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Deep Purple: Purpendicular

Mit Steve Morse kommt wieder Ruhe in die Band
Wertung: 9/10
Genre: Hard Rock
Spielzeit: 62:16
Release: 17.02.1996
Label: BMG Records

Während der Tour zu „The Battle Rages On“ gerieten Ian Gillan und Ritchie Blackmore erneut aneinander (passender hätte der Albumtitel also nicht sein können) und es war klar, dass auch die dritte Zusammenarbeit gescheitert war. Blackmore warf Gillan vor, die Sache nicht richtig ernst zu nehmen, zu viel Party auf Tour zu machen und damit seine Stimme zu ruinieren, tatsächlich hätte der Gitarrist aber ebenfalls einräumen müssen, dass einige seiner Auftritte von purer Lustlosigkeit gekennzeichnet waren. Deep Purples Reputation als exzellente Liveband war beschädigt und so konnte es nicht weitergehen. Diesmal war es Ritchie, der frustriert das Handtuch warf, Ian blieb, obwohl er ja derjenige gewesen war, der erst hatte überzeugt werden müssen, überhaupt noch einmal bei Purple einzusteigen.  

Da Ritchie in einer seiner launischen Anwandlungen die Combo mitten auf Tour verließ (und kurz darauf Rainbow reformierte), sprang kurzfristig Joe Satriani ein, als längerfristiges Bandmitglied konnte er aufgrund anderer Verpflichtungen jedoch nicht zur Verfügung stehen, sodass Mark VI ohne offizielle Veröffentlichung blieb. Kurz erwog man, ganz aufzugeben (vor der Frage, wie Deep Purple ohne Ritchie Blackmore funktionieren sollen, stand man ja schon mal), doch schließlich fand sich 1994 mit Dixie Dregs-Saitenhexer Steve Morse ein neuer Mann für die Position an der Klampfe.

Wieder musste sich die Truppe neu erfinden, doch darin hatte sie bekanntlich Erfahrung; dass sowohl Morse als auch Blackmore auf ihre Weise großartige Gitarristen sind, ist vollkommen klar, vom Spielstil allerdings unterscheiden sie sich wie Tag und Nacht. Dass sich also das Purple’sche Gesamtklangbild recht drastisch verändern würde, war vorhersehbar. Steve kommt mehr vom Jazz- und Progrock, hat einen singenden Gitarrenton und arbeitet vor allem viel mit komplizierten Pickingtechniken und Pinch Harmonics – und all dies hört man dem 15. Studioalbum, mit dem netten Wortspiel „Purpendicular“ betitelt, selbstverständlich an.

Eine Kostprobe dessen liefert der neue Mann gleich im ersten Stück „Vavoom: Ted The Mechanic“ ab: Die Gitarre quietscht in einer Art, wie man es bei Ritchie nie gehört hat, und obendrein hat die Band einen satt rockenden Ohrwurm am Start, bei dem Ian Gillan im Refrain die Gitarrenmelodie mitsingt – fast wie einst bei „Speed King“ oder „Strange Kind Of Woman“. Der Song avancierte schnell zum Livestandard. Auch das mit herrlich leiernder Orgel ausgestattete, laid-back groovende „Soon Forgotten“ wartet mit vielen Obertönen auf, toll hier außerdem die mäandernden Gesangsmelodien und die gewieften Harmoniewechsel.

Das bittersüße „Cascades: I’m Not Your Lover“ kommt dann angeproggt daher (Steve Morse und Jon Lord liefern sich einen halsbrecherischen Schredderpart) und „Rosa’s Cantina“ mit pumpendem Glover-Bass, treibendem Paice-Schlagzeug und Mundharmonika-Einsprengseln hat ein supersmoothes Jazzfeeling – diese Band überrascht einen immer wieder mit ihrer Vielseitig- und Wandlungsfähigkeit. Insgesamt ist „Purpendicular“ ein Album, dem eine eher ruhige Atmosphäre innewohnt und ganz zweifellos tragen zu diesem Eindruck auch die beiden, recht weit am Anfang stehenden Balladen „Loosen My Strings“ und „Sometimes I Feel Like Screaming“ bei, die ehrfurchtgebietend beweisen, dass Deep Purple diese Kategorie noch nicht verlernt haben.

„Loosen My Strings“ ist reine vertonte Schönheit, ein Song, in dem man sich verlieren will und der selbst den toughesten Hard Rocker zu Tränen rühren muss, und was Morse aus der hübschen melancholischen Melodie in „Sometimes I Feel Like Screaming“, das gekonnt zwischen Moll und Dur pendelt und bei dem Gillan zeigt, dass er immer noch hohe Töne rausschmettern kann, im Solo zaubert, wie er durch die Tonarten moduliert, ist derart göttlich, dass einem die Worte fehlen. Sicherlich eine der besten neueren Purple-Kompositionen.

Bornierte Puristen, die das Mark VII- (oder das spätere Mark VIII-)Line-Up ablehnen, weil Ritchie Blackmore nicht mehr mitmischte, verpassen definitiv einiges. Natürlich läutete „Purpendicular“ eine neue Ära in der Bandgeschichte ein und natürlich unterschied sich der Sound von allem, was die Gruppe vorher fabrizierte. Trotzdem klingt das Album, genau wie seine Nachfolger, auf jeden Fall deutlich mehr nach Purple als beispielsweise „Slaves And Masters“ und offenbart dabei neue bzw. lange nicht gehörte Facetten. So sorgen die Akustikgitarren und Mandolinen im anmutigen „The Aviator“ für ein folkiges Flair, das es seit „Anyone’s Daughter“ nicht mehr gab und wer beim sonnigen „A Touch Away“ mit seiner betörenden Orgelmelodie kein Lächeln im Gesicht bekommt, muss völlig gefühlskalt sein. Sehr originell präsentiert sich zudem „The Purpendicular Waltz“, denn einen Walzer hatten die Herren bislang auch noch nicht im Programm.

Schön zu sehen und zu hören, dass Deep Purple den schwerwiegenden Verlust von Ritchie Blackmores Ausstieg kompensieren konnten und Steve Morse die großen Fußstapfen auf seine eigene Weise ausfüllt. Er brachte wieder Stabilität ins krisengeschüttelte Bandgefüge; dass „Purpendicular“ im Gegensatz zum deutlich härteren „The Battle Rages On“ verhältnismäßig ruhig (aber eben nicht zahnlos) ausgefallen ist, spiegelt irgendwie die nun wesentlich entspanntere zwischenmenschliche Situation wider. Ein wunderbares Album, das einen tollen Flow besitzt und songschreiberisch derart stark, dass man gar von einem der besten Longplayer des Fünfers überhaupt sprechen kann. Der Neustart war gelungen, man merkt, dass die Band sich von Spekulationen von außen nicht beirren ließ, so unverkrampft wie die Scheibe klingt, und man konnte wieder zuversichtlicher in die Zukunft schauen.

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