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Deep Purple: The Battle Rages On

Letztes Hurra der Mark II-Formation
Wertung: 9/10
Genre: Hard Rock
Spielzeit: 50:17
Release: 02.07.1993
Label: BMG Records

Ende 1992 müssen Deep Purple-Fans langsam geglaubt haben, dass die Band und ihr Management sie auf den Arm nehmen wollen, denn die Posse um die Sängerposition drohte lächerlich zu werden: Joe Lynn Turner musste nach nur einem Album und einer Tour wieder gehen, obwohl er mit den anderen Bandmitgliedern schon dabei war, Material für die nächste Platte zu komponieren. Dass er beleidigt war und seinem Rauswurf Interviews folgen ließ, in denen er nachtrat, ist daher nicht unverständlich, denn eine stilvolle Trennung sieht anders aus. Die Mark V-Phase war allerdings eben nicht von Erfolg gekrönt, sodass das Management der Hard Rocker Druck machte – wegen des anstehenden 25-jährigen Jubiläums der Band wollten die Anzugträger gerne, dass Ian Gillan ein weiteres Mal zurückkehrte.

Ritchie Blackmore war natürlich gegen ein neuerliches Engagement seines Intimfeindes und fragte stattdessen bei dem damals noch jungen New Yorker Sänger Mike DiMeo an (später u.a. bei Masterplan aktiv). DiMeo nahm sogar tatsächlich ein paar Demos für das Album auf, das später „The Battle Rages On“ werden sollte, doch da die anderen Bandmitglieder einstimmig für eine Rückkehr Gillans votierten, beugte sich Ritchie zähneknirschend ihrem Willen.

Ian Gillan hatte nach seiner Entlassung 1989 geschworen, nie wieder bei Purple mitzuwirken, doch ließ er sich letztlich trotzdem breitschlagen, zum dritten Mal als Frontmann für seine alte Liebe das Mikro in die Hand zu nehmen. Dass ihn jede Menge Kohle dazu brachte, seinen Schwur zu brechen, ist zwar eine Unterstellung, aber man muss schon sehr naiv sein zu glauben, dass der schnöde Mammon keine Rolle bei dieser Entscheidung spielte.

Die legendäre Mark II-Besetzung war also erneut beisammen und der Druck – noch dazu nach dem drögen und erfolglosen „Slaves And Masters“ – nicht unerheblich. Die Umstände waren chaotisch, Gillan musste die Songs stark überarbeiten, da sie ja ursprünglich mal für Turner oder DiMeo vorgesehen waren, doch am Ende stand ein großartiges Album, das den hüftsteifen Vorgänger geradezu wegfegt und auch deutlich mehr Cojones als die letzte Mark II-Veröffentlichung „The House Of Blue Light“ hat.   

Mittels einer knackigen Produktion zeigen Deep Purple, dass sie im neuen Jahrzehnt angekommen sind und präsentieren sich musikalisch vielfältig, wobei ihnen dabei trotzdem das Kunststück gelingt, eine Platte mit enormer Hitdichte vorzulegen. Mit dem monumentalen, wütenden Titelstück, bei dem das eingängige, schnörkelige Hauptthema clever variiert wird und das durch seine vielen Wendungen und Breaks (superbes Paice-Drumming!) ebenso ausgeklügelt wie durch den brillanten Chorus catchy daherkommt, und der geschmeidigen Powerballade „Anya“, die mit einem Fanfaren-artigen Mordsriff und unwiderstehlichem Drive ausgestattet ist, sind der Formation gleich zwei zukünftige Klassiker geglückt. „Anya“ tönt ebenso folkig wie hymnisch und durch den Einsatz der nach einer Kantele klingenden Keyboardstimme ist sogar ein leicht mittelalterlich anmutendes Flair auszumachen, was Ritchie Blackmores spätere Tätigkeit mit Blackmore's Night ein bisschen vorwegnimmt.

Aber auch der Rest hat es in sich: Vom lasziven, sleazy „Lick It Up“ über den tollen melodischen Ohrwurm „Time To Kill“, dessen Titel und giftiger Text in skurrilem Kontrast zu der beschwingten Stimmung der Musik stehen, den kraftvollen, Stevie Ray Vaughn-mäßigen Dicke-Hose-Blues „Ramshackle Man“, der das unsägliche „Mitzi Dupree“ vom Blaulichthaus-Album pulverisiert und mit begeisternden Soli versehen ist; die zum Teil gar an Iron Maiden erinnernde Uptempo-Nummer „A Twist In The Tale“, das unverschämt lässig groovende „Nasty Piece Of Work“, den von eleganter Melodieführung geprägten Edelrocker „Solitaire“ (der auf ein Gitarrensolo verzichtet und dafür gleich zwei Orgelsoli bietet) bis zum breitbeinigen Riffrock-Finale „One Man’s Meat“ ist ausschließlich gutes bis hervorragendes Material auf der Scheibe zu finden.

Zugegeben, bei „One Man’s Meat“ klaut Ritchie bei sich selbst, indem er das Mainriff von Rainbows „L.A. Connection“ einfach recycelt hat – Spaß macht der Song trotzdem und angesichts des vorzüglichen Gesamteindrucks dieser Platte sei darüber ohnehin großzügig hinweggesehen. Von der eigenen übermächtigen Vergangenheit ließ man sich nicht einschüchtern, im Gegenteil: Deep Purple hatten es unter schwierigen Gegebenheiten gemeistert, einen Longplayer aufzunehmen, der im Gegensatz zum Vorgänger wieder richtige Purple-Charakteristika vorweist, dabei zeitgemäß produziert und mit viel Elan eingespielt und -gesungen wurde – da hörten sich andere Erfolgsgruppen aus den Siebzigern inzwischen viel antiquierter an. Stilistisch breitgefächert, klingt „The Battle Rages On“ dennoch wie aus einem Guss und ist von vorne bis hinten sehr unterhaltsam. Schade, dass nach dieser bärenstarken Scheibe bald schon wieder Querelen aufkamen, die zum nächsten Besetzungswechsel führten.

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