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Deep Purple: Phoenix Rising

Pflichtkauf für jeden Purple-Fan
keine Wertung
Genre: Hard Rock
Spielzeit: 183:00
Release: 20.05.2011
Label: earMUSIC 7 Edel

Deep Purple die Drölfzigste. Es ist unglaublich, wie viele Produkte über eine der größten und wichtigsten Rockbands aller Zeiten schon auf den Markt geschmissen wurden, doch bevor hier losgemeckert und von Veröffentlichungs-Overkill gesprochen wird, sei gleich gesagt, dass das DVD/CD-Bundle „Phoenix Rising“ ein absolutes Muss ist - zumindest für jeden Purple-Maniac. Doch auch für alle, die ganz allgemein klassischem Hard Rock nicht abgeneigt sind ist das Päckchen eine lohnenswerte Anschaffung, was in erster Linie an der hochinteressanten Dokumentation über die Mk-III- und Mk-IV-Phase der Band liegt.

In 80 Minuten arbeiten der damalige Bassist/Co-Sänger Glenn Hughes und Ex-Organist Jon Lord jene Zeit auf und nehmen erfreulicherweise kein Blatt vor den Mund: Jon gibt zu, dass er eigentlich schon zusammen mit Blackmore hätte aussteigen sollen und Glenn redet sehr ausführlich über sein in den Siebzigern mehr und mehr ausuferndes Drogenproblem (teilweise war man mit einem mit Kokain vollgestopften Gitarrenkoffer on the road) und wie er sich durch das weiße Pulver in einen Menschen verwandelte, der er nie sein wollte. Desweiteren bekennt er, eigentlich nie ein großer Anhänger der Mk-II-Formation gewesen zu sein. Das für die meisten Fans beste Line-Up der Gruppe sei ihm zu traditionell gewesen und habe keinerlei Sex und Groove gehabt – bei aller Liebe und Hochachtung für so viel Ehrlichkeit: Das ist eine eine Aussage, die, vorsichtig ausgedrückt, ziemlich seltsam anmutet.

Thematisiert wird außerdem Ritchie Blackmores legendärer Ausraster beim California Jam, als er zwei Gitarren zerstörte, eine teure Kamera demolierte und einen Verstärkerturm in Brand setzte, wobei Jon Lord einige bemerkenswerte und nachvollziehbare Aussagen zum Thema „große Egos“ macht, während Hughes anmerkt, dass eine Deep-Purple-Bühne Mitte der Siebziger ein gefährlicher Ort gewesen sei. Was auch durchaus gewollt war, denn: „That’s what rock music should be. It’s not supposed to be polite“. Ganz Unrecht hat er da natürlich nicht und man mag von Blackmore halten, was man will; er war jedenfalls noch ein echter Rockstar.

Auch die grauenhaften Vorfälle in der indonesischen Hauptstadt Jakarta, welche bei Jon Lord anscheinend noch bis heute mit traumatischen Erinnerungen verbunden sind, werden aufgerollt. Die Polizei hetzte damals als Reaktion auf Fans, die beim ersten Konzert am Abend zuvor Zäune eingedrückt hatten, um sich illegal Zutritt zum Stadion zu verschaffen, Dobermänner auf die Zuschauer, wobei über 200 Personen schwer verletzt wurden. Außerdem kam im Hotel Purple-Crewmitglied Patsy Collins ums Leben, als er einen Fahrstuhlschacht hinabstürzte – nach Meinung von Hughes und Lord kein Unfall, sondern Mord. Anderer Ansicht scheint David Coverdale zu sein, der für das Statement am Ende des Films verantwortlich zeichnet, in welchem vermerkt ist, dass die von Hughes und Lord getätigten Äußerungen lediglich deren Meinung widerspiegelten, nicht jedoch die des jetzigen Whitesnake-Frontmannes. Dieser – genauso wie Drummer Ian Paice – kommt leider nur in einigen alten Aufnahmen von damals zu Wort; es wäre sicherlich interessant gewesen, auch deren Sichtweise zu dieser traurigen und schlimmen Geschichte zu hören.

Zwar ist die Dokumentation eindeutig das Herzstück dieser Veröffentlichung; die musikalische Komponente soll aber natürlich nicht völlig unter den Tisch fallen. Auf der DVD gibt es in mehr als passabler Bild- und Tonqualität (man bedenke, wie alt das Zeug schon ist) immerhin das einzige Videodokument mit Tommy Bolin an der Gitarre zu sehen, das übrigens lange als verschollen galt. Der Auftritt ist weiß Gott alles andere als gut; Glenn Hughes ist offensichtlich randvoll zugekokst und Bolin selbst kann seine Greifhand nicht richtig bewegen, da sein Arm durch eine starke Dosis Morphium, die ihm zuvor in Indonesien verabreicht wurde, völlig taub ist. Somit kann er kaum solieren und ist gezwungen, sich größtenteils auf Barré-Akkorde zu beschränken – Jon Lord muss daher viele seiner Parts auf der Orgel übernehmen. David Coverdale wiederum liefert einen weiteren eindrucksvollen Beweis dafür ab, warum Led Zeppelin-Fronter Robert Plant ihn einst spöttisch „David Coverversion“ nannte, Lord und Paice retten das Ganze aber mit gewohnt tighten Performances einigermaßen. Etwas schade, da Tommy Bolin an sich ein exzellenter Gitarrist war (kein Ritchie Blackmore, aber seine unbekümmerte, enthusiastische Art zu spielen, brachte meiner Meinung nach frischen Wind in die Band), durch seine Heroinsucht, die ihn letztlich auch im zarten Alter von 25 das Leben kostete, aber öfters neben der Spur war.

Ferner passen „Smoke On The Water“ und „Highway Star“ einfach nicht ins Mk-IV-Gewand und klingen ziemlich lustlos heruntergezockt. So tolle Sänger Coverdale und Hughes im Prinzip auch sind; es ist schon arg gewöhnungsbedürftig, diese Songs nicht von Ian Gillan zu hören. Gerade Hughes’ Kopfstimmen-Gekreische, das bei den darauf zugeschnittenen Mk-III- und Mk-IV-Kompositionen passend eingesetzt wurde, wirkt bei „Smoke On The Water“ eher unfreiwillig komisch. Aber da dieser Gig eben wie gesagt das einzige Videodokument mit Bolin markiert, ist es für jeden Fan des Mk-IV-Line-Ups natürlich trotzdem irgendwo eine feine Sache, dieses Material nun endlich zu Gesicht zu bekommen.

Die zusätzliche CD ist weniger essentiell, auch wenn der Sound gut drückt und man Bolin bei den in Long Beach aufgenommenen Tracks in weitaus besserer Verfassung zu hören kriegt. Warum man allerdings die Stücke aus Kalifornien und Japan durcheinander auf die CD gepackt hat, bleibt unklar - die Einschnitte jedenfalls sind deutlich zu vernehmen. Hervorzuheben ist hier aber definitiv die wirklich gute Performance von „Lazy“.

Im Infozettel werden dann noch eine Menge Extras angepriesen: Da ist von einem Interview mit Jon Lord und Glenn Hughes von 1975 die Rede, von einem „Come Taste The Band“-Electronic-Press-Kit, von einem ausführlichen Booklet mit einem 28-seitigen Scan aus einem 1976 zwei Monate nach dem Bandsplit erschienenen Magazin, von Untertiteln in verschiedenen Sprachen sowie einer 36-seitigen „Story of Mk IV“ – doch das alles gibt es in der mir vorliegenden Promoversion leider nicht. Schon irgendwie frech, all diese Boni aufzuführen, dann aber eine Billigversion zu schicken, auf der nur die Hälfte enthalten ist. So entzieht sich der Großteil des Materials in der Komplettpackung leider meinem Urteil. Dass diese Zusammenstellung vor allem wegen der Doku ihr Geld wert ist, lässt sich aber auch so feststellen.

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Absolut fantastischer Konzertabend, der kaum überboten werden kann