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Diagonal: Diagonal

Psychedelische Achterbahnfahrt, für die man in der Stimmung sein muss
Wertung: 9/10
Genre: Progressive Psychedelic Jazz Rock
Spielzeit: 46:34
Release: 31.10.2008
Label: Rise Above Records

Ich kenne es ja selber manchmal, dass ich denke, in der falschen Zeit geboren zu sein.

Heutzutage hat man zwar eine größere Auswahl an verschiedenen Musikstilen, die Szene ist insgesamt betrachtet um einiges vielseitiger geworden, aber auf der anderen Seite werden jeden Monat alleine schon in der Metalszene so viele Alben veröffentlicht, dass man sich vor der Flut von Neuerscheinungen kaum noch retten kann.

Dass Qualität dabei häufig auf der Strecke bleibt, versteht sich von selbst, allein wenn man sieht, wie sich die Labels gierig auf jeden neuen Auswuchs irgendeiner Unterkategorie stürzen, die gerade hip ist, um möglichst viel Profit daraus zu schlagen.

Aus diesem Grund – so viele großartige Bands es heutzutage trotz allem natürlich immer noch gibt – lobe ich mir die guten alten Sechziger und Siebziger Jahre, als Innovation noch groß geschrieben wurde; als es darum ging, musikalische Grenzen zu sprengen, anstatt möglichst schnell berühmt zu werden und zu viel Geld zu kommen; wo man noch spüren konnte, dass etwas Neues, Revolutionäres in der vor euphorischer Aufbruchstimmung knisternden Luft lag.

Die uns hier vorliegende Brightoner Band Diagonal klingt mit ihrer Mélange aus teilweise an Jefferson Airplane erinnernde Sechziger-mäßigen Psychedelic-Passagen, schrägen, komplexen Jazz-Rock-Sounds à la Frank Zappa und disharmonischem Experimental-Prog der Marke King Crimson wie eine Band von damals, Anfang der Siebziger. Kein Mensch, der es nicht besser wüsste, würde ernsthaft in Erwägung ziehen, dass dieses Album aus dem Jahre 2008 stammt, wozu auch Sound und Art des Gesangs beitragen.

Das Septett schüttelt sich jede Menge Überraschungen aus dem Ärmel; schon das erste Stück „Semi-Permiable Membran“ ist eine musikalische Achterbahnfahrt. Man beginnt mit einem hypnotischen, von atmosphärischen Orgelsounds unterlegten Gitarrenriff, das in eine groovige Passage übergeht, die wiederum in eine psychedelische Sequenz mündet, die etwas an frühe King Crimson erinnert, inklusive sehr schräg klingender Saxophon-Sololicks und spaciger Keyboard-Sounds. Es folgen einige komplexe Tempo- und Rhythmuswechsel, die allerdings äußerst nachvollziehbar gesetzt sind und spielfreudig herüberkommen. Natürlich muss man sich an die bewusst schrägen Töne von Keyboard und Blasinstrumenten in den Solostellen gewöhnen, aber hat man sich da erst mal etwas reingefunden, macht dieses spannende, verrückte Stück wirklich sehr viel Spaß. Sehr cool ist dann auch das Percussion-Solo am Ende, wo man sehr effektiv mit Ping-Pong-Sound arbeitet.

Dieses wiederum leitet in das zweite Stück „Child Of The Thundercloud“ über, welches ganz ruhig mit sanften Pianoklängen und schmeichelnder Klarinette beginnt; nach dem LSD-geschwängerten Trip des elfminütigen Openers kann man sich also zunächst kurz ausruhen.

Eine Steigerung folgt, wenn das Schlagzeug einsetzt, dann ein Break mit ruhigen Gitarren, ein bedrohlich anschwellendes Dröhnen und schließlich ein grooviges Finale mit verzerrten Vocals. Auch nicht gerade leichte Kost, aber wiederum geil, wenn man sich eingehört hat.

„Deathwatch“ beginnt erneut ruhig und atmosphärisch mit E-Piano und Saxophon, in langsamem und getragenen Tempo vorgetragen; dann ertönen zugedrogt anmutende Vocals und anschließend eine lange, spannende Instrumentalpassage mit abruptem Ende.

Alles andere als ruhig, dann das Instrumental „Cannon Misfire“: Hier handelt es sich wieder um ein verrücktes, komplexes Stück in bester Siebziger-Experimental-Prog-Manier. Breaks en masse, schräge Saxophon-Klänge und psychedelische Gitarren- und Keyboardteppiche.

Mit dem fast viertelstündigem „Pact“ wird dann diese verrückte Scheibe beschlossen, und die Band zieht noch einmal alle Register: Komplexe, rhythmische Parts wechseln sich ab mit pathetischen Gesangslinien, einer ausufernden, sphärischen Keyboardsequenz, die zum Träumen anregt, bis das Ganze dann mit einem majestätischen, sich steigernden Instrumentalteil beendet wird.

Fazit: Es mag so manchen geben, für den die Musik von Diagonal einfach nur mit einem dicken Fragezeichen gleichzusetzen ist und manch einem mag die Besprechung eines eher im Jazz-Rock-/Psychedelic-Bereich angesiedeltem Album auf einer Seite, auf der vorrangig Metal das Sagen hat, deplatziert vorkommen, aber hierzu sei gesagt, dass das Label Rise Above, wo Diagonal gesignt sind, immerhin von Cathedral-Kopf Lee Dorian betrieben wird.

Und der hat mit der Verpflichtung von Diagonal bewiesen, dass er den richtigen Riecher hat. Außerdem ist es schließlich die Mucke, die zählt und keine Schubladen. Es mag also sein, dass diese Musik nicht unbedingt in die jetzige Zeit passt, aber ich zumindest betrachte eine Band, die lieber das spielt, worauf sie Lust hat, anstatt sich dem Zeitgeist anzupassen, als zeitlos. Also einfach die Scheuklappen ablegen und sich auf diesen dreiviertelstündigen Trip einlassen.

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