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Deventter: Lead... On

Die neuen Dream Theater?
Wertung: 8.5/10
Genre: Progressive Metal
Spielzeit: 67:35
Release: 05.05.2010
Label: Som Do Darma

Während Deventter in Brasilien die dortige Metal-Szene ordentlich aufmischten, hat hierzulande vermutlich so gut wie niemand etwas von der Truppe gehört – definitiv unverdient, denn das viele Lob, das die Band in ihrem Heimatland zu hören bekommt, ist ohne Frage berechtigt. Dabei sind die Brasilianer im Gegensatz zu ihren meistens sehr politischen Texten musikalisch gar nicht auf Revolutionen aus, sondern klingen viel mehr wie ein südamerikanisches Pendant zu Dream Theater, ohne jedoch zu einer schlichten Kopie zu verkommen.

Tatsächlich reicht die Truppe stellenweise erstaunlich nahe an die Prog-Metal-Großmeister heran: Aggressive, thrashige Passagen, die in die „Train Of Thoughts“-Phase von Dream Theater passen würden, treffen auf eingängige Melodien und ruhige, Klavier-lastige Stücke – selbstverständlich in beeindruckender handwerklicher Präzision, denn alle Instrumentalisten erhalten genug Platz in den Songs, um ihr Potential genügend auszureizen. Auch Felipe Schäffer trägt am Mikrofon mit seinen großartigen Vocals seinen Teil dazu bei, dass sich die Truppe gegen andere ähnlich ausgerichtete Kapellen behaupten kann: Die hohe Stimme des Frontmannes ist ebenso facettenreich wie gut ausgebildet und wirkt trotzdem in ihrer Emotionalität authentisch.

Mit „O.M.T“ gelingt der Band dann auch gleich ein Einstieg nach Maß: Harte Riffs und ein schneller Rhythmus geben ein relativ hohes Tempo vor, werden aber später überraschend von einer funkigen Passage mit cooler Slap-Bass-Einlage sowie einem halsbrecherischen Solo unterbrochen, über allem schwebt geschickt eingesetzt das Keyboard. „6000“ setzt das Album ein wenig experimenteller fort und zählt zu den außergewöhnlichen Songs auf „Lead... On“ - häufig wurden jedenfalls noch nicht Thrash-Riffs mit Hammond-Orgel verknüpft und im Refrain von reichlich Pop-Appeal samt gekonntem Einsatz von Felipes Kopfstimme und spacigen Keys abgelöst. Ihre ruhigere Seite zeigen Deventter mit dem dramatischen Stück „Reflected“, das mit überragendem Gesang und melancholischen Gitarren-Melodien beweist, dass die Brasilianer in diesem Bereich mindestens genauso gut wie im Metal aufgehoben sind, was mit dem nachfolgenden „All Rights Removed“ ein weiteres Mal bekräftigt wird. Dieses Mal kommen sanfte Piano-Klänge zum Einsatz und ergänzen den erneut vielseitigen und ausdrucksstarken Gesang mit einer sehnsüchtigen Melodie - ein Song, der sicherlich auch einer eher im Pop-Rock beheimateten Band wunderbar zu Gesicht stehen würde, aber durch die songwriterischen Fähigkeiten der Formation noch deutlich aufgewertet wird.

Der Rest des Albums ist eher härter gehalten und erinnert stellenweise frappierend an Dream Theater – insbesondere „Transcendence Inc.“ könnte in abgewandelter Form auch von der Progressive-Legende stammen, was jedoch nicht negativ zu bewerten ist, denn tatsächlich ist die Songstruktur des Stückes auch bei Deventter ebenso chaotisch wie perfekt durchdacht. Beeindruckend ist auch das Gespür der Truppe für zwingende Riffs, denn als Prog-Metal-Band in einem brettharten Song wie „This Grace“ derartig eingängige Gitarrenarbeit zu präsentieren, einen Ohrwurm-Refrain einzubauen und gleichzeitig einen hohen technischen Anspruch zu bewahren, ist ohne Frage eine außergewöhnliche Leistung. Obwohl sich die Songs fast durchgängig auf einem hohen Niveau bewegen, gibt es auch kleinere Ausfälle zu vermelden, die „Lead... On“ davon abhalten, zu einem wahren Meisterwerk zu avancieren: „Down To The Apex“ versucht den mit „Reflected“ eingeschlagenen Weg beispielsweise erneut zu beschreiten, berührt aber nicht annähernd so viel wie die anderen Vertreter auf dem Album. Glücklicherweise erhält das Werk mit „Lead... Off“ aber einen äußerst interessanten Abschluss, der noch einmal mit einer ausgeklügelten Songstruktur besticht. Eingeleitet von ruhigen Klängen und Klavier zieht der Song bald das Tempo an und vermag mit diesem Wechsel wirklich mitzureißen, bevor ein experimentelles Piano-Outro das Ende von „Lead... On“ einleitet.

Deventter zeigen sich als echter Geheimtipp und gelangen erstaunlich nahe an die großen Werke des Traum-Theaters heran – die Songs sind abwechslungsreich und durchdacht und überzeugen durch eine hervorragende Leistung an den Instrumenten, ohne jedoch Leidenschaft vermissen zu lassen. Zudem hat man mit Felipe Schäffer einen charismatischen und vielseitigen Sänger an Bord, der die Songs jeweils interessant und emotional interpretiert. Wer sich von der sehr langen Spielzeit nicht ermüden lässt und Lust auf komplexen, aber nichtsdestotrotz häufig eingängigen Progressive Metal hat, ist bei den Südamerikanern genau richtig, denn obwohl nicht jede Passage und jeder Song zünden kann, ist ihnen mit „Lead... On“ doch eine kleine Perle gelungen.

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