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De/Vision: Noob

Hut ab, Musik an!
Wertung: 9/10
Genre: Wave
Spielzeit: 50:0
Release: 24.08.2007
Label: Drakkar Records

Und dann war da noch das Problem, der richtigen Klassiker: Wie leitet man Reviews zu den ganz Großen der Szene ein? Noch einmal die ganze Bandbiografie durchkauen? Subjektiv wiedergeben? Wenigstens der Name De/Vision bedarf doch hoffentlich keiner Erklärung mehr. De/Vision, das sind Steffen Keith und Thomas Adam, das sind fast zwanzig Jahre Musikgeschichte und unzählige Cds, Alben und Singles, die den unverkennbaren Stempel des ehemaligen Trios tragen. Der Name De/Vision steht für Gitarrenexperimente im puristischen Electro, für Pop-Hymnen wie “New Drug” oder “Miss you more”, für Neuerfindung ohne den Sinn für die Essenz ihrer Lieder verloren zu haben.

Nachdem vor einem Jahr die “Best of...” erschien, hatten die Fans eigentlich nur ein neues Lied gehört. Mit “Love will find a way” startete die Kompositionsarbeit mit dem Produzenten-Team Schumann & Bach, die sich auf “Noob” weiterentwickeln soll. Womit wir auch beim eher ungewöhnlichen Namen der CD angekommen wären. “Noob” ist aus dem Computerspieljargon entliehen. Als Abkürzung für “Newbie“, ein Begriff, mit dem man Anfänger oder Spieler, die Anfängerfehler begehen, bezeichnet. De/Vision, jeher sehr kreativ, was die Namensfindung oder den generellen Wortgebrauch angeht, gebrauchten ihn dann auf Basis dieser Teamarbeit um.

Und die ist, wie nicht anders zu erwarten, gelungen. Keith und Adam kreieren einen verträumt, flirrenden Sound mit tanzbaren Rhythmen, die zusammen mit Steffens Gesang wieder diese leichten, irgendwie aber auch nachdenklichen und abgehobenen Lieder ergeben, die De/Vision so faszinierend machen. “What you deserve” schlägt in diese Richtung, vor allem das perlende Xylophon unterstützt diesen Effekt, der sich hart gegen die schrebbelnden Synthies im Refrain abhebt. Und trotz dieser facettenreichen musikalischen Umsetzung gelingt das Meisterwerk, den Gesang nicht zu übertönen oder zurückzudrängen. “Deep Blue” setzt diese Richtung fort mit seinem langen Intro, das den Focus eher auf das Gesamtbild aus Stimme und Musik legt und beiden Elementen fast gleichen Stellenwert einräumt. Der Track erschafft seine ganz eigenen Szenerie, ein Effekt, der durch den wirklich kurzen Text noch weiter unterstützt wird.

Mit “Obsolete”, “Life is Suffering” oder “Death of Me” sind hingegen wieder ganz große Hymnen geschrieben worden, die ins Ohr und tiefer gehen. Man fragt sich unwillkürlich, warum oder was an diesen kurzen Sätzen und Reimen so faszinierend ist (“you have to confess that your life is a mess from what I’ve told you, from what I have said”), vielleicht entsteht diese magische Wirkung erst mit den schillernden, teilweise auch verworrenen Klängen.

“Noob” weist so viele unterschiedliche Lieder auf, faszinierende Einzelstücke jedes für sich, dass es schwer wird, die Platte als Gesamtwerk zu beschreiben. Da wäre das bereits ausgekoppelte “Flavour of the Week”, das sich vor allem durch seine absolute Tanzbarkeit abhebt, dann aber auch nicht auf stupiden Clubstampfer macht, sondern durchaus den Mut zur klingenden Bridge beweist; “Living fast dying Young” erinnert dann hingegen eher wieder an die 80er, vor allem am Anfang klingt ein gutes Stück Nostalgie mit. Der Refrain ist umwerfend und trifft vielleicht wirklich den Zeitgeist, beschreibt wirklich einen Großteil der orientierungslosen Jugend. Wieder einmal schafft es die Band über eigentlich typische Themen der Musik und Literatur zu singen, ohne sich irgendwelcher Klischées zu bedienen oder abgedroschen und schwer zu klingen. “Living fast dying Young” erzählt und wertet nicht, hört zu und versteht und zerbricht am Ende eher symbolisch.

Die Ballade des Albums ist “The Far Side of the Moon”, das nach den mitreißenden Melodien etwas Geduld des Hörers erfordert, schließlich aber doch mit einem eingängigen Popschema überzeugt, das nur locker von elektronischen Spielereien und den Drums aufgelockert wird.

“What it feels like” erinnert eher an den Soundtrack zu einem Computerspiel und gerade hier tauchen die geliebten Gitarren wieder auf, wieder im starken Kontrast zu den dominierenden Sythies, die teilweise schon fast zerstörerisch klingen und sich wiederum von dem sanften Refrain abheben. Voilà: Kreativität!

“The Enemy inside” hingegen rundet das Album wieder mit einem fast eingängigen Sound ab, der Thematik wegen eine ungewöhnliche musikalische Umsetzung, die aber nahezu problemlos klappt und vor allem das “welcome to real life” ist im Kontext zum Namen des Albums noch einmal für sich interessant. Mutig auch hier wieder, trotz der vermeintlichen Leichtigkeit lange akustische Phasen zu spielen. Mutig, aber nicht übermütig.

Ist diese Platte fehlerfrei? Es scheint so. Abgesehen davon, dass “The Far Side of the Moon” hinter “Living fast...” nicht richtig zur Geltung kommt, hat diese CD alles, was man sich wünscht: Neue Klangmuster ohne den Sinn für Melodien verloren zu haben, faszinierende Einzelstücke, die sich alle gegeneinander abheben und trotzdem auch zusammen funktionieren können, interessante musikalische Umsetzung ohne den Gesang zu übertönen, Themen und Texte, die mit der Musik verschmelzen und ihre eigene Welt kreieren ohne den Sinn für die Realität zu verlieren. Hut ab, Musik an!

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