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Emergency Gate: Nightly Ray

Nicht spektakulär genug
Wertung: 7/10
Genre: Melodic Metal
Spielzeit: 43:27
Release: 12.05.2006
Label: Universal Music

Wirklich gute Dinge brauchen nunmal ihre Zeit.

Ähnlich wie bei gutem Wein erklärte sich meine kreative Abstinenz darin, für eine gewisse Zeit bei einem müßiggehenden Purgatorium festsitzen zu müssen- Bundeswehr genannt - und somit mit der Rezension zum titelgebenden Werk doch ein gutes Jahr hinterherzuhinken.

Nichtsdestotrotz, vielleicht besteht ja immer noch Interesse an dieser längst erschienenen Platte, dessen Review ich somit quasi direkt gegen meinen Gefechtshelm eingetauscht habe.

Da legst di nieder! Auch unsere österreichischen, äh, bayrischen Kollegen haben ihre lokalen Genregrößen und Emergency Gate scheint eine davon zu sein, oder erhebt zumindest den Anspruch darauf.

Mit reichlich Selbstgefälligkeit preisen die Jungs ihren Genre-Mix an, wollen sich gar als die Begründer DER Metal-Synthese des 21. Jahrhunderts in den Schlaf wiegen, der ultimativen Fusion zwischen Alt und Neu, zwischen Evolution und Revolution, Motion und Stagnation, die nun endlich die beiden alles andere als miteinander grünen Lager vereinen soll - Eigenlob stinkt doch, das müsstet Ihr aber wissen, und wenn es unbegründet ist, sogar bis zum Himmel; aber wir haben ja noch nicht einmal probegerochen, also Eins nach dem Andern.

Die Band duftet zunächst episch und melodiös, lässt aber auch immer eine hintergründige, erdige Heavyness erahnen.

Die olfaktorische Gesamtkonposition muss wohl ein gutes Pheromon ergeben, um Major Label anzulocken, denn diese ehrgeizigen Mittzwanziger bis Dreißiger haben es durch irgendeine sexuelle oder nicht-sexuelle List tatsächlich geschafft, bei Universal zu landen.

Fangen wir bei den Tracks selbst an: Titeltrack "Nightly Ray" legt schon mal mit ordentlich bratenden Gitarren vor; die mächtigen Siebensaitersounds sind durch ziemlich krasses Stop and Go-Riffing auf die unsichtbaren Rillen gebändigt (bin gespannt, ob oder wie sie diese mikroskopischen Breaks live realisieren wollen...) und ergeben in Verbindung mit den weiblichen Backing Vocals wirklich eine komische (nein, ich musste nicht lachen) Mischung und die ein oder andere in der Tat neuwertige Hördimension.

Der Lead-Gesang bemüht sich einerseits um ein Melancholisches, aber auch gleichzeitig etwas rotziges Timbre, das mich persönlich ziemlich an Ex-Amorphis Sänger Pasi Koskinen erinnert, und sich durchaus als einen wahren Glücksgriff der Band bezeichnen lässt, ein Könner auf seinem Gebiet.

"Kill The Dying" beginnt mit einer 8-Bit artigen Synthesizer-Spur, kann aber von jetzt auf gleich von Nintendocore zum Power Metal überspringen.

Das balladeske "Another Day Nowhere" erzählt uns eine nette Geschichte vom frühen Aufstehen an einem fernen, unwirklichen Ort, einer sinnlosen Existenz und verächtlich dreinblickenden, höheren Mächten - geil, Emergency Gate waren auch beim Bund, schönes Ding jedenfalls, rockt, und dazu noch ein wahres Solo zum Luftgitarrespielen.

Die Akkorde von "The Inside" sind noch stärker Stop and Go-mäßig orientiert, klingt fast wie der ein oder andere Helmet-Klassiker; 180 Grad kehrt und mit "In My Dreams" wieder auf softe Ballade machen, schönes Ding.

Zwischenbilanz, Jungs - die Band kann etliche Spielarten der Rock- und Metalmusik ansprechend anreißen und gibt mir keinen Grund, nominelle Schwächen zu sehen, schafft Innovation durch Abwechslung und hat Aussichten auf eine hohe Wertung, wenn das Niveau derartig gehalten werden kann.

Ein kurzer Blick auf die tatsächliche Wertung sagt dem Leser, dass dem nicht so ist.

Das Interesse schwindet insofern, dass die Band ideentechnisch ausgebrannt wirkt: Die laut-leise Wechsel werden immer offensichtlicher, die Kompositionen standartisierter und so kann die zweite Hälfte nicht mit der ersten mithalten; aus Innovation durch Abwechslung wird Langeweile durch Repetition.

Die Tracks verlieren so ihren Wiedererkennungswert und fallen trotz sporadischer neuer Elemente und Sounds wie Samples, Operngesang oder digitalen Ringmodulatoren nicht aus ihrem Stammschema und in des Hörers Ohr.

Das Falco-Cover "Rock Me Amadeus" ist letztendlich das meist lobgepriesene Lied der Band dieses an (unangebrachten?) Lobpreisungen nicht armen Werkes und, was soll ich groß sagen - auch wenn die Gitarrenarbeit sicher toll und super virtuos ist, soviel anders und berauschend macht es die Band nicht; das meiste kenn ich noch vom Egoisten selbst und wieso soll man denselben Track, nur in etwas rockiger, nochmal aufnehmen?

Auch wenn ich den Song zu den stärkeren auf dem Album zähle, da das Original selbst ja schon gut vorlegt, fehlt mir einfach dieser "over the top"-Charme, der die einzigartigen Neuinterpretationen vom 08/15-Kirmescovergedöns abhebt- again: Hier gibt es nichts vom Schlage "Come To Daddy" (DEP), "Over The Hills" (Nightwish) oder auch der irgendwie liebenswerte "Final Countdown" von Hypocrisy zu entdecken.

Fazit: Eine insgesamt durchweg "okaye" Platte, aber genau das ist das Problem: Sie ist so okay, dass man sich schwer tut, sich überhaupt tiefergehend mit ihr zu beschäftigen, da man ständig das Gefühl hat: Oh mein Gott, ich könnte so viel Besseres mit meiner Zeit anstellen, ein Haus zeugen, ein Kind pflanzen, eine Enzyklopädie zu lesen anfangen ... ANFANGEN - einfach zu viel Füllmaterial, will sagen.

Für die Ideen, die kreativen Ansätze und das stimmige Bandkonzept gibts Punkte, für die unzureichende Realisation und das schwache kreative Endresultat, sprich das unergiebige Songwriting nach der ersten Hälfte wieder Punktabzüge; niemand will schließlich ein halbes, gutes Album oder ein ganzes, nur befriedigendes Album hören, aber da seh ich noch Chancen fürs nächste Mal, wenn sich die Band in den Arsch beißt.

Wie riecht die Band also? Sicherlich kein über alle Maßen spektakulärer Geruch, da gefiel mir der faulig modrige Dunst, der mir jeden Tag aus meinem Spind entgegenwehte doch wesentlich besser, der hatte irgendwie mehr Eigengang und Dynamik, die er auch bitter nötig hatte, um mich Tag für Tag aus den Socken zu hauen.

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