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Eisbrecher: Antikörper

Authentisch, rockig, elektronisch und... anders
Wertung: 9/10
Genre: Rock
Spielzeit: 53:5
Release: 06.10.2006
Label: AFM Records

2002 verlässt Alexx Wesselsky Megaherz. Für die Fans ein Schock. Megaherz ohne Wesselsky sei wie Kaffe ohne Koffein, wie Wacken ohne Wiese, wie Kaschte ohne Käfer. Trotz der Klagelieder aus Anhängerreihen ließ sich nichts mehr dran rütteln. Alexx war weg, musikalische und menschliche Probleme machen die beste Band kaputt. Noel Pix hatte schon vor zwei Jahren das Handtuch geworfen und so versuchten sich die Meisten mit dem Gedanken anzufreunden, nie wieder Wesselskis prägnante Stimme zu hören. Falsch gedacht, irgendwann im Sommer 2002 gründete er mit Noel die Rock Elektro-Formation Eisbrecher. Und das, obwohl sich die Beiden eine ganz Zeit lang nicht besonders gut verstanden. Nach seinem Ausstieg attestierte ihm Alexx erst einmal “absolutes kameradschaftliches Fehlverhalten“, bis er zwei Jahre später an dem Punkt war, Megaherz mit einem Krebsgeschwür zu vergleichen, dass einen irgendwann umwirft. Nach ein einhalb Jahren Funkstille und einem Treffen auf einem Konzert, das in einen Streit ausartete, entstand die Zusammenarbeit nach einem Telefongespräch und einer Songidee Pixs, die später „Schwarze Witwe“ werden sollte.

Nach dem selbstbetitelten Debut “Eisbrecher” fällt es natürlich schwer wieder anzuknüpfen. Was erwarten die Fans? Was will die Band eigentlich selbst für Musik machen? Diese und noch mehr unbeantwortete Fragen stehen im Raum. Mit “Antikörper” und den vorhergehenden Singles “Vergissmeinnicht” und “Leider” haben Wesselsky und Pix die Fragezeichen ausradiert und eiskalte Fakten auf den Tisch gelegt. Eisbrecher sind und bleiben Musik für “Aufgeschlossene”, die mehr als metaltypische Gitarrenklänge hören wollen.

Keyboards und ein durchgängiger Takt - der erste Track von “Antikörper” wird den meisten Fans bereits bekannt sein. Es ist “Vergissmeinnicht” - bereits im August verfügbar - das zwar nicht mit ausgeklügeltem Video, dafür aber mit absoluter Clubfähigkeit überzeugte, die dem einen oder anderen durch die drei Remixe etwas überstrapaziert wurde. Eingängige Keyboards treffen hier auf Wesselsky typisch raue Stimme. Eisbrecher zu hundert Prozent - ohne das Debutalbum zu wiederholen.

Es folgt eine der Balladen des Albums. Auch wenn man sich Wesselskys raue Stimme schwer in Liebesliedern vorstellen kann, und dann noch in leidenden, die thematisch nicht in Richtung “Schwarze Witwe” gehen - “Ohne Dich” ist ein ganz großes Stück geworden. Maximator an den Keyboards ist in dem Stück wirklich gefordert, zu dem tritt Noels Gitarre nicht ganz so in den Hintergrund wie sonst und textlich gelang der Spagat zwischen Lyrik und Reim, der manchmal etwas schief geht wie “Im Zeichen der Venus bewies”. Wesselsky kommt ohne die typischen Liebesklisches aus, hat fast den perfekten Song geschrieben; einziges Manko: die wirklich störende Frauenstimme, die sich penetrant im Hintergrund des Refrains hält und immer lauter wird. Bei diesem Klang ist es kein Wunder, dass das Frauenzimmer verlassen wurde.

Es folgt der eigentliche “Anfang” - fast zwei Minuten instrumentales Klanggewirr aus Keyboards und Halleffekten, unterlegt mit einem seltsam blechern klingenden Metronom, und der Frauenstimme, die man noch öfter verfluchen soll.

Es wird rockiger und härter - “Adrenalin” wäre ein Clubhit, wenn er nicht zwischen Krachern wie “Leider” oder “Antikörper” angesiedelt wäre, die musikalisch einfach auffälliger sind. Auffällig, dass Eisbrecher kaum ein Lied “abschließen”, gestalten sich die Übergänge doch einfach durch Lautstärkenreduzierung. Verstand man Wesselsky beim Vorgängerlied schwer, ist “Leider” klar und geradlinig gehalten. Es geht hier um die Aussage, um SvV - ein Thema, das mittlerweile wirklich beliebt bei der Songproduzierung wird. Ob Samsas Traum (“Federleicht”), Subway to Sally (“Narben”) oder typische Bands wie Goethes Erben (“Rote Tränen“) - jetzt also auch Eisbrecher, die sich gar nicht hintern Metaphern verstecken sondern ganz klar sagen „Ich muss mir wieder wehtun“. Ebenfalls bereits als Single erschienen, diente der Track vorerst noch als Erinnerung auf der Tanzfläche, dass Wesselsky und Co noch leben, wird er sich hoffentlich weiter etablieren. Einzig die kreischende Stimme im Hintergrund mildert den gekonnten Mix aus treibenden Drums, harten Gitarren und vorsichtig eingesetzen Keyboard.

Der Namensgeber des Albums “Antikörper” ist eine interessante Mischung aus rauer Stimme und eingängigen Keyboards. Was die Band nun genau mit Antikörper meint, steht frei zur Interpretation. Eine schizophrene Neigung, ein Virus, möglich ist alles. Auch wenn es den Anschein hat, als habe Pix auf den Tisch gehauen und gesagt: Ich will auch mal meine Gitarre hören und dies in einem langen Solo auch tut, bleibt “Antikörper” ein eingängiger Hit aus Rock, Industrial und Eisbrecher.

Und ob nun “Phosphor”, leicht apokalyptisch angehaucht, die Widmung an die schwarze Szene mit “Kinder der Nacht” oder der Schlussstrich in Form von “Für immer” im krassen Gegensatz zur ersten Assoziation zum Titel. Eisbrecher bleiben, was sie versprechen: authentisch, rockig, elektronisch und... anders.

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