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Epica: The Holographic Principle

Sie übertreffen sich selbst!
Wertung: 10/10
Genre: Symphonic/Progressive Metal
Spielzeit: 72:03
Release: 30.09.2016
Label: Nuclear Blast

Bei Epicas siebtem Studioalbum „The Holographic Principle“ weiß man gar nicht, wo man anfangen soll. Die letzten Platten der Niederländer waren durch die Bank stark, bei relativ gleichbleibender songschreiberischer Qualität wurde lediglich der Bombastfaktor stetig ein kleines Stückchen nach oben geschraubt – mit den Epica zu „The Phantom Agony“-Zeiten hat diese Band nur noch bedingt etwas gemein. Was soll da denn noch als nächstes kommen, fragt man sich – und doch hat diese Truppe ganz offensichtlich noch längst nicht alles gesagt.

Im Gegenteil: Mit vorliegender Scheibe haben Mark Jansen, Simone Simons und Co. ihr Meisterstück abgelegt. Es ist ebenso beeindruckend wie unfassbar, wie akkurat Metal- und Orchesterklänge miteinander verzahnt wurden – da wurde im Vergleich zum Vorgänger tatsächlich noch mal zusätzlich Feintuning betrieben und noch mehr herausgekitzelt. Die Symbiose ist absolut perfekt und die symphonischen Elemente klingen noch authentischer, weil Epica laut eigenen Worten diesmal darauf geachtet haben, „so viele echte Instrumente wie möglich zu verwenden“.

Das Budget für eine entsprechend aufwendige Produktion dürfte das Sextett nach den sehr erfolgreichen letzten Alben sicher locker zur Verfügung gestellt bekommen haben, gelohnt hat sich die Investition in jedem Fall: Der Gesamtsound ist dermaßen wuchtig, dass es einen geradezu aus den Socken haut, wenn nach dem bereits ordentlich Eindruck schindenden Intro „Eidola“, das mit seinem cineastischen Charakter einen imposanten Vorboten auf das Kommende markiert, der erste richtige Track „Edge Of The Blade“ ertönt.

Bombast-Chöre gesellen sich zu Simone Simons geschmeidiger Stimme und Mark Jansens Growls hinzu, Orchester-Pomp trifft auf amtlich drückende Gitarren und kraftvolle Drums – alles differenziert und glasklar ausbalanciert. Und nur das erste von vielen Beispielen des unglaublichen Zusammenspiels von Band und Orchester; bei so vielen anderen Formationen geht dies in die Hose, weil nicht gemeinsam, sondern gefühlt eher nebeneinander gespielt wird. Hier wurde – dank der mittlerweile großen Erfahrung nach so vielen Jahren – exakt das richtige Maß getroffen. Nicht einmal Dimmu Borgir können da gegenanstinken.

Und wie sich alles zusammen in einem überragenden Refrain entlädt, der sich bei aller Komplexität sofort in die Hirnrinde einfräst, ist ebenfalls höchst bemerkenswert. Das aber ist ja auch schon immer eine große Stärke dieser Band gewesen: Trotz allen Bombasts, trotz aller Verspieltheit und komplizierten Arrangements nicht das Songwriting aus den Augen zu verlieren, was auch auf „The Holographic Principle“ glücklicherweise erneut beherzt wird. Andere Gruppen des Genres mögen sich in Selbstgefälligkeit verlieren und im Kitsch ersaufen – Epica hingegen schaffen es, dass trotz der enormen Vielschichtigkeit immer irgendwie eine gewisse Lockerheit und Bodenständigkeit zu spüren ist, zumal der Härtegrad auch weiterhin erfreulich hoch bleibt.

Man nehme nur die düstere Abrissbirne „Ascension – Dream State Armageddon“, bei der es auch ein paar Blastbeats zu verzeichnen gibt oder das fantastische „Universal Death Squad“, das mit jeder Menge Speed startet, um dann in eine kernige Midtempo-Strophe überzugehen. Und dann erneut der Refrain: Hier übernimmt der Chor und diese kleine, aber enorm wirkungsvolle Melodie geistert einem auch nach Tagen immer mal wieder durch den Kopf. Den größten Ohrwurm hat der Sechser jedoch ganz klar in der Mitte mit „Beyond The Matrix“ fabriziert: Wieder übernimmt der Chor die Hauptmelodie im Refrain und auch diese Melodie will den Schädel überhaupt nicht mehr verlassen – ganz großes Kino!

Dennoch verbieten sich Bezeichnungen wie „poppig“, selbst bei der Ballade „Once Upon A Nightmare“, die mit einem langen, wiederum sehr cineastischen Intro aufwartet, aber ohne Seichtigkeit und Plattheit auskommt, sondern schlicht wunderschön geraten ist und sich gekonnt und spannend steigert – hier kommt Simones Engelsstimme natürlich bestens zur Geltung. Experimenteller geht es bei „Dancing In The Hurricane“ zur Sache, wo mittels Perkussion und orientalischer Melodieführung eine exotische Note zum Tragen kommt, und auch hier trifft die Combo voll ins Schwarze.

Genauso wie mit dem enorm vielfältigen „Divide And Conquer“, einer wahrlich, ähem, epischen Nummer, die äußerst dynamisch zwischen mächtigen Riffs, fiesen Growls, eingängigen Sopran-Gesangslinien, ausladenden Chorpassagen und anspruchsvollen Orchestersequenzen pendelt. Episch selbstverständlich auch das Finale grande in Form des Quasi-Titelsongs „The Holographic Principle – A Profound Understanding Of Reality“, ein Elf-Minuten-Longtrack, bei dem man mal wieder den Terminus „alle Register werden noch mal gezogen“ hervorkramen darf.

Wirklich unglaublich, aber Epica haben sich mit diesem Album noch einmal gesteigert: „The Holographic Principle“ setzt Maßstäbe, etwas Besseres wird es in diesem Genre so schnell nicht geben. Hier stimmt vom Songwriting über die Performance bis zur Produktion einfach alles (bei stolzen 72 Minuten Länge!) und so gekonnt zwischen kompromissloser Härte und symphonischem Bombast zu wechseln bzw. diese Elemente derart zu verschmelzen, das beherrscht niemand so wie unsere holländischen Nachbarn – dagegen ist selbst das letzte Nightwish-Album ein laues Lüftchen. Auch textlich geht man gewohnt intelligent und tiefgründig vor. Ich ziehe meinen Hut.

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„Weil wir einfach wissen, dass wir als Band nur funktionieren, wenn wir uns nicht verbiegen“