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Endstille: Infektion 1813

Ohne Iblis gelingt den Kielern eines ihrer besten Alben
Wertung: 8.5/10
Genre: Black Metal
Spielzeit: 47:50
Release: 20.05.2011
Label: Season Of Mist

Endstille ohne Iblis – kann das überhaupt funktionieren? Diese Frage stellte sich so mancher, als im vorletzten Jahr bekannt wurde, dass das Gründungsmitglied des Kieler Schwarzmetallkommandos nicht mehr Teil der Band ist. Nachdem zunächst Mannevond von Koldbrann einsprang, ist nun schon seit etlichen Monaten Ex-Nagelfar-Schreihals Zingultus neuer Frontmann der Combo. Und es mag sein, dass Iblis einer der fiesesten Kreischer der gesamten Black-Metal-Historie war oder immer noch ist, doch dass man sich mit Zingultus einen klasse Sänger ins Boot holte, wird wohl jeder zugeben müssen, der schon einmal etwas von Nagelfar gehört hat. Alle anderen konnten sich von den Qualitäten des Aacheners beispielsweise beim letztjährigen Wacken-Auftritt Endstilles überzeugen.

Dennoch stellt sich natürlich die Frage, wie sich das Ganze in Form eines neuen Studioalbums anhören würde, zumal Zingultus witzigerweise gesagt haben soll, dass er sich vor seinem Einstieg eigentlich nie eine Endstille-Platte zu Ende anhören konnte. Nun ja, diese Band polarisierte schon immer und hat sich ihre musikalischen Grenzen doch sehr eng gesteckt; von diesem Muster ist sie kaum wirklich abgewichen, viele Kritiker behaupten flapsig, es klänge sowieso jedes Album gleich. Sollten diese mit dem neuesten Streich „Infektion 1813“ plötzlich zum Schweigen gebracht werden? Sollte bei Endstille nun tatsächlich eine klar erkennbare Weiterentwicklung erkennbar sein und sollte die um Purismus bemühte Basis deswegen Sorgenfalten auf der Stirn bekommen?   

Die Antwort auf die letzte Frage ist denkbar einfach: Man lege die CD in den Player und lasse sich umgehend die ersten beiden Tracks „Anomie“ und „Trenchgoat“ um die Ohren blasen. Scheiß die Wand an! Dass diese Jungs auch anno 2011 keine Kompromisse machen, wird anhand des über den Hörer einprasselnden Infernos sofort deutlich. Der Opener ist bitterböse, dabei aber gleichzeitig fantastisch eingängig, und die Spannungspausen sind wirklich großartig eingesetzt. Ganz sicher ist es einer der besten Endstille-Songs überhaupt, definitiv eine neue Pflicht-Live-Nummer. Ein paar sehr wenige intelligent eingebaute Sequenzen, bei denen der Fuß vom Gaspedal genommen wird, sind zwar auch hier (und ebenso bei „Trenchgoat“) zu finden, doch das erste richtige „Durchschnaufen“ (sofern man bei dieser Band so ein Wort in den Mund nehmen kann) gibt es erst beim an dritter Stelle stehenden „Bloody H (The Hurt-Gene)“.

Der Hintergrund dieses ungewöhnlichen Titels ist folgender: Es geht um die Schlacht im Hürtgenwald, die zwischen September 1944 und Februar 1945 stattfand, und dem die Amerikaner aufgrund ihrer immensen Verluste anschließend diesen Namen gaben. Es dürfte wohl kaum jemanden überraschen, dass „Infektion 1813“ als lyrisches Hauptthema erneut den Krieg behandelt, was sich im Übrigen auch in Albumtitel und Artwork wiederfindet, denn 1813 fand die Völkerschlacht bei Leipzig statt, bei der Generalfeldmarschall Blücher – welcher wiederum auf dem Cover zu sehen ist und für Endstille-Schlagzeuger Mayhemic Destructor „das Virus, das auf lange Frist zum Ersten Weltkrieg führte“, darstellt – mit seinen Truppen den Franzosen unter Napoleon Bonaparte eine entscheidende Niederlage beibringen konnte.

Wieder einmal geben Endstille also ein wenig Nachhilfeunterricht in Kriegsgeschichte und dieses Mal kann man die Texte offenbar sogar nachlesen (zumindest im Season Of Mist-Pressekit sind sie enthalten); Iblis wollte aus persönlichen Gründen stets nicht, dass seine lyrischen Ergüsse in Druckform an die Öffentlichkeit kommen. Musikalisch gesehen können sämtliche Black-Metal-Puristen aufatmen, denn die beiden ersten Tracks sind selbstredend nicht die einzigen Hochgeschwindigkeits-Attacken, die die Kieler auffahren; Wachtfels schleudert immer noch seine unverkennbaren, monotonen und doch fesselnden Riffattacken heraus, die versteckten, dezenten Gitarrenmelodien schimmern auch auf der siebten Full-Length durch, aber tatsächlich lassen sich ein paar sporadische Veränderungen ausmachen: So sind im Hintergrund des Chorus’ zum groovigen „Bloody H (The Hurt-Gene)“ ein paar feierliche Grabes-Vocals zu hören, während der Refrain zu „The Deepest Place On Earth“ bestes Mitgröl-Futter bietet; hier wird der Titel des Songs simpel aber effektiv einfach nur herausgeshoutet – Fäuste, die im Pit geschüttelt werden, hat man da automatisch schon vor Augen.

„When Kathaaria Falls“ wiederum wurde bereits letztes Jahr live vorgestellt, „Satanarchie“ (cooler Titel) besitzt eine skandinavische Schlagseite und ist genauso fies wie geil und das finale „Endstille (Völkerschlächter)“ ist, wie mittlerweile Tradition bei dieser Band, ein in langsamem Tempo gehaltenes, überlanges Epos, dessen Text in diesem Fall ausschließlich aus der Aufzählung einiger der größten und berüchtigsten Verbrecher an der Menschlichkeit aller Zeiten besteht: Hitler, Stalin, Ceausescu, Franco, Mussolini, Bush, Tito, Milosevic und wie sie alle heißen (bei 3:35 haben die Jungs außerdem einen kleinen Gag parat). Dabei wird im Prinzip die ganze Zeit ein und dasselbe Riff gespielt, aber in dieser typischen, faszinierenden Endstille-Manier, dass es einen eher hypnotisiert und einnimmt, statt langweilt; ist schon geil gemacht.

Ganz ehrlich: Endstille haben sich durch Iblis’ Ausstieg (oder Entlassung, was da genau vorfiel, weiß niemand so recht) keinen Deut verschlechtert, eher im Gegenteil. „Infektion 1813“ ist eine sehr starke Scheibe geworden, die zudem mit einer unfassbar durchschlagskräftigen Produktion versehen wurde, die einer gewissen Räudigkeit trotzdem nicht entbehrt.

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Absolut fantastischer Konzertabend, der kaum überboten werden kann