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Dream Theater: A Dramatic Turn Of Events

Der eindrucksvolle Beweis dafür, dass es auch ohne Mike Portnoy geht
Wertung: 9/10
Genre: Progressive Metal
Spielzeit: 77:04
Release: 09.09.2011
Label: Roadrunner Records

Als ich davon las beziehungsweise hörte, dass Mike Portnoy bei Dream Theater ausgestiegen ist, wagte ich es kaum, meinen Augen und Ohren zu trauen, war der Drummer doch Gründungsmitglied, wichtiger Texter, hatte für einen Schlagzeuger einen sehr gewichtigen Anteil an Songwriting und Arrangements und fungierte als Co-Produzent und Sprachrohr der Band. Manche konnten sich sogar überhaupt nicht vorstellen, dass die New Yorker Prog-Institution ohne ihn weiter funktionieren würde. Auf der anderen Seite jedoch dürfte bekannt sein, dass Mikes Ego nicht gerade das kleinste ist, um es mal freundlich auszudrücken und dass er in der Öffentlichkeit schon mal an seinem eigenen Sänger, James LaBrie, herummäkelte, was nicht gerade als die feine englische Art bezeichnet werden kann – so gesehen ist es nachvollziehbar, dass die übrigen Mitglieder behaupten, die Stimmung wäre nun viel gelöster und frei von jeglichen Querelen.

Was sich tatsächlich hinter den Kulissen abgespielt hat, soll hier aber nicht weiter diskutiert werden, da es außer den Beteiligten sowieso niemand adäquat beurteilen kann, gehen wir deswegen lieber schnell zur Musik über. Der Opener „On The Backs Of Angels“ war ja als kleiner Appetithappen bereits vorab im Internet zu hören und dieser wahrlich sensationell gute Song sorgte dafür, dass alle Skeptiker, die mit hochgezogener Augenbraue befürchteten, ohne Portnoy ginge sowieso nichts mehr, erst mal Ruhe gaben. Die Frage war nur, ob die Jungs das hohe Niveau dieses Achtminüters, der alle typischen Trademarks des Traumtheaters enthält, auch über die gesamte Distanz der passend mit „A Dramatic Turn Of Events“ betitelten Scheibe würden halten können – mit 77 Minuten wurde die volle Kapazität einer CD übrigens wieder nahezu komplett ausgeschöpft.

Dass die Band selbst nach dem Split trotzig entgegnet, sie habe das stärkste Material seit langem, wenn nicht sogar mit das bisher beste überhaupt komponiert, war zu erwarten, doch tatsächlich entpuppt sich diese Aussage nach ein paar Rotationen, die die zum Großteil wieder überlangen Nummern naturgemäß erfordern, nicht nur als heiße Luft. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass „Black Clouds And Silver Linings“ ein äußerst starkes Album war, doch „A Dramatic Turn Of Events“ kann dieses Niveau problemlos halten und – so bitter sich das für ihn auch anhören mag – man vermisst Mike Portnoy nicht wirklich, eher ist es angenehm zu hören, dass die Drums diesmal nicht so künstlich aufgeblasen im Vordergrund stehen wie zuletzt. Überflüssig zu erwähnen, dass Portnoys Namensvetter und Nachfolger Mike Mangini einen brillanten Job hinlegt und trotz eines logischerweise überragenden technischen Niveaus und spektakulären, Portnoy stilistisch ähnlichen Spiels angenehm unaufdringlich agiert.

Apropos technisch: Gefrickelt wird logischerweise auch wieder kräftig; im atemberaubenden Mittelteil von „Outcry“ fühlt man sich gar an selige „Scenes From A Memory“-Zeiten erinnert, treffen hier doch der Musikwahnsinn von „The Dance Of Eternity“ und die Spielfreude von „Beyond This Life“ aufeinander, und so mancher orientalischer Schlenker lässt an „Home“ denken – man ist den eigenen Klassikern so nahe wie lange nicht mehr. Letztgenannte Tatsache ist auch anhand der Melodieführung erkennbar, vor allem die Refrains der großartigen Epen „Lost Not Forgotten“, „Bridges In The Sky“ (überrascht mit tibetischem Throat-Singing und einem Herr-der-Ringe-Soundtrack-mäßigen Chor zu Beginn) und „Breaking All Illusions“ (zum ersten Mal seit „Scenes…“ tritt John Myung wieder als Texter auf den Plan) sind unheimlich stark und mitreißend und sollten von jedem Fan nach ein paar Durchläufen ekstatisch mitgeschmettert werden. Es darf spekuliert werden, ob nicht insbesondere James LaBrie erleichtert ist über Portnoys Ausstieg und sich gerade deswegen so besonders tolle Gesangslinien aus dem Ärmel geschüttelt hat – aber halt, darüber wollten wir ja nicht mehr debattieren…

Die kürzeren Stücke treffen zwar nicht immer hundertprozentig ins Schwarze – der zweite Track „Build Me Up, Break Me Down“ ist trotz interessanter Samples am Anfang und sehr coolen Schreien von LaBrie etwas standardmäßig geraten (hier wiederum ist der Chorus ziemlich blass) und „Far From Heaven“ ist zwar ganz hübsch, aber sicherlich auch ein bisschen kitschig –, doch mit dem wunderschönen „Beneath The Surface“ hat man einen sehr entspannten Abschluss für ein Album gefunden, das Dream Theater in der Form viele sicher nicht mehr zugetraut hätten – Respekt, die Herren!

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