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Devin Townsend Project: Deconstruction

Krank, einfach nur krank
Wertung: 8/10
Genre: Progressive Metal, Extreme Metal
Spielzeit: 70:41
Release: 17.06.2011
Label: InsideOut

Manchmal stimmt eben doch, was in den Infozetteln zu Promo-CDs steht. Im Falle von „Deconstruction“, dem dritten Werk der 2009 mit „Ki“ und „Addicted“ begonnenen Album-Tetralogie des Devin Townsend Projects, heißt es nämlich, dass hier das wohl extremste, gestörteste und komplexeste Album des Kanadiers überhaupt vorliegt – trotz aller Strapping Young Lad-Releases. Ähnliches hatte Devin zuvor allerdings auch angekündigt: Während „Ki“ und „Addicted“ songorientiert und recht melodisch beziehungsweise rifflastig waren und teilweise schon nach einem Durchlauf zündeten, sollte der nun veröffentlichte Nachfolger wesentlich schwerer verdaulich ausfallen und im wahrsten Sinne des Wortes ein harter Brocken werden.

Interessanterweise lässt Townsend den Abschluss der Tetralogie, „Ghost“, am selben Tag veröffentlichen wie „Deconstruction“ und alle Fans dürften wohl mitbekommen haben, dass jene Scheibe das absolut krasse Gegenteil des dritten Teils darstellen soll, da sie völlig ruhig und relaxt gehalten ist. Manch einer mag da an „Deliverance“ und „Damnation“ von Opeth denken, zwei Scheiben, auf denen die Schweden ruhiges und hartes Material weitestgehend trennten, doch es sei an dieser Stelle bereits so viel verraten, dass der Kontrast bei Devin Townsend noch um einiges heftiger ist. Zu „Ghost“ jedoch mehr im entsprechenden Review, widmen wir uns „Deconstruction“.

Das Album ist ein erneuter Beweis dafür, wie nahe Genie und Wahnsinn beieinander liegen; diese Attribute treffen wohl auf kaum jemanden in der Metalszene so sehr zu wie auf Devin Townsend, auch wenn er es inzwischen wohl geschafft hat, sich vom ungeliebten Image des „verrückten Professors“ zu distanzieren, unter anderem auch deshalb, weil er nun bereits seit einigen Jahren drogenfrei ist. Wobei man sich die Frage stellen muss, wie man eine Platte wie „Deconstruction“ ohne Drogen komponieren kann. Dabei ist der Beginn mit „Praise The Lowered“ und „Stand“ noch einigermaßen „harmlos“. Diese Kompositionen sind hart, kompromisslos und grooven gut. Genauer gesagt, ist es ziemlich genial, wie sich der Opener langsam aufbaut; das kann in dieser Form wohl niemand so gut wie Devin, wirklich großes Kino. Und „Stand“ ist einfach nur unglaublich mächtig, besonders, wenn Gastsänger Mikael Åkerfeldt ins Geschehen eingreift und sich sein grollendes Growling zu Devins spitzem Gekreische hinzugesellt. Schlichtweg beeindruckend, allerdings ist man doch ohnehin stets aufs Neue fasziniert von den sich himmelhoch auftürmenden Soundwällen, die der einstige Steve Vai-Sidekick jedesmal emporwuchtet. Wenn man weiß, dass er Synästhetiker ist, stellt man sich unweigerlich die Frage, wie er seine eigene Musik wohl hören (und sehen) mag.

Mikael Åkerfeldt ist übrigens nicht der einzige Gastmusiker auf „Deconstruction“, ganz im Gegenteil: Townsend hat mit unter anderem Ihsahn, Joe Duplantier von Gojira, Paul Masvidal (Cynic), Floor Jansen (Ex-After Forever) und Greg Puciato (The Dillinger Escape Plan) jede Menge Metalprominenz um sich geschart, betont aber, er habe dies nicht getan, um mehr Platten zu verkaufen, da fast alle Mitwirkenden Freunde von ihm seien. Allerdings: wer, der auch nur halbwegs bei klarem Verstand ist, würde schon glauben, dass jemand wie Townsend so etwas um des schnöden Mammons willen gemacht hätte, dazu ist der Typ viel zu authentisch, zu vielseitig und zu experimentell in seiner Art Musik zu machen. Mal abgesehen davon, dass „Deconstruction“ wohl eines der am wenigsten massenkompatiblen Alben aller Zeiten sein dürfte. Epische Longtracks à la „Planet Of The Apes“, „The Mighty Masturbator“ (ja, ganz richtig gelesen) und das Titelstück sind dermaßen schwer verdaulich, dass auch langjährige Fans eine ganze Zeitlang daran zu knabbern haben werden. Da wechseln sich Townsend-typische Arpeggioläufe mit Honkytonk-Piano-mäßigen Sounds ab, da treffen elektronische Spielereien auf opernhafte Passagen mit großen Chören, und im Titelsong (in dem es ohne Witz um die Dekonstruktion eines Cheeseburgers geht) wird eine durch und durch Zappaeske Passage von einer Frickelorgie abgelöst, die selbst Dream Theater blass aussehen lassen würde. Kein Wunder allerdings, wenn man sieht, dass Fredrik Thordendal von Meshuggah, Devins favorisierter Metalband, die Lead-Gitarren-Parts beigesteuert hat.

Wie erwähnt, das liegt zu einem Großteil wirklich schwer im Magen und bei allem Verständnis für Townsends Experimentierfreude und bei allem Respekt für sein geniales Schaffen insgesamt ist das hin und wieder sicherlich schon etwas zu viel des Guten, da dem Meister gerade bei den Longtracks doch auch mal der kompositorische rote Faden aus der Hand gleitet und so manches ein wenig zu Gimmick-haft wirkt, sei er nun der Frank Zappa des Metal oder nicht. Dennoch handelt es sich zweifellos um ein beeindruckendes Werk, auf dem es viel zu entdecken gibt und auf dem wieder viele geniale Momente zu finden sind. Und eines
fragt man sich ohnehin immer wieder: Wie kann man so krankes Zeug wie „Planet Of The Apes“, „The Mighty Masturbator“ oder „Deconstruction“ schreiben?

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Absolut fantastischer Konzertabend, der kaum überboten werden kann