Achtung: In deinem Browser ist JavaScript entweder nicht installiert oder deaktiviert. Einige Funktionen dieser Seite stehen daher leider für dich nicht zur Verfügung.

Enslaved: Utgard

Auch auf dem 15. Studioalbum haben sie noch neue Ideen parat
Wertung: 9/10
Genre: Progressive Metal
Spielzeit: 44:48
Release: 02.10.2020
Label: Nuclear Blast

Nachdem vor dem letzten Album „E“ mit Keyboarder/Co-Sänger Herbrand Larsen ein langjähriges Bandmitglied Enslaved verlassen hatte (und adäquat durch Håkon Vinje ersetzt wurde), mussten die Norweger nach dem Abgang von Drummer Cato Bekkevold im Sommer 2018 erneut den Verlust eines viele Jahre in der Band aktiven Musikers hinnehmen. Doch allzu lange nach einem Nachfolger suchen mussten sie nicht – Bekkevolds Platz nahm der sich schon zuvor lange im Umfeld der Truppe befindliche Iver Sandøy ein, der Produzent und Engineer der letzten drei Enslaved-Alben war, die Jungs also bereits bestens kannte.

Und nicht nur, dass die Schlagzeugposition auf diese Weise quasi in der Familie bleibt – noch dazu hat man neben Håkon Vinje nun einen weiteren begabten Cleansänger im Line-up, der somit zu noch mehr Abwechslung im Sound beitragen kann. Überhaupt ist es nach stolzen 14 Studioalben sicherlich alles andere als eine leichte Aufgabe, dafür zu sorgen, dass es abwechslungsreich bleibt, und doch hat die Band es einmal mehr fertiggebracht, ein Album aufzunehmen, das völlig unverkennbar nach Enslaved tönt und dennoch neue Elemente aufweist.

Auffällig ist schon allein, dass, nachdem die beiden vorigen Scheiben „In Times“ und „E“ lediglich jeweils sechs Tracks und damit größtenteils lange Songs beinhalteten, man wieder ein wenig zurückrudert und das Ganze etwas kompakter gehalten hat. Der Verfasser sieht gerade „E“ nach wie vor als einen ganz starken Output an, doch allgemein scheint die Platte beim Gros der Anhängerschaft keine sonderlich herausragende Stellung einzunehmen, vielen war das Album wohl zu ausladend, zu entrückt, zu metaphysisch.

„Utgard“ mag da etwas griffiger und „bodenständiger“ erscheinen, wird dennoch durch ein loses Konzept zusammengehalten, das sich – typisch Enslaved – vordergründig zunächst einmal mit nordischer Mythologie befasst (in der Edda wird „Utgard“ als Heimatort der Riesen und Trolle, als ein Ort jenseits der Menschen- (Midgard) und der Götterwelt (Asgard) bezeichnet), letztlich jedoch als Metapher für eine philosophischere und abstraktere Ebene steht. Trotzdem stehen die Songs mehr für sich als auf dem sperrigeren Vorgänger und keiner davon dauert länger als rund sechseinhalb Minuten.

Natürlich hatten Enslaved bei aller Progressivität schon immer auch catchy Melodien in der Pipeline, doch auf „Utgard“ laufen diese ungleich schneller rein als dies zuletzt der Fall war. So stellt sich der Opener „Fires In The Dark“ sofort als erstes Glanzlicht heraus: Ein Männerchor à la Moonsorrow leitet die Scheibe ein, wird abgelöst von ein paar Akustikgitarren, bevor das Stück an Fahrt aufnimmt. Die Fanfaren-artigen, aber doch spartanisch gehaltenen Keyboardklänge sind enorm effektiv und der ohnehin stets faszinierende Wechsel zwischen Grutle Kjellsons knarzigem Gekrächze und den ätherischen cleanen Vocals ist hier so leicht und natürlich wie vielleicht nie zuvor. Die Gesangslinien sind schlicht göttlich und man liefert gleich mal eine eindrucksvolle Visitenkarte dessen ab, wie es mit drei Sängern gehen kann, ohne dass der Brei durch viele Köche verdorben würde.

Der neue Mann kann sich dann vor allem in der vorab ausgekoppelten Single „Homebound“ auszeichnen, eine ebenfalls sehr starke Uptempo-Nummer im krummen 7/4-Takt, dabei aber vor allem dank des großartigen Refrains trotzdem supereingängig. Sandøys Stimme hat einen Tick mehr Edge als das eher warme Organ Vinjes, was eine perfekte Symbiose ergibt. Das zeigt sich auch im Albumschlusspunkt „Distant Seasons“, der mit den geradezu sakral anmutenden Gitarrenakkorden und dem erhabenen Gesang sehr feierlich, beinahe erlösend wirkt und somit ein passendes Finish abgibt.

Die unstrittig absoluten Höhepunkte bilden jedoch die Miniepen „Sequence“ und „Flight Of Thought And Memory“, in denen die Skandinavier dank überraschender Wendungen und unorthodoxer Arrangements ihre ganze Kreativität entfalten: „Sequence“ startet mit einem fetzigen, doch recht charakteristischen Riffing, um über eine atmosphärische, von Säuselgesang und Akustikgitarren geprägten ruhigen Passage zu einem marschierenden, opulent gestalteten und doch verträumten Endpart mit perlenden Keyboards, Glockenspiel (!) und Röhrenglocken (!!) zu gelangen.

„Flight Of Thought And Memory“ wiederum switcht zwischen Raserei und Midtempo und wartet am Schluss mit einem von hypnotischen Percussions untermalten Teil mit Sprachsample, spacigen Keys und jazzigen Gitarrenakkorden auf. Äußerst beeindruckend und der imposante Beweis dafür, dass die Formation auch beim 15. Album noch frische, neue Ideen auf der Pfanne hat und sich konstant weiterentwickelt.

Eher ungewöhnlich präsentiert sich ebenso das mit elektronischen Klängen aufgemotzte „Urjotun“, das mit dem Intro „Útgarðr“ (was nichts anderes als „Utgard“ in altnordischer Sprache bedeutet) ein Doppelpack schnürt. Hier liegt bei aller Experimentierfreudigkeit dennoch die einzige Stelle verborgen, an der die Platte leicht schwächelt, denn jene Nummer mäandert etwas ziellos umher. Ändert aber nichts daran, dass es mit „Utgard“ wieder einmal einen bärenstarken Rundling aus dem Hause Enslaved zu notieren gibt, der so eingängig wie progressiv daherkommt, selbstredend fantastisch produziert wurde und mit seinen vielschichtigen Arrangements zu Kopfhörersessions einlädt.

comments powered by Disqus

Werkschau einer der größten und einflussreichsten Rockbands aller Zeiten

Wie mit einer Ex-Freundin

Willkommen in der Husumer Sauna