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Dream Theater: Distant Memories – Live In London

Solide Live-Veröffentlichung inklusive kompletter „Scenes“-Performance
keine Wertung
Genre: Progressive Metal
Spielzeit: CD/LP/Blu-ray jeweils ca. 150 Min.
Release: 27.11.2020
Label: InsideOut

Schon wieder ein Dream Theater-Liveprodukt? Es fühlt sich zumindest so an, als würden die US-Progkönige in dieser Hinsicht einen Veröffentlichungs-Overkill betreiben – als Fan hat man bereits „Live At The Marquee“, „Once In A Livetime“, „Live Scenes From New York“ und mindestens ein halbes Dutzend weitere Konzertmitschnitte im Regal stehen. Tatsächlich markiert „Distant Memories“ immerhin das neunte (offizielle, von den zahllosen inoffiziellen wollen wir gar nicht reden) Livealbum der Band, doch das letzte Erzeugnis dieser Art, das in Boston aufgezeichnete „Breaking The Fourth Wall“, ist auch schon wieder sechs Jahre alt.

Warum also nicht? Dream Theater-Konzerte sind allein aufgrund ihrer Länge immer ein Erlebnis, außerdem konnte das Traumtheater wie jede andere Combo Corona-bedingt dieses Jahr nur wenig touren, da will man den Fans wenigstens ein bisschen Live-Feeling auf dem heimischen Sofa bieten. Bis Ende Februar war es bekanntermaßen noch möglich durch die Weltgeschichte zu reisen – zu diesem Zeitpunkt wurde auch das vorliegende Produkt im Londoner Kultclub Hammersmith Apollo aufgenommen, also gerade noch so vor dem Lockdown.

Besonders an jener Tour war natürlich in erster Linie, dass man nicht nur das aktuelle Album „Distance Over Time“ vorstellte, sondern den Bandklassiker „Scenes From A Memory“ wegen dessen 20-jährigem Jubiläum in Gänze präsentierte. So ergibt auch der Titel des Livealbums „Distant Memories“ absolut Sinn und ist zudem gleich auf mehreren Ebenen clever – in Sachen coole und smarte Titel waren DT stets wirklich sehr einfallsreich.

Dass das Überalbum SFAM sowohl bei den Fans als auch der Band selbst einen hohen Status genießt und bei vielen Supportern als die beste Platte gilt (neben „Images And Words“ sowie „Awake“), braucht kaum noch erwähnt zu werden; dass immer wieder Songs jener Scheibe ihren Weg auf die Setlist finden, spricht allein eine deutliche Sprache. Dass man sie anlässlich ihres 20. Geburtstags erneut komplett auf die Bühne bringt, ist somit nachvollziehbar – ob eine Aufzeichnung dessen nötig war, muss jeder selbst wissen. Da wie erwähnt immer wieder Stücke des Albums gespielt werden (und somit auf diversen Live-Tonträgern auftauchen) und man 2001 im Rahmen der damaligen Tour die gesamte Platte spielte (festgehalten auf der Sternstunde „Live Scenes From New York“), darf man das überflüssig finden.

Andererseits ist es natürlich immer spannend, verschiedene Versionen aus verschiedenen Zeiten miteinander zu vergleichen (an dieser Stelle sei daher auch auf die interessante Ansage von James LaBrie zwischen „Through Her Eyes“ und „Home“ hingewiesen) und so benutzen zum Beispiel John Petrucci und Jordan Rudess zum Teil andere Sounds als damals und LaBrie phrasiert phasenweise ebenfalls deutlich anders als auf dem 2001er Livealbum. Genau dasselbe herunterzuzocken wäre ja auch langweilig und unsinnig – allerdings sei erwähnt, dass LaBrie unendlich viel Hall und sicherlich zahlreiche weitere Effekte auf seine Stimme geknallt bekommen hat; so ganz jung ist er halt nicht mehr und da musste man technisch wohl etwas nachhelfen.

Es gab in den letzten Jahren einige Konzerte, bei denen er katastrophale Leistungen ablieferte, vielleicht ist dies der Grund, warum es von der Komplettaufführung des „Images And Words“-Albums 2017 zu dessen 25-jährigem Jubiläum keine offizielle Aufzeichnung gab – zu schwankend waren James’ Performances bei den zugegebenermaßen unglaublich schwer zu singenden Songs. Auf „Distant Memories“ ist seine Darbietung solide, sofern man sich nicht am exzessiven Reverb stört. Petrucci, Myung und Rudess agieren wie gewohnt souverän, wenngleich nicht so spielfreudig wie seinerzeit in New York oder gar auf der „Live At Budokan“. Mike Mangini hat sichtlich Spaß in den Backen, man vermisst trotzdem immer noch Mike Portnoy. Ja, sein Ausstieg ist zehn Jahre her, aber er wird nie ganz verwunden werden. Wenn man allein vergleicht, wie berauscht Portnoy damals das Schlagzeugsolo am Ende von „Finally Free“ spielte, während Mangini irgendwelche unpassende Polyrhythmik abzieht…

Aber genug der Nostalgie: „Distant Memories“ ist ein solides Livealbum, Sound, Bild und Schnitt gehen in Ordnung – warum das Publikum sitzt, bleibt allerdings fraglich. In den ersten Reihen wird zwar schon einigermaßen Alarm gemacht, insgesamt könnte die Stimmung aber euphorischer sein. Gegen „Live Scenes“ kann das Ganze nicht anstinken, die Magie von damals lässt sich aber auch kaum erneut einfangen, zumal zum Beispiel auch eine Theresa Thompson fehlt. Es ist dennoch faszinierend festzustellen, wie einen dieses Jahrhundertmeisterwerk selbst beim 200. Mal Hören (kann beim Autor ohne Witz durchaus hinhauen) noch mitreißt. Die restliche Setlist ist gut ausgewählt: Das großartige Epos „A Nightmare To Remember“ war bisher noch auf keinem offiziellen DT-Liveprodukt vertreten und bildet eine schöne Überraschung und vom neuen (nicht unumstrittenen) Album wurden größtenteils die stärksten Nummern selektiert.

Man macht also sicherlich nichts falsch, „Distant Memories“ zur Dream Theater-Sammlung hinzuzufügen, ein absolutes Muss ist das Teil aber bestimmt nicht. Es stellt sich des Weiteren die Frage, warum man das Konzert auf drei CDs verteilt hat, da es bei ziemlich genau zweieinhalb Stunden Länge auch auf zwei gepasst hätte (auch zwei Blu-rays in der audiovisuellen Variante sind unnötig redundant) – das jedoch nur am Rande.

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