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Deep Purple: In Rock

Mit neuem Sound zum Durchbruch
Wertung: 10/10
Genre: Hard Rock / Heavy Metal
Spielzeit: 43:30
Release: 01.09.1970
Label: Harvest

Dass Deep Purple, nachdem sie als von Psychedelic Rock beeinflusste Combo gestartet waren, eine härtere Richtung einschlagen wollten, zeigt sich bereits beim dritten Album des Mark I-Line-Ups, das deutlich Gitarren-orientierter und damit härter als die beiden ersten Werke ist. Die starken Klassik-Einflüsse, die Jon Lord einbrachte und die sich hauptsächlich in Stücken wie „Anthem“ und „April“ manifestieren, waren nicht jedermanns Sache, vor allem Bassist Nick Simper fühlte sich von Lords dominanter Rolle eingeengt, doch auch Gitarrist Ritchie Blackmore wollte vor allem richtig harten Rock spielen, insbesondere nachdem er das Debütalbum der Kollegen von Led Zeppelin gehört hatte und nach der Aufführung von Lords brillantem „Concerto for Group & Orchestra“ befürchtete, man würde als Rockband nicht mehr ernst genommen.

Offensichtlich ging Jon Lord mit dem Vorhaben, die Band in wesentlich härtere Gefilde zu führen, konform, ebenso wie Schlagzeuger Ian Paice, und Sänger Rod Evans wurde zusammen mit Simper entlassen, wenn auch erst, nachdem man mit den Neuzugängen Ian Gillan und Roger Glover an Gesang und Bass, beide von Episode Six rekrutiert, schon heimlich geprobt, Songs geschrieben und sogar aufgenommen hatte. Nicht die feine englische Art, doch wollte man wegen noch ausstehender Tourverpflichtungen die Motivation nicht gefährden.

Das Resultat indes ist beeindruckend und sollte jedem Rockfan ein Begriff sein. Wer zuvor nur die drei Purple-Frühwerke kannte, glaubte wohl, seinen Ohren nicht trauen zu können (wenngleich ja allein schon das monumentale Covermotiv, das nicht direkt von mangelndem Selbstvertrauen zeugt, Aufmerksamkeit erregt). Auch wenn das dritte Album härter ausgefallen war als seine beiden Vorgänger – mit dem Feuerwerk, das das neue Line-Up auf „In Rock“ abbrennt, kann keine vorige Purple-Veröffentlichung mithalten. Von einer Generalüberholung des Sounds zu sprechen, ist geradezu eine Untertreibung. Bereits der Beginn von „Speed King“ mit Blackmores Gitarrenlärmorgie sorgt dafür, dass der Putz von den Wänden rieselt und so mancher damals sicherlich erst mal erschrocken zusammenzuckte.

So was hatte es in der Art bislang nicht gegeben, allein das Intro schien alle Flowerpower- und Psychedelic-Anleihen mit einem Schlag hinwegzufegen. In der Folge zeigt sich das Stück als richtungsweisend für die Zukunft der Gruppe: Ritchies heftigen Rifferuptionen steht Jons immer noch klassisch geprägtes Orgelspiel gegenüber – natürlich wurde dieser Einfluss nicht verworfen, sondern stattdessen die Symbiose aus Gitarrenrock und Orgel auf ein neues Level gehoben: Die Liveduelle zwischen Blackmore und Lord sind heute noch legendär und die aggressive Art, wie letzterer seine Hammond bearbeitete, hat es vorher und danach nie gegeben.

Hinzu kommt Ian Gillans charismatischer und kraftvoller Gesang und schon nach ein paar Sekunden dieses furiosen Openers, der bei kommenden Liveperformances wie viele Songs dieses Albums einen festen Platz auf der Setlist bekommen sollte, wird klar, dass Rod Evans niemals auch nur ansatzweise derartiges Material hätte bewältigen können. Randnotiz: Mit am schönsten im Song ist in einem Break gegen Ende Gillans dreckiges Lachen.

Stilistisch gibt es auf „In Rock“ keine großen Schlenker, dafür aber nach „Speed King“ sechs weitere absolute Volltreffer, die allesamt Klassiker der Rockgeschichte und mit einer unfassbaren Spielfreude und Brillanz vorgetragen sind. Sei es das fies mahlende, tonnenschwere „Into The Fire“, das rhythmisch starke, von spitzen Gillan-Schreien begleitete „Bloodsucker“, das von der fauchenden Hammondorgel gekennzeichnete „Living Wreck“ oder die mörderisch groovenden, galoppierenden Kracher „Flight Of The Rat“ und „Hard Lovin’ Man“, von der Sensationsrhythmusgruppe Glover/Paice, die sich als eine der besten und tightesten der Hard Rock-Szene etablieren sollte, angetrieben – jedes einzelne Riff, jede Solonote mutet wie eine Explosion an.

Was bei diesem Meisterwerk von einer LP den Höhepunkt bildet, muss eigentlich kaum noch erwähnt werden: Wer das zehnminütige Epos „Child In Time“ nicht zu den besten Rocksongs aller Zeiten zählt, hat schlichtweg keine Ahnung. Ian Gillans unmenschliche Schreie verleihen auch nach fünfzig Jahren immer noch Gänsehaut, genau wie Ritchies sagenhaftes Gitarrensolo, bei dem er wie entfesselt spielt und das beweist, dass er endgültig zu den großen Gitarrengöttern aufgestiegen war.

Immer wieder werden das spätere Purple-Album „Machine Head“, Led Zeppelins viertes Album und Black Sabbaths „Paranoid“ als die „heilige Dreifaltigkeit“ des britischen Hard Rock betrachtet, dabei ist „In Rock“ mindestens auf einer Stufe mit „Machine Head“, wenn nicht gar qualitativ darüber. Die Intensität und Heaviness, die sie auf ihrem vierten Album versprühen, haben Deep Purple jedenfalls in dieser Form nie wieder erreicht – hier hatte sich eine Band gefunden, weshalb es auch nicht verwundert, dass (wie bei den drei folgenden Mark II-Platten ebenfalls) sämtliche Bandmitglieder bei allen Stücken als Autoren genannt werden. Und der Einfluss, den die Scheibe auf Thrash und Speed Metal hatte, kann nicht hoch genug gewürdigt werden.

Manch einer kritisiert gerne mal die Produktion, doch dass es hin und wieder etwas rauscht und der leicht diffuse Sound machen gerade auch den Charme der Platte aus, der dem Ganzen noch mehr Edge und Rauheit gibt. Ach ja: Die Begleitsingle „Black Night“, die – zumindest in den USA – am selben Tag wie das Album selbst veröffentlicht wurde, darauf jedoch nicht enthalten war (dies wurde damals labelpolitisch so gehandhabt; in der remasterten Version ist der Song als Bonus integriert), ist bekanntermaßen ebenfalls ein Welthit geworden. Nun endlich bekamen Purple auch in ihrer Heimat die Anerkennung, die sie längst verdient hatten und stiegen zu Superstars auf.

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