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Eluveitie: Helvetios

Die Band hat sich wieder einmal selbst übertroffen
Wertung: 9.5/10
Genre: Folk Metal
Spielzeit: 59:08
Release: 10.02.2012
Label: Nuclear Blast

Was einst als einfaches Studio-Projekt begann, entpuppte sich im Laufe der Jahre als die Pagan-Metal-Sensation. Die achtköpfige Schweizer Truppe Eluveitie hat sich nämlich an die Spitze der Szene weltweit hochgearbeitet und sich den Ruf als Verfechter des New Wave Of Folk Metal auch redlich verdient, denn im Gegensatz zu vielen der Kollegen weiß die Band mit innovativen und vielschichtigen Strukturen zu überzeugen als nur mit reiner Trink- und Feiermusik. Rund zwei Jahre nach der überragenden Leistung auf "Everything Remains (As It Never Was)" sowie etlichen absolvierten Konzerten steht nun das neue Album "Helvetios" ins Haus, das zudem das erste Konzeptalbum mit einer fortlaufenden, in sich geschlossenen Geschichte ist. Es führt 2000 Jahre zurück in die Gallischen Kriege und begleitet den Hörer durch eine einstündige Reise auf die Schlachtfelder, zu Aufständen und Begegnungen mit dem Römischen Imperium, erzählt aus der Sicht des Keltenstamms der Helvetier. Die Band hat dafür zusammen mit Wissenschaftlern die Geschichtsschreibung hinterfragt, diverse wissenschaftliche Erkenntnisse einfließen lassen, archäologische Erkenntnisse berücksichtigt und großteils auch bloß Gefühle und Emotionen sprechen lassen, indem sie versuchte, sich in die einstige Zeit hineinzuversetzen und sich vorzustellen, wie die Dinge wirklich geschehen sein könnten.

Das Ganze beginnt mit einem kurzen, einleitenden Prolog, gesprochen von Schauspieler Alexander Morton, der in die Geschichte des Albums einführt und mit seinem wunderbaren schottischen Akzent dem Ganzen einen authentischen Hörspielcharakter verpasst. Das Intro leitet zudem direkt über in den Titelsong "Helvetios", ein fantastisches Epos und zugleich einer der stärksten Songs auf der Platte. Der dritte Track "Luxtos" schließt geradewegs an seinen Vörgänger an und verlockt zunächst mit seiner traditionellen bretonischen Melodie und einem bezaubernden Refrain und erinnert in der Strophe stark an "Uis Elveti", was schön ist, da die Band somit ihren Wurzeln treu zu bleiben scheint. Das ein wenig melancholisch klingende "Home" gehört zwar definitiv nicht zu den Highlights des Albums, doch die Stimmung passt perfekt zur Thematik, da nämlich langsam dunkle Wolken aufziehen und sich allmählich das Schicksal der Helvetier abzeichnet.

Auch beim folgenden "Santonian Shores" scheint der lyrische Kontext im Vordergrund zu stehen, denn außer dem einmaligen Drehleiher-Solo von Anna hat der Song nichts, womit er sich gegen den Rest des Albums durchsetzen könnte. Das heißt keinesfalls, dass er schlecht ist, der Rest des Albums hat jedoch nunmal einfach um Welten mehr zu bieten. So wartet mit "Scorched Earth" zum Beispiel ein uraltes, traditionelles "Gwerz", ein sogenanntes Klagelied der bretonischen Volksmusik, das nur aus einer Gesangsstimme und minimaler instrumentaler Begleitung besteht. Es vermittelt eine mystische Atmosphäre, was sich aus dem unheimlichen Gefühl der Helvetier herleiten lässt, als sie ihre Heimat verließen und ihre ehemaligen Häuser, Höfe und Felder in Brand setzten. Das anschließende "Meet The Enemy" hingegen stellt den direkten Kontrast dazu dar. Der Titel spricht für sich selbst, hier wird nach klassischer Eluveitie-Manier im Stil von "Bloodstained Ground" oder "Lament" mit aggressiven, melodischen Riffs losgeprescht und eins der härtesten Stücke der Band aufgetischt, Anna Murphy gibt sogar ihr Gesangsspektrum in Form eines wutgeladenen Screams gegen Ende zum Besten. Der Song erzählt von der erste maßgebliche Begegnung zwischen Gallien und Rom, die zum Beginn der gallischen Kriege führte. "Neverland" ist ein vergleichweise schwaches Lied, doch hier gilt dasselbe wie bereits erwähnt, das restliche Album ist einfach zu gut gelungen, als dass dieser Song sich gegen die anderen durchsetzen könnte.

Ganz anders ist da "A Rose For Epona", denn die schon zuvor veröffentlichte Folk-Metal-Ballade ist ohne Zweifel das Highlight der Scheibe und man darf schon jetzt gespannt sein auf die Live-Umsetzung. Der Song ähnelt dem Stück "Omnos" vom Akustikalbum und birgt viele Emotionen in sich, doch vor allem kommen Schmerz und Trauer zum Ausdruck, was ihm eine ergreifende und gleichzeitig anziehende Wirkung verleiht. Er versetzt den Hörer hinein in die Rolle einer jungen gallischen Frau, die all ihre Erwartungen einer schöneren Zukunft in die angepeilte neue Heimat gesetzt hatte und nun angesichts der zerstörten Hoffnung die Göttin Epona anklagt. Was dabei aber wirklich grandios gelungen ist, ist die beispiellose Gesangsleistung von Anna Murphy. Mit ihrer wunderschönen Stimme und ihrer einzigartigen Art, diese zu präsentieren, ist Gänsehaut garantiert. Mit "Havoc" folgt sogleich das nächste Schmankerl, indem die Schweizer das Tempo wieder stark ankurbeln und mit den bislang schnellsten Fiddle- und Whistle-Parts der Band und dem wohl ersten Folk-Metal-Breakdown aufwarten. Ein geradliniger, pfeilschneller und kompromissloser Song, der die düsteren Vorgänge des sich auf ganz Gallien ausbreitenden Krieges beschreibt. Von einem fetzigen Kracher zum nächsten geht es dann mit "The Uprising", das thematisch sowie musikalisch seinem Vorgänger nacheifert und mit dem erneuten Sprechgesang von Alexander Morton und einer anschließenden flotten Uillean-Pipe-Passage im Mittelteil punktet.

Das ruhige und akustische Instrumentalstück "Hope" bildet darauf eine traumhafte Pause zum Durchatmen, ganz der Marke "Aidû" oder "Giamonios", kurz bevor einen der zornige "The Siege" wieder unsanft wachrüttelt mit treibenden Riffs und ungezügelten Black-Metal-Screams von Anna und Chrigel. Im Anschluss daran folgt wieder einer der absoluten Höhepunkte der gesamten Platte, nämlich "Alesia". Durchtrieben, mystisch, dramatisch, da fällt es einem schwer die Worte zu finden für so eine Glanznummer. Das Ganze beschreibt die entgültige Entscheidungsschlacht und das sinnlose Massaker in der gallischen Stadt Alesia, was als Todesstoß für das freie Gallien galt, aus der Sicht einer Zivilistin. Daher beginnt das Ganze auch wieder mit einer nach wie vor wunderbaren Gesangseinlage von Anna Murphy, unterlegt mit Harfe, Streichern und Drehleiher, die dann im Hauptteil mit E-Gitarren, Drums und Chrigels Growls unterstützt werden und zum Schluss in emotionale Chöre mündet.

Vor dem nächsten Song folgt ein kurzes gesprochenes Intermezzo names "Tullianum", benannt nach der römischen Todeszelle, in welcher der Anführer des gallischen Widerstandes Vercingetorix bis zu seiner Exekution gefangen gehalten wurde. Zuletzt folgt noch der groovige und imposante Death-Metal-Fetzer "Uxellodunon", bevor mit dem abschließenden Epilog das Album und vor allem die spannende Geschichte so beendet wird, wie sie begonnen hat. Der Sprecher erwähnt die Unsterblichkeit der gallischen Lieder, die trotz des Untergangs Galliens und der vielen Tode weiterleben werden. Und wie man sieht, sind Eluveitie selbst der lebende Beweis dafür.

Die Schweizer Truppe hat sich wieder einmal selbst übertroffen und mit "Helvetios" ein Kunstwerk erschaffen, das seinesgleichen sucht. Das Album klingt modern und bietet zugleich Verweise zu den Wurzeln von Eluveitie, beweist erneut das verblüffende Talent und die unglaubliche Authentizität der Band und setzt zudem neue Maßstäbe in Sachen Folk Metal. Ein Konzeptalbum, basierend auf historischen Fakten, so spannend, komplex sowie zugänglich zu gestalten und bei ganzen siebzehn Songs kein Anzeichen von Langeweile oder Unkreativität aufkommen zu lassen, das soll ihnen erstmal jemand nachmachen. Es gibt keine Füller oder Ausfälle und darüber hinaus überzeugt das neue Album durch absolute Vielfalt und Variation in jedem einzelnen Track. Dazu kommt die düstere und melancholische Atmosphäre, die nicht zuletzt durch die Geschichte des Keltenstamms erzeugt wird. Das einzige Manko, und das ist auch nur ein klitzekleines, ist die Produktion. Jedes Album der Band klang ja bisher ein wenig unterschiedlich vom Sound her und ich muss sagen, dass der Sound der beiden vorangegangenen Scheiben da noch mehr rausholen konnte als auf "Helvetios" und das Ganze noch glaubhafter und gleichzeitig noch epischer klingen lassen konnte. Abgesehen davon ist es aber schön zu hören, dass die in der Fangemeinde sehr beliebte Anna Murphy, die ihr Können ja schon auf den vorherigen Werken gezeigt hat, mehr ins Songwriting involviert ist und noch öfter die ihre wunderbare Stimme zum Einsatz bringt, denn die klingt seit der letzten Veröffentlichung noch klarer, noch präziser und noch schöner. Nach einer guten Stunde überwältigender und fesselnder Folk-Death-Metal-Gewalt hat einen das Konzeptalbum ganz schön mitgenommen, und doch ist man verlockt, ohne Umschweife den Repeat-Button zu drücken und die Platte von vorn zu hören. Und nicht nur einmal, das steht fest. Wer außerdem das Glück hatte, die Band beim Paganfest 2012 zu bestaunen, weiß wie stark das neue Album live rüberkommt.

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