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Dir En Grey: Uroboros - With The Proof In The Name Of Living

Uroboros perfekt live umgesetzt
Wertung: 9/10
Genre: Progressive Metal/Metalcore
Spielzeit: DVD 118:00, CD 68:33
Release: 28.05.2010
Label: Okami Records

Wie kaum eine andere Band vermögen es Dir En Grey, mit ihrem Auftreten und ihrer Musik zu polarisieren – seit den frühen Anfängen der Japaner stand stets im Vordergrund, extreme Ausdrucksweisen auszuloten. Bei den jüngeren Veröffentlichungen der Truppe wurde der Fokus dabei immer mehr von den abgedrehten Kostümen auf die Musik gerichtet, was sich zuletzt insbesondere in den Deathcore- und Death Metal-Einflüssen auf der aktuellen Single mit dem einprägsamen Namen „Hageshisa To, Kono Mune No Naka De Karamitsuita Shakunetsu No Yami“ bemerkbar machte. Mit ihrem letzten Album „Uroboros“ setzten sich Dir En Grey ein vertracktes und atmosphärisches Denkmal, in dem auf einzigartige Weise der ureigene Sound der Band mit westlichen Einflüssen verbunden wurde, wodurch etwas völlig Neues entstand – mit der neuen Live-DVD „Uroboros - With The Proof In The Name Of Living“ wollen die Exzentriker das Konzept nun auch auf der Bühne präsentieren.

Mit dem Nippon Budokan, der größten Kampfsporthalle Japans, in der auch schon internationale Größen wie Ozzy Osbourne und Dream Theater auftraten, hat man dank der atemberaubenden Kulisse schon einmal die besten Voraussetzungen für eine ansprechende optische Umsetzung des Konzeptes – auch hier sparte die Band weder Mühen noch Kosten und fährt eine gewaltige Light-Show samt verstörenden Videoeinspielungen und Animationen auf, die die bis zum Bersten gefüllte Halle in eine finstere Atmosphäre tauchen. An den Instrumenten wird eine gewohnt beeindruckende Leistung geboten, dank der nahezu perfekten instrumentalen Darbietung bleibt den Musikern entsprechend noch reichlich Zeit für eine Menge Posing. Wer aber Dir En Greys Live-Auftritte kennt, weiß, dass an andere Stelle selten eine ähnlich saubere Performance durchgezogen wird – Frontmann Kyo, der zweifellos das Aushängeschild der Band ist, präsentiert einmal mehr eine Gesangsleistung, die mit keinem anderen Sänger vergleichbar ist. Zwar spuckt der Mann hinter dem Mikrofon dieses Mal weder Blut, noch kratzt er sich die Brust auf, gesanglich bewegt er sich aber nach wie vor meilenweit abseits von dem, was sich als stimmschonend bezeichnen lässt.

Ohne Rücksicht auf Verluste wird unkontrolliert ins Mikrofon gekreischt, gebrüllt und geröchelt und auch beim Klargesang lässt Kyo seinen Emotionen freien Lauf – ohne Frage besitzt der unscheinbare Japaner einen gewaltigen Tonumfang, nichtsdestotrotz überschätzt er sich wieder einmal häufig und wagt sich in Höhen, die auf der Platte vielleicht funktionieren mögen, live aber häufig gnadenlos in die Hose gehen. Interessanterweise haben sich zu dem stimmbandzerreißenden Gebrüll auch durchdringende Growls gesellt, die man dem Frontmann so nicht zugetraut hätte und die selbst die größten Death Metal-Helden staunen lassen würden. Trotz der chaotischen Stimmleistung ist es aber letztendlich das unglaubliche Charisma Kyos, das Dir En Grey zu einem solch beeindruckenden Live-Erlebnis macht. Die Gestik und Bühnenpräsenz des Sängers ziehen den Zuschauer unaufhaltsam in ihren Bann und machen ihn zusammen mit der ungestüm emotionalen Vortragsweise zu einem einzigartigen Live-Performer, dessen stimmlicher Wahnsinn in den gelegentlich eingestreuten „Inward Scream“ genannten Passagen gipfelt, in denen eine verstörende Geräuschpalette aufgefahren wird, in der alles von beunruhigendem Grummeln bis hin zu spitzen Schreien vertreten ist.

Überraschend ruhig wird die DVD mit „Ware, Yami Tote...“ eingeleitet: Hinter einer halb-transparenten Wand sieht man die riesenhaften Silhouetten der Musiker, dazu erklingen sanfte Akustik-Gitarren-Klänge und der Gesang Kyos. Nachdem sich der Song nach und nach in Form von extrem hohen Gesangslinien und harten Gitarren entlädt, steht eine kleine Überraschung für langjährige Fans der Band an – das bedrückende, mit russischem Text ausgestattete Stück „Deity“ vom frühen Album „Macabre“ baut geschickt mit verstörenden Videoschnipseln eine dichte Atmosphäre auf, die mit dem legendären „Vulgar“-Hit „Obscure“ aufrechterhalten wird: Dissonant anmutende Riffs und wütendes Growling in den Strophen gehen in den epischen Refrain über, der vom Publikum stimmgewaltig unterstützt wird. Ansonsten liegt der Fokus der Setlist ganz klar auf „Uroboros“, denn jedes Stück des Albums wird gespielt – in der Praxis heißt das, dass vorrangig heftige, nur schwer zugängliche Tracks wie „Red Soil“ und „Bugaboo“ geboten werden, die aber überraschenderweise von den Anwesenden frenetisch abgefeiert werden, insbesondere bei „Reiketsu Nariseba“ rastet die Halle komplett aus und verliert sich in wildem Headbanging.

Natürlich werden auch die ruhigeren Momente des aktuellen Werkes berücksichtigt, so dass mit „Glass Skin“ und „Inconvenient Ideal“ für einige etwas besinnlichere Phasen gesorgt wird. Auf älteres Material wird eher selten zurückgegriffen, ein paar Perlen aus vergangenen Zeiten finden sich dennoch im Reportoire: „Shokubeni“ von „Vulgar“ wird beispielsweise mit einer A-Capella-Passage ohne Mikrofon aufgepeppt, die zwar anfangs zu beeindrucken weiß, aber gegen Ende durch Kyos erneute Selbstüberschätzung danebengeht. Höhepunkte unter den Klassiker sind der psychedelische Kracher „Hydra 666“, bei dem Kyo eine unheimliche Maske trägt, das sphärische „Dead Tree“ und die Band-Hymne „The Final“, in der vor allem gesanglich einige Gänsehautmomente geboten werden und die anwesenden Fans den Refrain locker alleine mitsingen können. Gegen Ende fährt die Band noch einmal ein Feuerwerk an Härte auf – die Deathcore- geschwängerten Tracks „Hageshisa To, Kono Mune No Naka De Karamitsuita Shakunetsu No Yami“ und „Zan“, ein Klassiker, der auf der aktuellen Single in ein brutaleres Gewand gehüllt wurde, bringen die Menge endgültig zum Ausrasten, bevor mit „Vinushka“ ein komplexes, gut achtminütiges Meisterwerk präsentiert wird, das in all seinen emotionalen Facetten tatsächlich auch live gut funktioniert.

Dir En Grey haben mit ihrer neuen DVD das Konzept des letzten Longplayers „Uroboros“ ansprechend auf die Bühne gebracht und fangen die finstere Atmosphäre von diesem perfekt ein. Die leidenschaftliche musikalische Darbietung verschmilzt mit der stimmungsvollen Bühnenshow zu einem mitreißenden Ganzen. Zwar hat diese Darbietung nur noch wenig mit den Dir En Grey zu tun, die damals „Schwein No Isu“ und Co. in aufwendigen Kostümen performten, jedoch gelingt es dem Quintett ohne Frage neue Extreme zu erschließen, ohne die eigene musikalische Identität komplett hinter sich zu lassen. Anhänger des letzten Albums greifen hier zu, alle anderen Rock- und Metal-Fans, die sich an dem eher auf Emotion als auf Technik bedachtem Gesang Kyos nicht stören, sollten hier auch einmal hereinschauen, denn nach wie vor sind Dir En Grey einer der interessantesten Exporte aus Japan und einzigartige Live-Performer.

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