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Dream Theater: A View From The Top Of The World

Beste Dream-Theater-Platte seit mindestens zehn Jahren
Wertung: 9/10
Genre: Progressive Metal
Spielzeit: 70:14
Release: 22.10.2021
Label: InsideOut

„Wir lieben es einfach, unsere Instrumente zu spielen“, so Gitarrist John Petrucci im Vorfeld der Veröffentlichung des neuen Dream Theater-Studioalbums „A View From The Top Of The World“ und schiebt hinterher: „Wir nehmen nichts als selbstverständlich hin; niemand ist abgestumpft, niemand hat davon genug zusammenzukommen, um neue Musik zu kreieren.“ Und Sänger James LaBrie ergänzt: „Wir gehen jedes Album an, als wäre es unser erstes.“ Worte, die zunächst einmal nach Standard-Promogefasel klingen, die aber doch glaubwürdig erscheinen, führt man sich die inzwischen 15. Studioplatte des Traumtheaters zu Gemüt.

Klang die Prog-Institution nach Meinung vieler Fans zuletzt arg kitschig („The Astonishing“) oder unterkühlt-routiniert („Distance Over Time“), sind hörbar Spielfreude und Hingabe ins Bandcamp zurückgekehrt. Zwar bietet die Scheibe nichts tatsächlich Neues, doch war das kaum zu erwarten gewesen – dafür jedoch werden starkes Songwriting und jede Menge Hooklines und zündende Melodien kredenzt. Es scheint, als hätten John Petrucci und Jordan Rudess von den Liquid Tension Experiment-Sessions, die das mehr als gelungene Comebackalbum „LTE 3“ hervorbrachten, einiges an positiven Vibes und Inspiration mitgenommen.

Schon mit der ersten Sekunde des Openers „The Alien“ wird mittels eines längeren Instrumentalparts gleich zu Beginn ein Feuerwerk par excellence abgebrannt, ähnlich der „Systematic Chaos“-Eröffnungsnummer „In The Presence Of Enemies“. Ganz traditionell werden atemberaubende Shredding-Sequenzen mit gemäßigten Durchschnauf-Momenten und ohrwurmigen Melodien in diesem Neuneinhalb-Minuten-Prolog kombiniert, der „die Grundrichtung des Albums festlegt“, wie es Petrucci formuliert.

Treten Dream Theater bereits hier überzeugend auf, soll diese erste Single dennoch buchstäblich nur der Auftakt zu einem Reigen an durchgängig klasse Songs sein: „Invisible Monster“ groovt wie Sau und punktet zudem mit einem auch nach zwei Durchläufen schon äußerst mitsingbaren Refrain und „Sleeping Giant“ ist ein spannendes, facettenreiches Epos voller Takt- und Rhythmuswechsel, in dem das Mainriff immer wieder bravourös variiert wird und das eine der mitreißendsten Petrucci/Rudess-Solosektionen der gesamten Platte in petto hat inklusive Spielereien wie Jordans beliebtem Honky-Tonk-Piano.

Deutlich düsterer gehen die New Yorker im unruhigen, zum Teil ein wenig an „Panic Attack“ erinnernden „Answering The Call“ vor, das ebenfalls sowohl mit Frickelorgien als auch einem eingängigen Refrain ausgestattet wurde, und auch das dramatische „Awaken The Master“ kommt mit düsterer Atmosphäre und mächtigen, tiefgestimmt sägenden Gitarren daher, die teils an der Thrash-Grenze kratzen – gemäßigte Einschübe und ein erneut vorzüglicher Refrain sorgen aber wiederum für ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen technischer Finesse und melodischer Komponente.

Jedoch zeichnen sich alle sieben Tracks in der Liste durch ihren Flow aus: Auf die anspruchsvollen Solomomente wird stets hingearbeitet und nicht einfach nur die handwerklich (natürlich) galaktischen Fähigkeiten zur Schau gestellt – alles hört sich viel unverkrampfter und weniger verkopft an als zuletzt. Die Kompositionen wirken daher gleichzeitig klug und fein ausgearbeitet wie auch mit mehr Herz als Hirn verfasst. Mit dem optimistisch anmutenden, mit starker Rush-Schlagseite versehenen „Transcending Time“ steht zudem eine Nummer zu Buche, in der aufs Frickeln weitestgehend verzichtet und der Fokus komplett auf Melodien gerichtet wird – ein willkommenes Luftholen zwischen den Prog-Achterbahnfahrten.

Apropos: Nicht unerwähnt bleiben darf selbstverständlich der überlange Titeltrack, auf den die gesamte Fangemeinde wohl am neugierigsten gewesen sein dürfte, schließlich war schon vorher bekannt, dass es sich mal wieder um eine 20-Minuten-Komposition handeln würde.

Mit „A Change Of Seasons“, „Octavarium“ oder „The Count Of Tuscany“ haben die Amerikaner bekanntermaßen einige Epen solch gigantischen Ausmaßes in der umfangreichen Diskographie stehen – ob dieses neuerliche Mammutstück da mithalten kann, muss jeder selbst entscheiden, seine helle Freude daran sollte jedoch wohl jeder DT-Anhänger haben, wird hier doch alles geboten, was das Fanherz begehrt: Von einem sich steigernden Aufbau mit Filmsoundtrack-Charakter über fett rockendes Riffing gepaart mit satt wummernden Hammondorgeln, mörderischen Groove, halsbrecherische Frickelsegmente, große Melodiebögen, einen wunderhübschen „Trial Of Tears“-artigen melancholischen Part und eine balladeske Passage garniert mit Celloklängen, bis zum spektakulären Finale mit „Finally Free“-artigem Drumsolo bleiben hier wirklich keine Fragen offen. Trotz dieser zahlreichen verschiedenen Zutaten klingt auch hier nichts forciert oder reißbrettartig.

Dass „A View From The Top Of The World“ derart stark ausfallen würde, damit war nicht zu rechnen. Lange schon nicht mehr waren die unfassbaren Soloabfahrten im Verhältnis zu Songdienlichkeit, Eingängigkeit und Melodik so perfekt ausbalanciert, was sicherlich auch an der ebenfalls sehr ausgewogenen Produktion liegt, die erneut John Petrucci selbst übernommen hat. Der Mix des von meiner Wenigkeit oft kritisierten Andy Sneap ist zudem wirklich fantastisch. Des Weiteren setzt Jordan Rudess auch diesmal dankenswerterweise wieder mehr auf wärmere Sounds denn auf Synthesizer, James LaBrie überzeugt mit auf ihn zugeschnittenen Gesangslinien am Mikro wie lange nicht mehr und Mike Mangini am Schlagzeug spielt auf wie entfesselt – im Gegensatz zu früher hat er viel mehr Groove und tönt weniger maschinell. So frisch und passioniert klang die Band seit Jahren nicht mehr, ganz klar also: Beste Dream Theater-Platte seit mindestens einer Dekade – kaufen!

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