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Deep Purple: Who Do We Think We Are

Nicht so schlecht, wie es häufig gemacht wird
Wertung: 8/10
Genre: Hard Rock / Blues Rock
Spielzeit: 34:27
Release: 26.01.1973
Label: Purple Records

Bei der Bewertung des vorerst letzten Albums der Mark II-Besetzung gehen die Meinungen stark auseinander. Während die einen „Who Do We Think We Are“, dessen Titel eine ironische Verarbeitung von Hassbriefen an die Gruppe, die häufig mit „Who do Deep Purple think they are?“ begannen, darstellt, als „lustlos heruntergedroschene Pflichtübung“ verrissen, sahen andere es gar als „mit Abstand das beste Album“ der Band an. Die Wahrheit liegt wohl eher in der Mitte, denn die vierte Mark II-Platte als „bestes Album“ zu etikettieren, ist natürlich vollkommener Quatsch, die Scheibe als „Pflichtübung“ zu verschmähen, wird ihr jedoch ebenfalls nicht gerecht.

Fakt ist, dass der Zyklus aus permanentem Touren und zwischendurch eine neue LP aufnehmen zu Müdigkeit, wenn nicht gar Ausgebranntheit führte – vor allem zwischen Ritchie Blackmore und Ian Gillan gab es Spannungen, doch auch sonst war die Stimmung im Gefüge nicht gut, sodass sich das Songwriting schwierig gestaltete und die Bandmitglieder ihre Parts einzeln im Studio aufnahmen, damit sie sich nicht über den Weg liefen. Anfang 1973, ungefähr zum Zeitpunkt, als „Who Do We Think We Are“ schließlich auf den Markt kam, machten sich gar Auflösungsgerüchte breit, die sich zwar nicht bestätigten, allerdings wurden Ian Gillan und Roger Glover im Sommer des Jahres auf Bestreben von Ritchie Blackmore aus der Band gedrängt und durch David Coverdale und Glenn Hughes ersetzt.

Vergleicht man „Who Do We Think We Are“ mit seinen drei Vorgängern, ist das Resultat vielleicht etwas enttäuschend, auf der anderen Seite muss man bedenken, dass „In Rock“, „Fireball“ und „Machine Head“ auf einem Niveau angesiedelt sind, von dem die meisten anderen Bands nur träumen können. Dennoch sind bis auf das belanglose „Super Trouper“ (das nichts mit ABBA zu tun hat, deren gleichnamiger Titel erschien erst 1980), das auch der Flanger-Effekt nicht retten kann, keine Ausfälle auf Purples insgesamt siebtem Studioalbum zu verzeichnen.

Der größte und bekannteste Hit der Platte, „Woman From Tokyo“, befindet sich gleich an erster Position und offenbart, dass Blackmore und Co. immer noch in der Lage sind, sich erstklassige, eingängige Riffs aus dem Ärmel zu schütteln. Der sanfte, atmosphärische Mittelteil sorgt für einen effektiven Kontrast zum Hauptpart und Jon Lords spritziges Pianosolo am Ende lockert das Ganze wunderbar auf. Auch das wilde, energiegeladene „Smooth Dancer“ gehört zu den besonders starken Momenten des Rundlings, wobei man sich fragen muss, ob Ritchie jemals den Text gelesen hat oder ob es ihm schlicht scheißegal war, denn wen Ian Gillan in den Lyrics relativ unverblümt angreift, ist schon ziemlich deutlich. In jedem Fall eine starke Nummer mit abgefahrenem Orgelsolo.

Der Rest ist mindestens brauchbar: „Mary Long“ zeichnet sich durch seine hübschen melodischen Gitarrenlicks und den Mitsing-kompatiblen Refrain aus, in dem es heißt: „How did you lose your virginity, Mary Long? When will you lose your stupidity, Mary Long?“ Der Charme dieses Liedes liegt in erster Linie darin, dass sich alles ganz nett und harmlos anhört, es sich tatsächlich jedoch, wie am Text erkenntlich, um eine bitterböse Abrechnung handelt – gemeint ist die erzkonservative Aktivistin Mary Whitehouse, die sich durch Zensur und Gottesfurcht hervortat, was bekanntlich nicht selten mit Heuchelei der übelsten Sorte einhergeht. Übrigens knöpften sich später auch Pink Floyd in dem Stück „Pigs (Three Different Ones)“ aus ihrem 1977er Werk „Animals“ eben jene Schreckschraube vor.

„Rat Bat Blue“ ist ein weiterer eingängiger Riffrocker mit perkussiven Elementen und vertracktem Paice-Drumming sowie einem ungewöhnlich tönenden Solo Jon Lords, der darin Bachs Präludium e-Moll (BWV 855) direkt zitiert. Bestimmt kennen Stratovarius jenes Stück, denn der Sound des Solos ähnelt dem charakteristischen Keyboardklang der Finnen schon recht auffällig. „Place In Line“ stellt anschließend einen typischen Purple-Blues dar, der getragen und mit außergewöhnlich tiefem Gesang Gillans beginnt, um im zweiten Teil das Tempo merklich anzuziehen – eine ebenso prima Nummer wie das finale, sehr feierliche „Our Lady“, das die Platte bereits nach nicht einmal 35 Minuten beschließt.

So richtig viel zu meckern gibt es an der Scheibe eigentlich nicht. Sie überzeugt nicht so wie ihre Vorgänger (war auch kommerziell nicht ganz so erfolgreich), möglicherweise fehlt ihr das gewisse Etwas, aber schlecht oder völlig uninspiriert ist was anderes. Mag sein, dass man das heute mit vielen Jahren Abstand ohnehin etwas milder sieht – acht Punkte kann man guten Gewissens definitiv geben. In der remasterten Edition von 2000 findet sich neben einigen Remixen außerdem der klasse Studio-Outtake „Painted Horse“, bei dem Ian Gillan an der Mundharmonika und Ritchie an der Slidegitarre zu hören sind, sowie der hörenswerte „First Day Jam“ mit Blackmore am Bass, da Roger Glover im Verkehr festsaß.

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