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Die! Die! Die!: Form

Zwischen Ohrwurm und Anspruch
Wertung: 8.5/10
Genre: Post-Punk, Noise Rock
Spielzeit: 37:13
Release: 01.04.2011
Label: Golden Antenna Records

Post-Punk ist sicherlich nicht mehr eine der lebendigsten Bewegungen der letzten Zeit und spielt sich vornehmlich im Underground ab, doch heißt das noch lange nicht, dass aus diesem Bereich keine starken Veröffentlichungen mehr erscheinen – ganz im Gegenteil, wie die Neuseeländer mit dem schönen Bandnamen Die! Die! Die! beweisen, indem sie dem Sound mit ihrem nunmehr dritten Album „Form“ wieder Leben einhauchen und dabei das Beste aus all ihren Einflüssen zu ihrer ganz eigenen musikalischen Vision vereinen.

Die ungestüme Energie und simple Eingängigkeit des Punks, die verträumte Leichtigkeit des Shoegaze, die Unangepasstheit des Noise Rock und die flirrenden Gitarrenharmonien des Post-Rocks; all diese Eigenheiten finden bei Die! Die! Die! zusammen und bilden eine neue Form, die ihr Erscheinungsbild stets verschwimmen lässt und neue Metamorphosen offenbart. Fast unaufhörlich zuckt das Schlagzeug im schnellen Rhythmus und wird von auffälligen Basslines unterstützt, die ihr Gesicht ständig verändern und der Musik einen leichtfüßigen Groove verleihen. Die Melodien werden dabei hauptsächlich von den verzerrten Gitarren bestimmt, die gerne auch mal etwas dissonanter angeschlagen werden und auf dem Album in einer Vielzahl von Facetten auftreten, die der Form erst ihre Identität verleihen. Über allem hallt die hohe, scheinbar alterslose Stimme von Andrew Wilson, die zwischen mal sanfter, mal forscher Melodik und hohen Rufen schwankt und so das Gesamtbild um ein weiteres wichtiges Element bereichert, das dem Album einen gewissen Indie-Charme verleiht.

Beeindruckend ist hierbei, wie nahtlos beschwingte Leichtigkeit mit unterschwelliger Melancholie verwoben wird; das Gefühl, das Die! Die! Die! vermitteln, lässt sich nur schwer in Worte fassen und lädt gleichzeitig zum Mitgehen und Verweilen ein. Vorrangig reißen die Neuseeländer jedoch mit und warten mit unzähligen Hooklines und Ohrwurm-Refrains auf – seien es nun der flotte Opener „Caseman“, der von wabernden Gitarren begleitete Track „Lil Ships“ oder mit „Wasted Lands“ das Musterbeispiel für einen Song, den man nicht mehr aus dem Kopf bekommt, die Band kommt ohne Umschweife auf den Punkt und bringt trotzdem, oder gerade deswegen Emotionen authentisch herüber. Ein interessanter Kniff im Songwriting ist dabei, dass die Truppe viel von ihrer Eingängigkeit durch zahlreiche Wiederholungen von Melodien und Motiven gewinnt, dies aber geschickt mit minimalen, sich stets ausbauenden Wechseln überspielt und zu einer fließenden Dynamik verkehrt.

Trotz dieser teilweise überraschend simplen Strukturen kommt die experimentelle Komponente bei Die! Die! Die! nicht zu kurz und schlägt sich vor allem in der filigranen Gitarrenarbeit nieder. In „How Ye“ steuert die Klampfe sogar fast im Alleingang die Melodieführung und berührt mit perlenden Leads, während der Sechssaiter in „Daze“ betont verwaschen und sphärisch daherkommt und so an alte Shoegaze-Helden wie My Bloody Valentine oder Slowdive erinnert, wobei der sehr melodiöse Gesang diesen Eindruck noch verstärkt. Oft sind es jedoch geradezu banal erscheinende Elemente in den Songs, die besonders überzeugen: „HT“ beispielsweise lebt in erster Linie von den plötzlichen Wechseln zwischen schwermütigen, zurückhaltenden Strophen und dem energetischen, in spitzen Schreien vorgetragenen Chorus.

Kritik lässt sich dabei höchstens an der fehlenden Variation im Tempo üben, denn nahezu alle Songs pendeln sich in etwa in der gleichen rasanten Geschwindigkeit ein – dabei beweist „Shine Through“ mit zerbrechlichem Gesang und flirrenden Gitarren doch, dass die Neuseeländer auch bei den ruhigeren Tönen eine gute Figur machen.

Versucht man nun schlussendlich, die „Form“ der Musik zu bestimmen, kommt man zu dem Schluss, dass sich ihre Umrisse einfach nicht erkennen lassen. Das Album ist gleichzeitig rund und hat Ecken und Kanten, ist mal schwebend und transparent und zu anderen Zeiten farbig und greifbar. „Form“ langweilt zu keiner Zeit und hält durchgehend die Balance zwischen poppiger Eingängigkeit und emotionaler Tiefe und klingt dabei völlig eigenständig – und damit sind Die! Die! Die! mit ihrem neuen Werk definitiv ganz oben auf der Liste der besten Veröffentlichungen aus dem Post-Punk in diesem Jahr.

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