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Epica: The Quantum Enigma

Bei allem Bombast regiert auch weiterhin das Brett!
Wertung: 8.5/10
Genre: Symphonic Metal
Spielzeit: 69:30
Release: 02.05.2014
Label: Nuclear Blast

Angesichts des Aufwands, den Epica für „The Quantum Enigma“ betrieben haben, ist es erstaunlich, dass die HolländerInnen mit ihrem nunmehr sechsten Studioalbum bereits zwei Jahre nach der Veröffentlichung des Vorgängers „Requiem For The Indifferent“ an den Start gehen: Eine lange Vorproduktion soll es gewesen sein, in der man ausgiebig am Sound tüftelte und die Songs immer wieder durchging, um sie wachsen zu lassen und sämtliche kleinen Details adäquat zu platzieren. Bei dem Bombast, der der Combo aus unserem Nachbarland zugrunde liegt, ein nachvollziehbares Verfahren, zumal man schließlich nicht auf der Stelle treten will.

Gelohnt hat sich dies auf jeden Fall, denn das Endergebnis ist einmal mehr äußerst eindrucksvoll: Viele Bands propagieren im Vorfeld eines Albumreleases, dass sie sämtliche Extreme noch weiter ausgereizt haben – noch pompöser, noch melodischer, aber gleichzeitig noch härter, man kennt es zu Genüge. Im Falle von Epica darf jedoch konstatiert werden, dass dies tatsächlich nicht nur hohles Geblubber ist, sondern es wirklich mehr von allem gibt: Mehr Orchestersounds, mehr Chöre und unzweifelhaft auch noch einmal ein Anziehen des Härtegrades. Der Opener „The Second Stone“ ist gleich mal eine Speedgranate vor dem Herren. Erhabene Chöre treffen auf heftige Rifferuptionen, Simone Simons engelsgleiche Stimme auf Mark Jansens Growling, eine flotte Strophe auf einen eingängigen Refrain. Keine Frage, so und nicht anders kennt man Epica, doch wurde eben noch mal eine Schippe draufgelegt.

Zum Glück ist der Formation die Angelegenheit dennoch nicht entglitten, wie man bei dem „Mehr von allem“-Konzept befürchten könnte: Überladen wirkt hier gar nichts, sondern sehr fein durchdacht und ausgearbeitet – natürlich vorausgesetzt, man mochte die Musik der Band sowieso schon immer. Jene Fraktion wird mit Sicherheit ihre Freude an „The Quantum Enigma“ haben; alle anderen, die sich mit der Band schon immer schwer taten, werden es durch die noch krasseren Diskrepanzen kaum leichter haben. Selbst im mit dreieinhalb Minuten kürzesten Song „Victims Of Contingency“ (Intro und Interlude ausgeklammert) passieren die abruptesten Wechsel: Unfassbar, wie hier scheinbar problemlos ruhige Sequenzen auf Blastbeat-Raserei folgen – progressiver waren die Niederländer bisher nie.

Doch auf Abwechslung wurde im Hause Epica schon immer viel Wert gelegt und so stehen neben Stücken mit insgesamt ziemlich hohem Aggressionslevel auch getragene, dafür umso epischere Tracks zu Buche. Während es bei „The Essence Of Silence“ (fantastisch mitreißende Strophe) oder dem famosen „Natural Corruption“ (grandioses, Gänsehaut erzeugendes Mainriff) ganz ordentlich was auf die Glocke gibt, bewegen sich das feierliche „Sense Without Sanity – The Impervious Code“ oder die elegisch-dramatischen Nummern „Unchain Utopia“ und „Chemical Insomnia“ vornehmlich im Midtempo – quasi omnipräsent sind jedoch die Orchesterelemente, die wenigstens was die Streicher angeht, tatsächlich echt und nicht aus der Konserve sind, wodurch das Ganze selbstverständlich wesentlich authentischer klingt.

Bei aller Komplexität, Vielschichtigkeit, Vertracktheit und Detailliebe ist es jedoch am erstaunlichsten, dass die Band es immer noch bestens versteht, Ohrwurmmelodien zu fabrizieren: Die im Prinzip völlig simple Tonfolge von „Omen – The Ghoulish Malady“ bleibt sofort hängen, genauso die ebenfalls äußerst einfache, aber eben enorm effektive Mainmelodie bei der zuckersüßen Ballade „Canvas Of Life“. Beim Weltklasse-Hauptriff des bereits erwähnten „Natural Corruption“ und dem unglaublich bombastischen Chorus von „Reverence – Living In The Heart“ hat man sich allerdings selbst übertroffen – hier wird ganz großes Ohrenkino geboten.

Mark Jansen meinte bereits, es sei das beste Album geworden, doch das sagen Musiker, euphorisiert von einem neuen, frischen Output ja immer. Fakt ist, dass das Sextett wieder mal eine saustarke Platte aufgenommen hat und man Jansens Ansicht zumindest nachvollziehen kann – schon toll, wie Epica es stets schaffen, das hohe Niveau zu halten.

Wenn man überhaupt etwas kritisieren will, dann höchstens, dass die ansonsten wie immer sehr natürlich singende (jedenfalls für eine Vokalistin mit klassischer Ausbildung) Simone in der Strophe von „Omen – The Ghoulish Malady“ zu hoch (und damit etwas piepsig) singt und dass der überlange Titelsong zum Abschluss nicht zu hundert Prozent überzeugen kann. Auch bei diesem Epos handelt es sich alles in allem schon um eine gelungene Komposition, dennoch fehlt irgendwie die letzte Überzeugungskraft. Trotzdem fraglos erneut ein großartig produziertes, von hervorragenden Musikern eingespieltes und beeindruckend vielschichtiges Album, um das der Epica-Fan natürlich nicht herumkommt.

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