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Die Toten kehren wieder mit dem Wind: Ich träume von Finsternis

Geduld zahlt sich aus
Wertung: 7.5/10
Genre: Black Metal
Spielzeit: 56:59
Release: 30.09.2010
Label: Karge Welten Kunstverlag

Obwohl Ein-Mann-Projekte im Black Metal dem allgemeinen Tenor zufolge eher mit Vorsicht zu genießen sind, stehen viele der betroffenen Musiker voll hinter ihrem Badezimmersound und zelebrieren die eigenwillige Ästhetik dieser Bewegung leidenschaftlich. Mit einem Bandnamen wie Die Toten Kehren Wieder Mit Dem Wind, nicht minder pathetischen Songtiteln und minimalistischen Recording-Methoden fällt Bradhendr mit seinem im deutschen Underground nicht gänzlich unbekannten Projekt ziemlich genau in dieses Raster – doch Musik ist letztendlich mehr als nur sauber gespielte Noten und teure Produktionen, und so steckt auch hinter „Ich träume von Finsternis“ mehr, als man ob dieser Vorurteile glauben mag.

Speziell nach dem ersten Hördurchgang bleibt man erst einmal erschlagen und verloren zurück, denn die sperrigen, oft überlangen Songs zwischen Proberaum und beinahe schmerzhaftem Gitarrensound tun ihr Bestes, um so abweisend wie nur möglich zu erklingen. Wer dies jedoch als ein Zeichen für Unvermögen deutet, täuscht sich gewaltig, denn hinter all dem verbirgt sich ein ungewöhnliches und verstörendes Klangkonstrukt, das sich mit viel Geduld als ein Werk mit Tiefe und der wertvollen Eigenschaft, in diesem Genre vollkommen eigenständig zu klingen, offenbart. Bereits sobald man einen genaueren Blick auf die in gekreischter Form nur schwer verständlichen Texte wirft, ist die Überraschung groß, wenn diese selbstsicher und ungekünstelt den Rest der Szene problemlos wie Amateure dastehen lassen – bei den farbenprächtigen Metaphern und eleganten Formulierungen lässt sich leicht vergessen, welch finstere Thematik eigentlich hinter den Songs steckt, denn Verfall und Tod sind bei „Ich träume von Finsternis“ allgegenwärtig.

Entsprechend ungemütlich wird der Hörer mit „Intro: Schopka Pesen“ auch empfangen, wenn ein weiblicher Chor in grausamer Verzerrung den nahenden Schrecken einläutet, der in Form von „Morar: Ich träume von Finsternis“ eintrifft und einen scheppernden Blastbeat losbrechen lässt, der von aufstrebenden Riffs und fernen Schreien überlagert wird. Wie überhaupt auf dem Album hinterlassen die Gitarren hierbei einen zwiespältigen Eindruck – während einige Tonfolgen ohne Umschweife ihr emotionales Potential ausspielen, rauschen andere Riffs ziellos am Hörer vorbei und ziehen die Musik teilweise unnötig in die Länge. Wesentlich fokussierter hingegen wird beim Einsatz der Lead-Melodien vorgegangen, die zwar durch den äußerst gewöhnungsbedürftigen Sound und die manchmal betont schiefe Spielweise wie in „Herbst I“ nicht von Anfang an für Begeisterungsstürme sorgen, aber als Stilmittel fast immer funktionieren.

Wirklich interessant machen Die Toten kehren wieder mit dem Wind aber erst die facettenreichen Strukturen der Stücke und die darin enthaltenen Experimente, die das Album mit viel Tiefe ausstatten, in die man erst hineinzublicken vermag, wenn man sich lange mit der Musik beschäftigt. Unauffällige Kniffe wie die Spoken-Words-Passage in „Herbst I“ oder die dezenten Keys in „Ritual: Mittsommerende“ sind dabei oftmals ebenso wirkungsvoll wie die umfassenderen Ausflüge in wundersame Regionen, die beispielsweise in „Illum Opportet Crescere, Me Autem Minui“ und „Herbst III: Novemberkathedralen“ unternommen werden. Letzterer Song liebäugelt zeitweise mit Drone-Elementen, die sich klassisch zu einer mächtigen Wand aufschichten, wobei Männerchöre und durchdringendes Gegurgel für zusätzlichen finsteren Pathos sorgen. Im erstgenannten Fall hingegen gibt man sich noch eine ganze Spur obskurer und verzichtet unter einem bedrückenden Schleier aus Dark-Ambient-Elektronik und Trommeln größtenteils auf Gitarren, wobei das hysterische Geschrei hier stellenweise schon eine unfreiwillige Komik besitzt.

Eine Empfehlung lässt sich somit letztendlich nur für Liebhaber von unterproduziertem Black Metal aussprechen – wer nämlich mit diesem Sound vertraut ist und ihn schätzt, findet mit „Ich träume von Finsternis“ ein intelligentes und vertracktes Werk, das auf seine ureigene Weise eine kontroverse Einzigartigkeit besitzt. Gerade wenn experimentelle Gefilde betreten werden, punktet Bradhendr mit gleichsam unwirtlichen wie faszinierenden Klangwelten und den hervorragenden Texten. Ausdauer zahlt sich hier also aus und lässt den eigenwilligen Stil des Projekts alsbald einen ebenso eigenwilligen Charme entwickeln, so dass „Ich träume von Finsternis“ vor allem auf lange Sicht einiges zu bieten hat.

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