Achtung: In deinem Browser ist JavaScript entweder nicht installiert oder deaktiviert. Einige Funktionen dieser Seite stehen daher leider für dich nicht zur Verfügung.

Demians: Mute

Experimentell und abwechslungsreich
Wertung: 8.5/10
Genre: Progressive Rock, Alternative Rock
Spielzeit: 50:24
Release: 25.05.2010
Label: Inside Out

Ein Ein-Mann-Projekt? Hm, bei so was werde ich ja immer sehr leicht skeptisch, es vegetieren einfach zu viele Wannabes durch die Musiklandschaft, die meinen, jedes Instrument, das sie anfassen, perfekt zu beherrschen und deswegen im Alleingang und ohne ihre Egos nur störende Sidekicks ihre Ergüsse auf die Menschheit loslassen zu müssen. Wobei diese an maßloser Selbstüberschätzung leidenden Individuen eigentlich meistens im schwarzmetallischen Bereich anzutreffen sind – und davon ist Demians, die, nun ja, „Band“ von Nicolas Chapel weiß Gott meilenweit entfernt. Den Namen hat der Franzose übrigens von keinem Geringeren als Schriftsteller Hermann Hesse übernommen, da ihn der Charakter des Max Demian aus der gleichnamigen Erzählung des württembergischen Autors fasziniert habe; dieser habe nämlich genau die gleichen Gedanken wie er gehabt.

Bei Chapel scheint es sich also um einen absoluten Feingeist zu handeln (muss ja eigentlich, wenn man Hesse liest) und genauso klingt auch seine Musik, die ansonsten wirklich nicht leicht zu beschreiben ist. Der französische Multiinstrumentalist zeigt sich sehr experimentierfreudig und progressiv, will definitiv neue Wege gehen und ist visionär – dass er nach Erscheinen seines ersten Albums „Building An Empire“ (2008) mit Porcupine Tree, Marillion und Anathema aufgetreten ist, passt sehr gut ins Bild, denn auch wenn mir jenes Debütwerk unbekannt ist, so haben die allesamt sehr unterschiedlichen und doch ein Gesamtkonzept ergebenen Songs auf dem Nachfolgealbum „Mute“ etwas von diesen Bands – ein bisschen Prog, ein bisschen Alternative, ein bisschen Rock – und gleichzeitig noch viel mehr; eine eigene Note ist in jedem Fall erkennbar.

Zunächst einmal startet die Scheibe in Form von „Swing Of The Airwaves“ mit schwerfälligen Gitarrenklängen regelrecht doomig, um dann in einen fast schon tänzerischen Part überzugehen, während der Chorus von den Gesangslinien wiederum ein wenig an die Überflieger von Muse erinnert. Und auch ruhige Akustikgitarren spielen noch eine Rolle. Was sich sehr kompliziert anhört, so nach dem Motto: „Wie soll das denn bitte alles zusammenpassen?“, funktioniert wirklich ziemlich gut. Klar, ein bisschen Eingewöhnungszeit muss man dem Ganzen schon geben, aber schon bald wird der geneigte Hörer merken, dass Chapel diese so unterschiedlichen Stilmerkmale recht gut unter einen Hut bekommt, mal abgesehen davon, dass viele Gesangspassagen sogar relativ mitsingbar sind.

Doch der Opener ist nur das erste von vielen Experimenten auf „Mute“: „Feel Alive“ rockt sehr erfrischend nach vorne, hat aber auch seine düsteren Momente, wie Chapels Schreie unterstreichen, während „Porcelain“ auch gut und gerne einen ruhigen Porcupine Tree-Track darstellen könnte, wenn auch vermischt mit Drum-Samples, die aber sehr gut integriert wurden.

„Black Over Gold“ wiederum ist eine unheimlich berührende Ballade mit großen Gefühlen. Mit zerbrechlichen Pianoklängen beginnend, schaukelt sich das Stück gänsehäutig immer weiter hoch, getragen von Chapels äußerst emotionalen Vocals und postrockigen Gitarren – ganz großes Kino!

Bei „Overhead“ baut der Franzose dann orientalische Streichermelodien und Percussion ein (Violine, Cello und Kontrabass spielt er übrigens genau wie auch die Rockinstrumente alle selbst), was ihm genau wie alle anderen Experimente völlig mühelos gelingt. Hier fühlt man sich in den besten Momenten gar an Jimmy Page und Robert Plant erinnert, die ja ebenfalls sehr auf arabische und nordafrikanische Musik stehen und daher Mitte der Neunziger ihre alten Led Zeppelin-Klassiker mit einem marokkanischen Orchester aufnahmen („No Quarter: Jimmy Page & Robert Plant Unledded“).

Ein weiteres Highlight ist zweifellos das mit einem mächtigen Main-Riff ausgestattete „Rainbow Ruse“, das streckenweise wieder Reminiszenzen an Porcupine Tree erweckt, und sehr gelungen und fast unbemerkt in „Hesitation Waltz“ überleitet, welches sich in fantastischer Manier steigert und vom Aufbau und dem teils geheimnisvoll klingenden Gesang her nicht unwesentlich an Tool erinnert. Beschlossen wird das Album mit dem sehr ruhigen und besinnlichen „Falling From The Sun“, das in Sachen Arrangement eher spartanisch gehalten wurde, was aber gerade umso wirkungsvoller ist. Hier heißt es Augen zu und genießen.

Für mich insgesamt eines der besten Ein-Mann-Projekte, die ich je hören durfte. Nicolas Chapel, der seine Songs selbst als „kleine Demians“ bezeichnet, hat hier ein sehr spannendes und abwechslungsreiches Album erschaffen, bei dem einige Stücke etwas eingängiger sind („Feel Alive“, „Rainbow Ruse“) und andere ein paar Durchläufe brauchen, um zu zünden (so beispielsweise der Opener), sich dann aber als kleine Meisterwerke entpuppen. Respekt vor diesem Mann, der so viele Instrumente beherrscht und zu jeder Sekunde genau weiß, was er tut. Man darf gespannt sein, was er noch so veröffentlicht.

comments powered by Disqus

Absolut fantastischer Konzertabend, der kaum überboten werden kann