitaph: Rockpalast: Krautrock Legends Vol. 1

Ein Stück Rockgeschichte
keine Wertung
Genre: Rock, Krautrock
Spielzeit: 228:00
Release: 27.05.2011
Label: MiG Music

Mit dem Begriff „Krautrock“ können die wenigsten etwas anfangen. Spontan denkt man da an Sauerkraut, doch mit dem deliziösen Lebensmittel hat die Musik natürlich nicht viel zu tun. Tatsächlich ist das Sauerkraut zwar ein Grund für den Namen, eigentlich geht die Bezeichnung aber auf die Beleidigung „Krauts“ zurück, die die deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg innehatten. Krautrock wurde letztendlich in den sechziger und siebziger Jahren daraus, als unter dieser Genrebezeichnung vornehmlich westdeutsche Rockbands internationale Erfolge hatten.

Ganz zu Anfang gehörte die wohl bekannteste deutsche Elektrocombo Kraftwerk mit dazu, später folgten Amon Düül – und eben Epitaph, die jetzt im Frühjahr ihre Doppel-DVD herausbrachten, auf denen neben den drei bisherigen Rockpalast-Auftritten auch zwei Videos des legendären Beat Club vertreten sind, der ersten deutschen TV-Sendung, die sich mit englischsprachigen Bands beschäftigte. Klingt Old School, ist es irgendwie auch – zwei der Auftritte sind schließlich aus den späten Siebzigern.

Für die Band mag es sicher so was wie ein Schock gewesen sein – erst um 1970 herum gründete man sich und bereits sieben Jahr später stand man auf der Rockpalast-Bühne; zwar nur vor knapp 40 Leuten, aber immerhin live im Fernsehen. Schwarzweiß kommt das Ganze auf DVD natürlich daher und natürlich muss man bei den immensen Schlaghosen erstmal grinsen, aber was die Band hier abzieht, ist wirklich ein Schauspiel. Zum Glück haben die Macher der DVD mitgedacht und für Nichtkenner die Songtitel eingeblendet – direkt der Opener „She’s Burning“ bietet neben dem ersten Anspieltipp auch eine kleine Sensation, denn der Track ist nur auf dieser DVD zu hören, hatte er es doch bisher noch auf kein Album geschafft. Neben dem absolut meisterhaften Klaus Walz an der Gitarre wirkt Bassist und Zweitsänger Bernd Kolbe fast ein wenig müde, aber dennoch ist es eine wahre Freunde, den Jungs beim Spielen zuzuschauen. Epitaph verbinden hier die psychedelische Verspieltheit von The Doors (inklusive schräger Klamotten) mit Zeppelin’schen Gitarrenspielereien – man weiß nicht, ob man Klaus oder Fronter Cliff Jackson lieber zuschauen möchte.

Ein weiteres Sahnehäubchen setzt Walz’ Solo bei „Crossroads“ auf den Krautrock-Kuchen – hier möchte man den Freundetränen freien Lauf lassen und selbst, wenn man kein großer Fan langatmiger Soli ist, muss man neidlos eingestehen, dass hier wahres Herzblut mit in jeden Anschlag fließt. Einzig Drummer Fritz Randow, der den ausgeschiedenen Jim McGillivray ersetzt, wird von den Kameras sträflich vernachlässigt, spielt dafür aber ausgezeichnet. Zu der Zeit haben Epitaph bereits drei Alben draußen und können sich ihre Setlist aus einem ganzen Katalog guter Songs wählen: Das fast zwölfminütige „Fresh Air“ vom zu dem Zeitpunkt relativ aktuellen „Outside The Law“ glänzt mit Gitarrenriffs der Extraklasse, Cliff und Klaus wechseln sich dabei ab, ihren Saiten die süßesten Töne zu entlocken oder sie bedrohlich aufheulen zu lassen, und in „Who Do You Love“ benutzt Cliff als wahrscheinlich erster europäischer Musiker eine Voice Box – was Bands wie Bon Jovi inzwischen erst salonfähig gemacht und dann überstrapaziert haben, war damals noch absolut exotisch. Zwar klingt der Mann nach einer Minute wie ein heiserer Ochsenfrosch, aber irgendwie passt es trotzdem gut zum Song.

Ähnlich verspielt zeigen sich die Jungs zwei Jahre später bei einer weiteren Rockpalast-Show – bedauerlicherweise ist Klaus Walz hier schon nicht mehr dabei, wurde durch Heinz Glass ersetzt und mit Michael Karch hat sich auch ein Keyboarder zu der Truppe gesellt, der übrigens eine ganze Kameraeinstellung nur für sich beanspruchen könnte, so entrückt, wie er seine Tasten malträtiert. Auch Bernd Kolbe am Bass wurde durch Harvey Janssen ersetzt, letztlich bleiben von der 1977er Show also nur Cliff und Fritz übrig. Das tut der Spielfreude aber keinen sichtlichen Abbruch – ungewöhnlich derb starten Epitaph nach einer sehr konfusen Ansage von Cliff mit „Tonight“ und davon, dass der Sänger die Nacht zuvor wegen Stimmverlust in der Notaufnahme verbringen musste, merkt man ihm eigentlich nichts an. Solche Anekdötchen finden sich übrigens im DVD-Booklet, welches zwar relativ dünn, dafür aber recht ausführlich gehalten ist. Zweitgitarrist Heinz sieht mit seiner Löwenmähne nicht nur aus wie Slashs Papa, er scheint auch fast mehr Spaß am Grimassenziehen zu haben denn am Zocken, obwohl er sich natürlich die größte Mühe gibt, den Durst der Fans nach Soli zu befriedigen. Ganz kommt er aber an die Glanzleistung seines Vorgängers nicht heran.

Merkwürdigerweise scheint es Cliff, der so ab der Hälfte des Sets langsam heiser wird (aber wer will es einem nach einer Tour als Support von Joe Cocker auch verdenken), mit Heinz auf der Bühne besser zu gefallen: Die beiden spielen sich die Riffs geradezu zu und so hat natürlich auch der gemeine Fan mehr Spaß beim Zuschauen. Lustig wird es dann bei der dritten aufgezeichneten Show – selbige stammt aus dem Jahr 2004 und ist ebenfalls in schwarzweiß gehalten. Bis auf einige Falten und in Cliffs Fall graue Haare haben sich die Herren fast nicht verändert, aber es ist natürlich dennoch spannend zu sehen, wie Songs sich innerhalb von fast 30 Jahren entwickeln. „Woman“, das auch schon auf dem 1977er Konzert gespielt wurde, ist dann ein perfektes Beispiel: Zwar scheinen sowohl Cliff als auch Bernd stimmlich etwas an Kraft verloren zu haben, den Song können sie aber immer noch im Schlaf spielen, ohne dass ein Gefühl von Langeweile aufkommt. Schaut man mal genauer auf die Tracklisten, muss man grinsen; jeder Track ist auf der 2004-Show länger als 30 Jahre zuvor. Tja, das Alter macht eben auch vor Rockstars nicht Halt und die Gitarrensoli lassen sich längst nicht mehr so rasant zocken wie damals. „Stop, Look And Listen“ wurde im Vergleich beispielsweise von sieben Minuten auf die doppelte Länge gestreckt – ein Genuss für Gitarrenfans, wenn es je einen gegeben hat. Zum guten Schluss der Show wird zu „Going To Chicago“ (übrigens dem einzigen Song, der auf allen drei Rockpalästen gespielt wurde) noch Ex-Gitarrist Klaus Walz auf die Bühne zurückgeholt. Ein bisschen abwesend wirkt er, aber dafür gibt es geballte Gitarrenpower auf die Ohren, auch wenn die Synchronität der beiden Sänger darunter etwas zu leiden scheint.

Ehrlich gesagt hätte man sich die beiden Clips aus dem Beat Club schenken können – klar wird hier noch mal die hohe Wichtigkeit der Band für die deutsche Rockmusik verdeutlicht, aber nicht nur, dass der Sound grottig und das Video zum eigentlich richtig geilen „Early Morning“ mit miesen Effekten unterlegt ist, das beste an den beiden Tracks ist allen Ernstes die total verdrogte Moderation, die anfangs kurz eingeblendet wird. Dafür sind beide Songs im Original-Line-Up (mit Drummer Jim und Klaus Walz) entstanden, was wahrscheinlich schon ein echtes Schmankerl ist. Auch das anschließende Interview vom Krautrock-Treffen 2005 hätte nicht unbedingt auf die DVD gemusst, ist aber immerhin halbwegs aufschlussreich und irgendwie charmant-verwirrt.

Unterm Strich ist die Doppel-DVD, die nebenbei auch auf CD erscheint, ein echter Pflichtkauf für alle Krautrock- beziehungsweise Epitaph-Fans. Natürlich ist das Bild nicht optimal und etwas grobkörnig, dafür ist der Sound aber bei den Rockpalastauftritten ziemlich gut. Den Bonusteil hätte man sich sparen können, dafür überzeugen die Shows aber umso mehr.

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