Achtung: In deinem Browser ist JavaScript entweder nicht installiert oder deaktiviert. Einige Funktionen dieser Seite stehen daher leider für dich nicht zur Verfügung.

Enslaved: E

Highlight in einer Discographie voller Highlights
Wertung: 10/10
Genre: Progressive Metal
Spielzeit: 49:53
Release: 13.10.2017
Label: Nuclear Blast

Einen kleinen Schock hatte die Enslaved-Fangemeinde im letzten Jahr zu verdauen, als Keyboarder und Clean-Sänger Herbrand Larsen (immerhin seit 2004, als das Album „Isa“ erschien, in der Band tätig) seinen Ausstieg bei den Norwegern erklärte. Vor diesem Hintergrund wirkt es wie bittere Ironie, dass die Band, die jüngst ihr 25-jähriges Bestehen feierte, über die letzte reguläre Veröffentlichung „In Times“ rückblickend sagt, dass sie sich „wie ein Endkapitel“ anfühlte, nach welchem mit der vorliegenden Scheibe eine neue Episode beginnen würde, die „völlige kreative Freiheit“ ermöglicht.

Der schlichte Titel „E“ suggeriert tatsächlich eine Art Neubeginn, zumal im Line-up mit Keyboarder und Clean-Sänger Håkon Vinje eben nun ein neues Bandmitglied dabei ist. Gleichzeitig zeugt ein solcher Titel von viel Selbstbewusstsein, da er gerade wegen seiner Einfachheit doch so markant herüberkommt und auf vielfache Weise interpretierbar ist – als würde die nunmehr 14. Studioplatte die Essenz der Band repräsentieren und man aus dem Verlust eines langjährigen Bandkollegen nur noch stärker hervorgehen.

Und wahrhaftig hat das Quintett ein unglaublich beeindruckendes und vielschichtiges Werk kreiert, das ohne Übertreibung den bisherigen Höhepunkt im Schaffen der Formation aus dem Land der Fjorde darstellen könnte, trotz solch fantastischer Alben wie „Isa“, „Ruun“, „Axioma Ethica Odini“ oder „RIITIIR“. „E“ besitzt definitiv mehr Tiefgang als der Vorgänger, der bei aller Qualität nicht wirklich eine Weiterentwicklung erkennen ließ. Es gibt mehr psychedelische Parts, mehr Experimente, mehr Einfälle.

Auffällig ist, dass das eröffnende „Storm Son“ recht ruhig mit verträumten Cleangitarren beginnt, wenn man mal die von der ersten Sekunde ziemlich brachialen Opener der drei vorigen Alben als Vergleich heranzieht. Ein kräftiger Hornstoß, der an „Herr der Ringe“ oder „Game Of Thrones“ erinnert, wenn die Männer zu Kriegshandlungen zusammengetrommelt werden, sowie ein wieherndes Pferd versetzen einen sogleich in eine wohlige, archaische Enslaved-Stimmung.

Das anschließende Riffing im Midtempo ist typisch Enslaved und erinnert an den Titeltrack von „In Times“, die gebirgsbachklaren Vocals von Neuling Håkon Vinje lassen einen beinahe sprachlos zurück: Ein wunderschönes Timbre, das nicht wenig an Herbrand Larsen erinnert und sofort klar macht, dass die Band hier wirklich genau den richtigen Mann als Ersatz rekrutieren konnte. Auch der Wechselgesang mit Krächzer Grutle Kjellson zeigt sich mindestens so wirkungsvoll wie bislang, sodass alle etwaigen diesbezüglichen Bedenken innerhalb weniger Augenblicke weggewischt sind.

Später nimmt der Song noch mächtig Fahrt auf und dies ohne gekünstelte, forcierte Breaks; natürlich ist man von Enslaved kompositorische Spitzenklasse gewohnt, doch der Flow, der „E“ kennzeichnet, ist schon bemerkenswert akkurat. So trifft in „Axis Of The Worlds“ ein King Crimson-mäßiges Riff auf wummernde Deep Purple-Gedächtnis-Hammondorgeln, die problemlos neben monströsen Grooves und verträumten, schwebenden Melodiewundern stehen. Verspielte Gitarrenleads, die sich stetig nach oben zu schrauben scheinen, verfeinern dieses Glückshormone auslösende Kleinod noch zusätzlich.

„Feathers Of Eolh“ hingegen startet mit einer schrägen, „Storm Of Memories“-artigen Sequenz, die zum Ende hin wieder ausgepackt wird und dort immer bedrohlicher anwächst, während dazwischen gebettet eine erst wilde und später ruhige Passage liegt, die vom dramatisch-intensiven Gesang Håkon Vinjes lebt – hier zeigt der Neue besonders eindrucksvoll, was er auf dem Kasten hat. Gänsehaut pur und zweifellos eine der schönsten Stellen der gesamten Platte. „Sacred Horse“ wiederum setzt auf eine eingängige orientalische Tonfolge, die zum Ende hin in hypnotischer Manier wiederholt wird – die zeremoniellen Gesänge im Hintergrund verleihen dem Ganzen einen feierlichen, geradezu rituellen Charakter.

Beim letzten Stück „Hiindsiight“ (eine nette optische Anspielung auf „RIITIIR“) des erneut nur sechs Nummern starken Rundlings betritt die Band dann komplett Neuland: Unfassbar, wie hier langsame Passagen mit Doom-Charakter und ein beschwingt-rockiger, an Porcupine Tree erinnernder Part friedlich koexistieren, das geschmeidige Saxophon lässt eine warme, jazzige Note aufblitzen – wann hätte man bei Enslaved je gedacht, dass dieses Instrument mal zum Einsatz kommt und sich auch noch so glänzend macht?

Das Fazit ist klar: Die Norweger haben hier ein Meisterwerk allererster Güte abgeliefert, das kompositorisch schlüssig ausgefallen ist und alle Enslaved-Trademarks bietet, dem es an Überraschungen und unendlich vielen tollen Ideen aber trotzdem keineswegs mangelt und das zudem mit einem großartigen Sound punktet. Sechs überragende Songs mit Überlänge (sieht man von „The River’s Mouth“ ab, das mit fünf Minuten eher kurz geraten ist, an Intensität und Energie dem Rest jedoch in nichts nachsteht) hieven „E“ zu einem ganz großen Highlight in der imposanten Discographie der Skandinavier. Faszinierend bleibt bei Enslaved die butterweiche Leichtigkeit, mit der zwischen Raserei, zementschweren Riffs und Mitsing-kompatiblen Melodien gewechselt wird, noch faszinierender ist jedoch, dass sie nach 14 Studioalben immer noch so viel zu sagen haben. Album des Jahres. Anspieltipps spare ich mir.

comments powered by Disqus

„Weil wir einfach wissen, dass wir als Band nur funktionieren, wenn wir uns nicht verbiegen“