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Dream Theater: Distance Over Time

So ziemlich das komplette Gegenteil von „The Astonishing“
Wertung: 8/10
Genre: Progressive Metal
Spielzeit: 60:57
Release: 22.02.2019
Label: InsideOut

Mit „The Astonishing“ hatten Dream Theater das sowohl von der Presse als auch den Fans vielleicht am kontroversesten diskutierte Album in ihrer rund 30-jährigen Karriere vorgelegt. Während einige sich auch dank des Konzepts an „Scenes From A Memory“ erinnert fühlten und die Platte in den höchsten Tönen lobten, nannten Kritiker das 2016er Werk kitschig, überladen und viel zu lang. Ob die New Yorker sich diese Kritik zu Herzen nahmen oder tatsächlich selbst fühlten, sie müssten wieder „etwas mehr back to the roots“ gehen, bleibt Spekulation, in jedem Fall ist „Distance Over Time“ so ziemlich das komplette Gegenteil des 130 Minuten dauernden Doppeldeckers von vor drei Jahren.

Mit Bonustrack nur etwa eine Stunde lang, markiert die 14. Studiolangrille des Traumtheaters das kürzeste Studioalbum seit dem Zweitling „Images And Words“ von 1992. Doch gleichfalls musikalisch rudert man von der insgesamt etwas softeren und vor allem symphonisch geprägten Ausrichtung von „The Astonishing“ zurück. Gitarrist John Petrucci umriss die Scheibe im Vorfeld mit den Worten „heavy, progressiv, melodisch, frickelig und episch“ – Elemente, die allesamt auf den Charakter der Band zutreffen und somit auf eine Art Best-of schließen lassen könnten.

In der Tat grast das Quintett sämtliche Facetten seiner Laufbahn ab; dass man einen Härtegrad wie seinerzeit bei „Train Of Thought“ auffahren würde, wie einige angesichts der Aussage der Band, dass der unglaublich schnelle Kompositionsprozess (18 Tage) mit der damaligen  Platte vergleichbar sei, befürchteten, bestätigt sich nur teilweise. Der Opener „Untethered Angel“, laut Petrucci ein Mutmach-Song für junge Leute, die nicht wissen, wohin mit ihrem Leben, geht jedenfalls nach kurzem Clean-Gitarren-Intro sofort auf die Zwölf und stellt im Endeffekt eine recht typische DT-Nummer mit Headbang-kompatiblem Riff, eingängigem Refrain und Frickel-Prog-Passage in der Mitte dar – nicht weltbewegend, aber definitiv brauchbar und möglicherweise ja der neue Konzert-Eröffner.

Der kürzere und kompakte Midtempo-Groover „Room 137“, zu dem erstmals Drummer Mike Mangini Lyrics beisteuerte, wird ebenfalls von einem saftigen und treibenden Klampfenriff getragen, während beim mittig platzierten „S2N“, mit teilweise erstaunlich dominanten, kratzbürstig schnarrenden Bassläufen John Myungs versehen, absoluter Frickelalarm angesagt ist – schön, wie diese Flitzefinger-Passagen recht problemlos neben den eher leichtfüßigen Gesangseinlagen von James LaBrie stehen. Starker Track!

Überhaupt wird es in der Mitte des Longplayers besonders technisch: Auch das mit über neun Minuten längste Stück des Albums, „At Wit’s End“, wird mit einem hals- oder besser fingerbrecherischen Petrucci-Riff eingeleitet und beinhaltet auch im weiteren Verlauf filigrane Riffs und Sololäufe, die jedem Prog-Gourmet auf der Zunge zergehen werden, doch hier wechseln sich diese ebenfalls, ohne dass es erzwungen wirken würde, mit sehr melancholisch-schwelgerischen LaBrie-Gesangsparts ab, um mit einem wunderschön melodischen Solo auszufaden. Wunderschön geraten ist auch das verträumte „Barstool Warrior“, das zu Beginn an einen Song wie „New Millenium“ von „Falling Into Infinity“ angelehnt ist, um dann zu einer sicherlich pathetischen, und doch mit herrlichen Melodien gesegneten Wohlfühl-Nummer zu werden, bei der Vokalakrobat LaBrie eine seiner stärksten Leistungen abruft.

Kompositorisch zeigen Dream Theater also, dass sie es auch mit Album Numero 14 noch nicht verlernt haben, zumal auch die Ballade „Out Of Reach“ ganz klar zu den besseren ruhigen Stücken der Amis gehört, und „Fall Into The Light“ macht ebenso jede Menge Spaß, obwohl hier doch einmal mehr Metallica überdeutlich herauszuhören sind. Dass die Jungs Riesenfans von Hetfield und Co. sind, ist natürlich nichts Neues, dennoch resultierte das Worshipping nicht immer in überzeugenden Songs („Constant Motion“), da macht diese clever arrangierte Nummer deutlich mehr her. 

Etwas unscheinbarer ist da „Paralyzed“ ausgefallen, im achteinhalbminütigen (regulären) Album-Closer „Pale Blue Dot“, das man dem großen Astronom Carl Sagan (1934 – 1996) gewidmet hat, sägen die Gitarren teilweise mit zum Teil eher befremdlicher Härte, die nicht ganz zu der Thematik und den Gesangslinien passen will, und den Bonustrack „Viper King“ hätte es nicht zwingend gebraucht, alles in allem jedoch überzeugt das auch produktionstechnisch souverän in Szene gesetzte „Distance Over Time“ und sollte auch alle Lästermäuler, die „The Astonishing“ nicht mochten, verstummen lassen. Man kann davon sprechen, dass die Progger auf Nummer sicher gegangen sind, denn „The Astonishing“ war zumindest mutig und mal was anderes (egal, was man musikalisch davon hält), doch eine gelungene Platte darf man das neue Werk allemal nennen. Natürlich werden die großen Klassiker „Images And Words“, „Awake“ und „Scenes From A Memory“ auch diesmal nicht erreicht, aber wer hat das ernsthaft erwartet?

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