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Enslaved: In Times

Wieder ein großes Stück Musik
Wertung: 8.5/10
Genre: Progressive Metal
Spielzeit: 53:09
Release: 06.03.2015
Label: Nuclear Blast

Eine der produktivsten Bands der letzten Jahre meldet sich zurück: Enslaved sind ein Paradebeispiel für eine Formation, die ihren Wurzeln treu geblieben ist, aber sich stetig weiterentwickelt. Mit großem Ehrgeiz haben sich die Norweger um Kreativkopf Ivar Bjørnson immer bemüht, ihrem Sound neue Komponenten hinzuzufügen, was ihnen bislang jedes Mal bravourös gelang – die zu Recht guten bis sehr guten Kritiken für sämtliche letzten Platten sprechen eine deutliche Sprache.

„RIITIIR“ stellte für meine Begriffe allerdings schon das bisherige Nonplusultra der Combo dar und man durfte gespannt sein, was sich der Fünfer für sein immerhin 13. Album wieder hatte einfallen lassen. Nach einem Dutzend Studioalben immer noch kreativ zu sein und sich etwas Neues auszudenken, ist schließlich nicht die leichteste Aufgabe, viele sind, wenn sie sich schon so lange im Geschäft befinden, doch irgendwann ausgebrannt. Da „RIITIIR“ eben derart überragend ausgefallen war, musste man dies bei Enslaved natürlich nicht befürchten; interessant mutete bereits im Vorfeld an, dass die Tracklist lediglich sechs Songs enthält – würde den Hörer somit ein Prog-Feuerwerk sondergleichen erwarten?

Bjørnsons Beschreibung der Platte, das neue Material sei „düsterer und rauer, aggressiver und direkter“, gleichzeitig jedoch gehe man mit „den komplexen Song-Strukturen tiefer in Richtung Progressive und Melodic Metal“ hört sich zunächst einmal ein bisschen standardmäßig an, da eine ganze Menge Bands derartige Aussagen verzapfen, wohl weil sich letztlich jeder weiterentwickeln will, ohne dabei auf Unbekümmertheit und Angepisstheit zu verzichten, wie man sie meistens nur im jüngeren Alter besitzt. Bei Enslaved hingegen weiß man, dass sie diesen Spagat auch tatsächlich hinbekommen, auch wenn die Combo über den letzten Output ähnliches sagte.

Bezogen auf letzteres, erscheint es also nur logisch, dass man den Sound von „RIITIIR“ fortführt; die Gesangspassagen sind inzwischen fast fifty-fifty zwischen Bassist Grutle Kjellson und Keyboarder Herbrand Larsen aufgeteilt, wobei man wirklich sehr überlegt vorgegangen ist. Erst nach mehreren Durchläufen offenbart sich die ganze Dynamik und dass man in dieser Hinsicht nichts dem Zufall überlassen hat. Der Wechselgesang kommt noch effektiver herüber, bei Songs wie „Building With Fire“ oder dem Titelstück wird besonders deutlich, dass man noch mal daran gearbeitet hat, tatsächlich die maximale Wirkung zu erzielen.

Und doch ist es nicht von der Hand zu weisen, wenn Ivar Bjørnson davon spricht, das neue Zeug sei düsterer, aggressiver und rauer; im Opener „Thurisaz Dreaming“ wird sofort gnadenlos mit Blastbeats losgeknüppelt – ein Warnschuss für alle, die meinen, mit dem höheren Anteil an Klargesang, den Enslaved mittlerweile etabliert haben, sei den Norwegern die nötige Attitüde und Aggressivität verlorengegangen. Insgesamt handelt es sich hier allerdings wohl zugegebenermaßen schon um den härtesten Song des Albums, doch egal wie hart, das Quintett kann in jedem Fall wieder mit starkem, spannenden und abwechslungsreichen Songwriting glänzen.

„Thurisaz Dreaming“ besitzt bereits unerwartete, aber clever konstruierte Wendungen; so wird nach dem Arschtreter-Anfangspart locker-flockig in einen wesentlich entspannteren Teil mit cleanen Vocals gewechselt, der mit einer sehr prägnanten, super-smoothen Basslinie ganz lässig groovt, bevor es nach einem erneuten Ausflug in härtere Gefilde zum Ende hin sehr dramatisch wird, was insbesondere an Larsens teilweise ungewöhnlich hohem Gesang liegt.

„Building With Fire“ setzt dann alles in allem eher auf Midtempo. Der Song atmet dadurch, dass man die Gitarren zwischendurch auch mal komplett außen vor und einfach nur Bass und Schlagzeug grooven lässt, nur unterstützt durch sphärische Keyboards, während es bei „One Thousand Years Of Rain“ wieder ungleich flotter zur Sache geht. Das Intro jenes Tracks mit vereinzelten, recht dissonanten Gitarrenklängen lässt eigentlich eine ganz andere Entwicklung vermuten und ich persönlich hätte es nicht schlecht gefunden, wenn man dem noch ein wenig weiter nachgegangen wäre, doch lässt sich nicht leugnen, dass der Song ein sehr cooles, einprägsames Mainriff besitzt und ordentlich mitreißt. Und der Mittelpart mit den ungewöhnlich pathetischen Chor-ähnlichen Gesängen hat ebenfalls etwas für sich.

Die Highlights von „In Times“ bilden aber doch ganz klar das mit fantastischen Melodien gesegnete „Nauthir Bleeding“ sowie der Titelsong, bei dem in recht typischer Enslaved-Manier in mittleren Tempobereichen gerifft wird und der einmal mehr vor allem durch den behutsamen, durchdachten Aufbau punkten kann. Mit knapp elf Minuten ist dies auch das längste Stück der Platte, der Rest liegt stets im Acht-Minuten-Bereich. Auch diesbezüglich agiert die Skandinavien-Truppe also ausgeglichen und tatsächlich fließt das Album sehr gut und präsentiert sich homogener als noch der Vorgänger. Diesen sehe ich persönlich dennoch als etwas stärker an, wohl auch, weil man damals eine noch klarere Weiterentwicklung an den Tag legte. Aber ein großes Stück Musik ist natürlich auch „In Times“ wieder geworden. Es macht einfach Spaß, bei jedem Durchlauf mehr Details zu entdecken und immer klarer die Strukturen zu erkennen, mal abgesehen von der nach wie vor einzigartig dichten Atmosphäre.

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„Weil wir einfach wissen, dass wir als Band nur funktionieren, wenn wir uns nicht verbiegen“