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Devin Townsend: Empath

Eine emotionale Achterbahnfahrt an stilistischer Bandbreite
Wertung: 8/10
Genre: Progressive Metal
Spielzeit: 74:11
Release: 29.03.2019
Label: InsideOut

Dass Devin Townsend sich in seiner Karriere noch nie auf einen Stil festgelegt hat, dürfte wohl jedem bekannt sein, der sich auch nur ansatzweise mit dem Schaffen des Kanadiers befasst hat. Ob Pop, Rock, Country, Metal, Jazz, Ambient, Prog oder orchestraler Bombast – Hevy Devy ist überall zu Hause und hat in jedem Genre Duftmarken hinterlassen. Und auch wenn es natürlich immer wieder Songs gab, in denen mehrere grundverschiedene Einflüsse zusammenkamen, war doch bei jeder Veröffentlichung mehr oder weniger klar, in welche Sparte sie sich einsortieren ließ. Doch wenn einer schon auf so vielen verschiedenen Hochzeiten tanzt, stellt sich fast naturgemäß die Frage: Warum nicht einfach mal alles radikal auf einem einzigen Album vereinen?

Diese Idee trug Devin bereits seit Jahren mit sich herum und war gewillt, entgegen allen Pessimisten, die behaupteten, das wäre nicht möglich, dieses äußerst ehrgeizige Vorhaben in die Tat umzusetzen. Wie ernst es ihm damit war, zeigt allein der Fakt, dass er für „Empath“ drei Drummer (Morgan Ågren, Anup Sastry und Samus Paulicelli) engagierte, die jeweils für die jazzigen, die proggigen und die metallischen Parts zuständig sind. Auch sonst holte er sich eine ganze Armada an Gastmusikern ins Studio (u.a. Chad Kroeger von Nickelback, Mike Keneally, Steve Vai und selbstverständlich seine Lieblingssängerin Anneke van Giersbergen), übernahm den Mix selbst, damit dieser dem komplexen Gesamtbild an stilistischer Vielfalt auch gerecht würde und wollte nichts dem Zufall überlassen, damit das Ganze am Ende nicht etwa Gimmick-haft herüberkommen würde. Da Townsend des Öfteren mit Selbstironie kokettiert, eine nicht unberechtigte Befürchtung.

Logisch und konsequent, „Empath“ als Soloalbum und nicht unter dem Devin Townsend Project-Banner zu veröffentlichen, da ein etablierter Bandname ja doch immer eine gewisse Erwartungshaltung generiert und einen Musiker mit breitgefächerten stilistischen Interessen daher in seiner Kreativität auch ausbremsen kann. Doch wie klingt „Empath“ nun? Das kurze Intro „Castaway“ mit seinen sanften Chören hat gar etwas Sakrales, doch bereits das folgende, sechsminütige „Genesis“ ist aus einem ganz anderen Holz geschnitzt: Melodie und Groove treffen auf hyperschnelle Blastbeats, Soundtrack-artiger Bombast und epische, chorale Breitwand-Momente wechseln sich mit entspannten Phasen, in denen Steeldrums (!) und Möwenrufe erklingen, ab – ein imposanter Einstieg, der beweist, dass das ambitionierte Konzept tatsächlich greift. Beachtlich, wie locker und lässig er hier diesen weit gestreckten Spagat bewältigt und nebenbei auch noch mit einem mitsingbaren Refrain auftrumpft.

„Spirits Will Collide“ macht es dem Hörer da allerdings etwas einfacher: Eine eher getragene Nummer, die mit ihren omnipräsenten Chören sehr feierlich daherkommt, während der Nachfolger „Evermore“ wiederum eher in der groovigen Ecke anzusiedeln ist, auf starke symphonische Sequenzen und Chöre jedoch erneut nicht verzichtet.

Bis dahin ist das alles zweifellos kompositorisch stark, fabelhaft arrangiert und vor allem mit einem Bombensound ausgestattet – und doch noch nicht so irre, wie man anhand der spannenden Vorschusslorbeeren annehmen könnte. Die beiden letztgenannten Stücke hätten auch auf einem der letzten Alben stehen können, in denen Townsend bei allen Metal-Anteilen für seine Verhältnisse doch einigermaßen konventionelles Material ablieferte.

Auch „Sprite“ besitzt dank des verträumt-säuselnden Gesangs und der butterweichen Modulationen in der Gitarrenstimme eine ziemlich ätherische Atmosphäre und die perlenden Keyboards am Ende lassen passenderweise an sprudelndes Wasser denken (auch wenn es so wohl nicht gemeint sein dürfte – jemandem wie Townsend wäre es durchaus zuzutrauen, dass er einfach einen Song über das bekannte Süßgetränk geschrieben hat). Diese faszinierende Nummer wirkt entrückt und dazu gemacht, sich treiben zu lassen – danach jedoch wird der Vorschlaghammer ausgepackt.  

Die letzten beiden Drittel der Platte haben es nämlich in sich – wer sich in Sicherheit wiegte, sieht sich alsbald getäuscht: „Hear Me“ holzt in gnadenloser Manier und wie zu besten Strapping Young Lad-Zeiten durch die Botanik, was durch die anschließende Musical-mäßige Ballade „Why?“, die Devin mit opernhaftem Pathos leidenschaftlich vorträgt, vollkommen konterkariert wird. Spätestens jetzt dürfte jedem klar sein, dass „Empath“ auch für Devin Townsend-Verhältnisse eine besondere Platte ist. Zumal mit dem elfminütigen „Borderlands“ und dem noch einmal mehr als doppelt so langen „Singularity“ sogar noch zwei dicke Brocken zu Buche stehen, lediglich getrennt durch das knapp dreiminütige, geradezu weihevolle Instrumental-Interlude „Requiem“.

Hier lässt sich dann allerdings doch die eine oder andere Länge ausmachen, insbesondere bei letzterem, das wunderschön mit melancholischer Casualties Of Cool-Atmosphäre, angereichert mit sanft einlullendem Gesang des Meisters beginnt, um später wieder voll auf die Zwölf zu gehen und schließlich in einem episch-bombastischen Finale mündet – der seltsame „Düpdüdüp“-Part allerdings wirkt dann doch relativ Gimmick-haft und eher unnötig, über die teilweise Nintendo-artigen Sounds lässt sich sicherlich ebenfalls streiten.

Insgesamt betrachtet ist Townsend mit „Empath“ trotzdem eine recht beeindruckende Platte geglückt: Herausragend produziert, gesanglich und handwerklich eh top und kompositorisch zum Großteil gelungen – die krassen stilistischen Unterschiede fließen bemerkenswert gut ineinander und bieten dabei dennoch jede Menge Hooklines. Dass es mehrerer Durchläufe benötigt, um die ganze Dimension dieses ebenso ehrgeizigen wie verrückten Albums zu erfassen, versteht sich wohl von selbst. Townsend-Fans werden an dieser in jedem Fall hochinteressanten Scheibe aber eine Menge Spaß haben und mit jedem Durchgang neue Facetten entdecken, besonders jene werden sich freuen, denen auf den letzten Platten vielleicht ein bisschen die harte Seite und die Durchgeknalltheit dieses Musik-Tausendsassas gefehlt haben.

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