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Deep Purple: Fireball

Experimenteller, progressiver Ansatz nach dem brachialen Vorgänger
Wertung: 9/10
Genre: Hard Rock / Progressive Rock
Spielzeit: 40:30
Release: 15.09.1971
Label: Harvest

Nach dem überwältigenden Erfolg von „In Rock“ drängte die Plattenfirma Harvest Deep Purple dazu, so schnell wie möglich den Nachfolger aufzunehmen, obwohl die Band sich fast konstant auf Tour befand. Natürlich hätte das Quintett es sich leicht machen und ein weiteres Album im Stil von „In Rock“ abliefern können, stattdessen jedoch überraschte die Formation die Musikwelt mit einer weitaus ruhigeren, experimentellen Platte, die Züge von Progressive Rock aufweist.

Der einleitende Titeltrack macht seinem Namen alle Ehre und peitscht mit ordentlich Schmackes durch die Boxen – Ian Paice bearbeitet sein Kit hier gar mit einer Doublebassdrum, was für Purple ziemlichen Seltenheitswert hat, doch gerade in diesem kompakten, flotten Smasher muss man sein ohnehin fantastisches Drumming als herausragend hervorheben. Dank seines treibenden Charakters und seiner Geschwindigkeit wird auch dieses Stück immer gern als Referenz von vielen späteren Heavy-Metal-Kapellen herangezogen, obwohl kurioserweise gerade diese Komposition ausnahmsweise kein Gitarren-, sondern lediglich ein Orgelsolo beinhaltet.

Über die gesamte Albumdistanz betrachtet probiert die Band jedoch verschiedenste Richtungen aus: „No No No“ ist eine getragene Rocknummer, die das Kunststück fertig bringt, gleichzeitig locker zu swingen und doch ultraheavy zu sein. Ritchies Gitarrenlicks sind unwiderstehlich sleazy und Roger Glovers Basslinien an Coolness kaum zu überbieten. Einfach großartig, so ein Stück können in dieser Form wohl nur Deep Purple schreiben und performen.

„The Mule“ dagegen mutet orientalisch an, atmet durch die Effekte aber auch psychedelisches Flair und entwickelt durch das konstant durchlaufende Drumpattern eine hypnotische Wirkung, dennoch ist in der Mitte Platz für eine funky Passage, die Blackmores Gitarrensolo unterlegt. Live bildete das Stück die Grundlage für ein längeres Schlagzeugsolo von Ian Paice. Das achtminütige „Fools“ wiederum birgt eine geheimnisvolle und melancholische Atmosphäre durch die anschwellenden Orgelsounds von Jon Lord und Ritchie Blackmores Gitarre, die er wie ein Cello klingen lässt, immer wieder unterbrochen von riffunterlegten Gesangsausbrüchen Ian Gillans. Bei Konzerten wurden Teile des Songs oft in den langen Jamparts von „Mandrake Root“ bzw. später „Space Truckin’“ verwendet. 

Sehr ungewöhnlich ist vor allem jedoch „Anyone’s Daughter“, eine beschwingte Nummer mit cleaner Gitarre, Klavierbegleitung und amüsantem Text, die Ian Gillan zwar mochte, deren Hinzunahme ins Album er dennoch als Fehler bezeichnet. Inzwischen dürfte allerdings wohl fast jedem Purple-Fan dieses hübsche, relaxte Lied mit seiner folkigen Aura ans Herz gewachsen sein.

Ernsthaftere Lyrics sind im Albumcloser „No One Came“, einem weiteren großen Purple-Klassiker, in dem Ian Gillan sich Gedanken über das Dasein als Rockstars macht, zu finden. Laut eigener Aussage schrieb der Sänger über praktisch jedes Thema, das ihm einfiel, weshalb neben solch nachdenklicher Thematik auch sinnbefreiter, typisch rock’n’rolliger Macho-Quatsch wie „Highway Star“ vom darauffolgenden Langdreher „Machine Head“ (rein musikalisch selbstverständlich ein Geniestreich) im Repertoire der Band auftaucht.

Als begleitende Single zu „Fireball“ wurde „Strange Kind Of Woman“ aufgenommen, das fortan bei kaum einem Konzert fehlen durfte. Ein Boogie-artiger, tanzbarer Ohrwurm, bei dem sich Blackmore und Gillan live ein Frage/Antwort-Spiel lieferten. Das Stück befindet sich nicht in der Originaltracklist, da man seinerzeit Singles normalerweise nicht in das parallel herausgebrachte Album integrierte. Nur in den USA, Kanada und Japan ist der Song an dritter Stelle vorstellig, dafür fehlt dort „Demon’s Eye“ – ein bluesig geprägter, schleppender Rocker, bei dem Jon Lord erstmals dezent Synthesizer verwendet –, der wiederum in den dortigen Editionen als Single herauskam.

In der remasterten europäischen Version von 1996 ist dann aber auch „Strange Kind Of Woman“ als Bonus zu finden sowie weitere starke Nummern wie das fetzige „I’m Alone“ (der ursprünglichen B-Seite der „Strange Kind Of Woman“-Single), der Laune machende, Hippie-eske Rock’n’Roller „Freedom“ und das völlig unterschätzte „Slow Train“, ein äußerst progressiver Song, der es verdient gehabt hätte, in der regulären Tracklist zu landen, den man aufgrund der ungewöhnlichen Struktur dann aber doch herausnahm.

Es gibt also jede Menge interessantes, spannendes Material auf „Fireball“ zu entdecken, wegen seiner Sandwich-Position zwischen den beiden Oberklassikern „In Rock“ und „Machine Head“ und seiner etwas experimentelleren Ausrichtung wird das Werk allerdings gerne mal übersehen (obwohl es damals Platz 1 der UK-Albumcharts schaffte), was definitiv nicht gerechtfertigt ist. Nicht umsonst spielt es für Metalgrößen wie Lars Ulrich oder King Diamond eine wichtige Rolle in ihrem Leben und trug zur Entscheidung bei, selbst Musiker zu werden.

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