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Die Vorboten: Anfang & Ende

So machen auch EPs Spaß
Wertung: 9/10
Genre: Kraut-Metal
Spielzeit: 16:17
Release: 10.07.2010
Label: Sonic Attack

Kennt noch jemand Krautrock? Vor allem in Westdeutschland war das Anfang der Siebziger Jahre eine ganz große Nummer – es wurde experimentiert, kreiert, improvisiert was das Zeug hielt und so eine bisher nicht gekannte musikalische Freiheit ausgelebt. Heutzutage wird’s da mit Myriaden von Genrebezeichnungen eher schwierig, aber das Tolle ist: Wenn man sich zu kreativ für derartige Schubladen fühlt, erfindet man einfach einen neuen Stil. So wie Die Vorboten, die sich dem Kraut-Metal verschrieben haben. Was einem da um die Ohren gehauen wird, kann man sich in etwa vorstellen: brettharte Riffs und Doublebass, kombiniert mit Synthies und psychedelisch anmutenden Gitarrenspuren. Skurriles i-Tüpfelchen auf dem Stilmix ist die mittelalterlich angehauchte und in den ruhigeren Passagen nach Saltatio Mortis klingende Stimme von Sänger Karsten.

Wem das Ganze jetzt etwas zusammengestückelt vorkommen mag, der kann sich auf der ersten EP „Anfang & Ende“ vom Gegenteil überzeugen. Von Weltuntergangsstimmung über Liebeserklärungen an die Heimat bis hin zu einer kleinen Prise Kitsch ist auf den vier Songs alles vertreten. Gönnt man dem Scheibchen eine Handvoll Durchläufe, kann man auch die essentiellen Textzeilen mitsingen – und das alles, ohne dass Die Vorboten hier so etwas wie Ohrwürmer produziert hätten. Vielmehr herrscht auf der EP eine gewisse Art Eingängigkeit, ein Wiedererkennungswert; ein bisschen ist es, als würde man beim Anhören einen alten Freund wieder treffen.

Doch genug der vielen Worte, wenden wir uns lieber den Songs an sich zu: Gestartet wird mit „Untergang“, das das leider voraussichtliche Zukunftszenario beschreibt, in dem die Erde nach der Ausrottung der Menschheit zu neuem Leben erwacht. Untermalt wird das Ganze von Doublebass, warmen Gitarren und aggressivem Strophengesang – besonders cool kommt die Kombination der schnellen Drums mit dem klaren Gesang im Refrain rüber; da ist Headbangen auf jeden Fall vorprogrammiert.

Fast Death Metal-mäßig läuft „Heimat“ an, auch die stimmliche Tonlage ist nicht neu, aber man kann das Stück auf den ersten Blick mit nichts bereits Gehörtem vergleichen. Zwischen die schnellen Riffs gesellen sich Klavier-artige Keyboardklänge und wieder der klare Gesang, mit erdigen Gitarren versehen. War bisher von Krautrock abgesehen von gelegentlischen Gitarren- oder Keyboardspuren wenig zu hören, kann man sich bei „Verrat“ ein genaueres Bild der Kraut-Metal-Mischung machen: Der Song erzählt von einem nicht näher bezeichneten trinkfesten Seeräuber, der seinen Jungs noch im Tode so treu ergeben war, dass er einige von ihnen durch die alleinige Tatsache vom richterlich angeordneten Tode zu befreien versuchte, indem er ohne Kopf an ihnen vorbeitorkelte. Dass es sich hier um Klaus Störtebeker handelt, dürfte keine Überraschung sein, die eingesetzte Musik allerdings schon – hatte man hier ein eher mittelalterlich klingendes Stück erwartet, darf man sich hier sogar an einigen Schreien und einer an Black Metal erinnerenden Instrumentierung erfreuen. Das besagte Keyboard kommt auch im Intro nicht zu kurz und ein wenig spürt man den Flair des ursprünglichen Krautrock.

Das Beste kommt ja bekanntlich zum Schluss und daran halten sich auch Die Vorboten: „Aufbruch“ steigt mit einem absolut großartigen Mainriff, genialen, sehr dezenten Keyboards und einer perfekten Dynamik ein, bei der man nur das Haupthaar schütteln und tanzen will. Zwar klingt Karsten hier mehr denn je nach Saltatio Mortis, von selbigen habe ich aber schon länger keinen so wunderbaren Song mehr gehört, obwohl der Refrain sich rein textlich ein wenig kitschig gestaltet. Der Rest des Stücks macht das glücklicherweise mehr als wett und „Aufbruch“ kann guten Gewissens als Rausschmeißer bezeichnet werden.

Auch wenn sich viele unter dem Begriff Kraut-Metal sicherlich etwas anderes vorgestellt haben, bietet „Anfang & Ende“ eine großartige Lektion in Sachen guter Musik. Von Anfang bis Ende kann man bei dieser EP wahlweise headbangen oder tanzen, meist auch beides gleichzeitig, nirgendwo ist ein Gitarrensolo zuviel, nirgendwo ein unnützes Stück Musik hineingezwängt. Man kann sich sicherlich auf ein komplettes Album freuen und darf gespannt sein, welche Klangexperimente den Hörer auf der vollen Distanz erwarten.

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