Achtung: In deinem Browser ist JavaScript entweder nicht installiert oder deaktiviert. Einige Funktionen dieser Seite stehen daher leider für dich nicht zur Verfügung.

Dream Theater: The Astonishing

Epochal, monumental, komplex, vielfältig – DTs bisher ambitioniertestes Album
Wertung: 9/10
Genre: Progressive Metal
Spielzeit: 130:18
Release: 29.01.2016
Label: Roadrunner Records (Warner)

Wenn eine inzwischen richtig große Band wie Dream Theater ankündigt, ein Doppelalbum herauszubringen, das noch dazu einer groß angelegten Konzeptstory folgt, sorgt das umgehend für Diskussionsstoff in der hart rockenden Szene. Auf der einen Seite sind die Träumer, die in seligen „Scenes From A Memory“-Zeiten schwelgen und zumindest hoffen, dass die Band noch einmal ein Überwerk dieses Kalibers herausbringt, doch natürlich gibt es auch die ewigen Nörgler, Pessimisten und Spötter, die schon im Vorfeld alles zerreißen und schlechtmachen, bevor sie auch nur einen Ton gehört haben.

Als die New Yorker dann Anfang Dezember die erste Single „The Gift Of Music“ via YouTube veröffentlichten, ging es gleich weiter: Man moserte vornehmlich am Drumsound, kritisierte jedoch auch den Song selbst, ohne zu beachten, dass er aus dem Zusammenhang gerissen und innerhalb des Gesamtkontexts vielleicht aussagekräftiger ist. Denn das steht fest: „The Astonishing“ ist ganz klar Dream Theaters bislang ambitioniertestes Album, selbst unter Berücksichtigung von eben „Scenes From A Memory“ oder „Six Degrees Of Inner Turbulence“, dem anderen Studio-Doppelalbum, das sich in der Discographie des Fünfers wiederfindet.

Nicht nur, dass es mit zirka 130 Minuten das mit Abstand längste Album der Formation geworden ist, man arbeitet noch mehr mit wiederkehrenden Motiven und hat das Ganze noch cineastischer gestaltet als das 2000er Jahrhundertwerk, u.a. erneut aufgemöbelt mit ein paar Samples. Unglaubliche 34 Tracks sprechen außerdem eine deutliche Sprache; während bei „Scenes…“ die Songs trotz der Konzeptgeschichte mehr für sich standen und teilweise die Band-typische Überlänge aufwiesen, dauert die längste Nummer auf „The Astonishing“ „nur“ knapp acht Minuten, häufig gehen die Stücke direkt ineinander über und ergeben somit ein monumentales Gesamtkunstwerk.

Der Aufwand, den die Band für dieses Album betrieben hat, ist wahrlich beeindruckend. Die von Gitarrist John Petrucci entwickelte Story, in der es um ein böses Imperium geht, das Musik verboten hat und dem sich eine Schar von Rebellen entgegenstellt, mag nicht die originellste sein, erinnert, da sie als Science Fiction im Jahre 2285 angesiedelt ist, ein bisschen an „Star Wars“, die Animationen, die die Truppe im Rahmen einer groß angelegten Marketingkampagne anfertigen ließ, sind sicherlich arg kitschig und erinnern an Computerspiele von vor zehn, fünfzehn Jahren, und ob die Lyrics nun cheesy sind oder nicht, darüber kann man streiten. Rein musikalisch indes ist das Gebotene absolut hochklassig und thront Meilen über dem Niveau des nicht wirklich überzeugenden, selbstbetitelten Vorgängers.

Ein ganzes Orchester wurde für den symphonischen Background engagiert, das glänzend in den Bandsound integriert und überlegt arrangiert wurde, ohne das Endergebnis zu verwässern, und das häufig Filmsoundtrack-Charakter transportiert. Allerdings verzichtete man dankenswerterweise darauf, für die verschiedenen Charaktere mehrere Sänger anzuheuern, stattdessen singt James LaBrie sämtliche Rollen im Alleingang, teilweise mit verstellter Stimme. Es handelt sich hier schließlich immer noch um ein Bandalbum und nicht um ein Projekt im Ayreon-Stil. Dort ist es ja auch okay so, war von Anfang an so konzipiert, hier wäre es einfach over the top gewesen.

Bestimmt wird auch der geniale Arjen Lucassen seine Freude an der Platte haben, denn die kompositorischen Fähigkeiten des Traumtheaters treten auf „The Astonishing“ so großartig wie lange nicht mehr zutage. Die „Dystopian Overture“ vermittelt bereits äußerst imposant, was den Hörer in den kommenden gut zwei Stunden erwartet. Ouvertüren zu schreiben, die die musikalischen Themen des Konzepts bündeln, war allerdings schon immer eine große Stärke der Prog-Metal-Könige. Wie genial im weiteren Verlauf der Platte die Riffs, Melodien und Motive über die Gesamtdistanz miteinander verzahnt wurden und stets wiederkehren, mit welch enorm viel Abwechslungsreichtum und Detailverliebtheit die Gruppe agiert, lässt einen sprachlos zurück.

Man nehme zum Beispiel „Three Days“, in dem in nur knapp vier Minuten mehr Einfälle untergebracht sind als andere Bands es auf einer einzigen Platte schaffen. Der Song ist eine Blaupause dafür, dass die Amerikaner – auch wenn der Doppeldecker zu jeder Sekunde einwandfrei nach DT klingt – Neues auszuprobieren gedenken; der Burlesque-Mucke-in-den-Dreißigern-meets-Blastbeats-Part (!) am Ende ist schon ziemlich cool. Der theatralischen, fast tanzbaren Nummer „Lord Nafaryus“ wohnt gar Musical-Charakter inne; auch diese brillante Komposition sprüht vor tollen Ideen und Spielfreude – unfassbar, was hier in nur dreieinhalb Minuten alles passiert.  

Bei ruhigeren Nummern wie „The Answer“ hingegen wird auf große Melodien gesetzt; traumhaft sind LaBries Gesangslinien und das Grundthema taucht immer wieder auf, u.a. im ebenfalls wundervollen „When Your Time Has Come“. Ebenfalls zum Heulen schön: das mit Violine und Akustikgitarre unterlegte „Hymn Of A Thousand Voices“. Ganz im Gegensatz dazu wird man im Prog-Gewitter von „The Path That Divides“ ordentlich durchgeschüttelt und im düsteren „The Walking Shadow“ zu amtlichem Headbanging aufgefordert. „Our New World“ wiederum offenbart eine rockige Schlagseite und bietet einen catchy Refrain, während „A Life Left Behind“ mit unwiderstehlichem Groove und erfrischend jazziger Verspieltheit beginnt, um sich schließlich zu einer Halbballade mit ebenfalls eingängigem Chorus zu verwandeln.

Ganz großes Kino jedoch wird insbesondere in „A New Beginning“ geboten, das mit Stakkato-artigen Rhythmen anfängt, um schließlich in den bekannten Dream-Theater-Prog-Wahnsinn zu münden, allerdings nicht ohne (überraschendes, aber nicht deplatziertes) Break mit Cembalo und Bläserfanfaren. Als Krönung bietet John Petrucci dann noch ein völlig überragendes Gitarrensolo, das schließlich ausgefadet wird, obwohl er gerne auch noch zehn Minuten hätte weiter zocken können.

Angesichts eines solchen Ausmaßes an kreativer Vielfalt, braucht es selbst für Dream-Theater-Verhältnisse natürlich viel Zeit und Geduld, alle Zusammenhänge zu erkennen, und da die Stücke eben thematisch und musikalisch eng miteinander verknüpft sind (so könnte man die einzelnen Tracks vielleicht mit einzelnen Szenen in einer Oper oder einem Musical vergleichen), dauert es etwas, bis man sich durch das komplexe Geflecht gearbeitet hat und sich Riffs und Melodien festsetzen. Haben sie sich aber einmal in den Hirnwindungen eingenistet, erwischt man sich schnell dabei, wie man plötzlich die eine oder andere Passage vor sich hin pfeift, und verspürt das Bedürfnis, umgehend einen neuen Durchlauf zu starten, um weitere Bausteine einordnen zu können.

Dream Theater haben mit „The Astonishing“ die Erwartungen ordentlich geschürt, und das Ergebnis kann sich hören lassen. Die Platte ist anders als alles, was sie bisher gemacht haben, und all jene, die der Combo in den letzten Jahren zu viel Routine vorgeworfen haben, können diesbezüglich definitiv keine Argumente mehr vorbringen. Schön übrigens auch, dass Jordan Rudess diesmal mehr auf warme Sounds setzt und weniger auf synthetisches Gedudel, auch das steht dem Album oder überhaupt der Band gut zu Gesicht. Der eine oder andere etwas kitschige Moment wie „Losing Faythe“ oder der Beginn von „My Last Farewell“ ist dabei, die kurzen maschinellen Sequenzen nerven eher (auch wenn sie zur Story gehören) und stören den Fluss ein wenig und mit dem zu sterilen Schlagzeugsound werde ich immer noch nicht richtig warm – aus diesen Gründen wird die absolute Höchstnote auch verfehlt. Einen klaren Neuner muss man für dieses beeindruckende Epochalwerk aber auf jeden Fall vergeben.

comments powered by Disqus

Absolut fantastischer Konzertabend, der kaum überboten werden kann