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Deep Purple: Come Taste The Band

Sträflich unterbewertetes Album mit neuem Gitarristen
Wertung: 8,5/10
Genre: Hard Rock /Blues Rock / Funk Rock
Spielzeit: 36:55
Release: 10.10.1975
Label: Purple Records

Sahen sich Deep Purple mit „Stormbringer“ bereits kontroversen Meinungen ausgesetzt, so sollte sich dies mit ihrem zehnten und für lange Zeit letzten Album „Come Taste The Band“ noch intensivieren. Ritchie Blackmore, der mit der musikalischen Ausrichtung der Gruppe praktisch nichts mehr anfangen konnte, schmiss im Frühjahr 1975 tatsächlich frustriert hin, was für viele gleichbedeutend mit dem Ende der Band war. Auch Glenn Hughes sagte einst, dass man sich damals kaum vorstellen konnte, Ersatz für Ritchie zu finden: „Wie sollte das gehen? Das wäre ja so, als müsste man Jimmy Page bei Led Zeppelin ersetzen – undenkbar!“

Und doch riss man sich zusammen und angelte sich schließlich den jungen amerikanischen Gitarristen Tommy Bolin, der einen komplett anderen, wilderen Stil als Blackmore pflegte, was erneut ein mutiger Schritt war, andererseits hätte es auch wenig Sinn ergeben, eine bloße Blackmore-Imitation einzustellen. Man hoffte, dass Bolin die Band mit seinem mitreißenden, energetischen Spiel noch einmal beflügeln könnte und da die Chemie stimmte, machte man sich im frisch gebackenen Mark IV-Line-Up schon bald an die Sessions zur nächsten Platte.

Herausgekommen ist eine Scheibe, die so sträflich unterschätzt ist wie kaum ein anderes Album in der Rockgeschichte. Dass das Werk seinerzeit sowohl von Kritikern wie auch vielen Fans abgelehnt wurde, liegt sicherlich darin begründet, dass von der ursprünglichen Besetzung mit Jon Lord und Ian Paice inzwischen nur noch zwei Personen dabei waren und diese spielten auf „Come Taste The Band“ (dessen Titel übrigens aus einem betrunkenen Versprecher heraus entstanden ist, aber angesichts einer weiteren Neuausrichtung auch nicht unpassend anmutet) noch dazu eine untergeordnete Rolle.

„Das Album ist gut“, gab Jon Lord später zu Protokoll, „aber es ist kein Deep Purple-Album, sondern ein Bolin-Coverdale-Hughes-Album mit ein bisschen Hilfe von Freunden“. Diese Sichtweise für ihn als direkt Involviertem ist legitim, andererseits rockt die Platte wieder mehr als das sehr funkig-soulige „Stormbringer“: Das mit einem schweren (und eingängigen) Riff aufwartende „Drifter“ ist auch nach heutigen Maßstäben noch richtig heavy, ebenso wie „Dealer“, bei dem sogar Tommy Bolin einen charmanten kleinen Gesangsbeitrag leistet und das rasante, treibende „Comin’ Home“ markiert einen wunderbar erfrischenden Dosenöffner.

Der Hughes-Anteil scheint vor allem im spritzigen „Gettin’ Tighter“ durch, das entsprechend funky ausgefallen ist und ganz klar einen der besten Tracks des Albums darstellt. Ganz anders präsentiert er sich in „This Time Around“, einem Song, der völlig aus dem Rahmen fällt: Mitten in der Nacht von Hughes und Lord geschrieben, handelt es sich hier um eine soulige, traurige Ballade, die Glenn gesanglich wunderbar vorträgt, wobei er von Jon am Klavier begleitet wird und textlich seine eigene, zu jener Zeit nicht einfache Situation reflektiert. Gekoppelt daran ist Tommy Bolins George Gershwin gewidmetes Instrumental „Owed To ’G‘“, das mit einem absolut großartigen Hauptriff bestückt ist.

Und doch findet sich die beste Nummer ganz am Schluss mit der sich bedächtig aufbauenden, sinistren, geheimnisvoll-atmosphärischen Halbballade „You Keep On Moving“, die eigentlich schon zu „Burn“-Zeiten von Coverdale und Hughes komponiert, jedoch von Blackmore damals verschmäht wurde, da sie ihm nicht gefiel – warum auch immer (allerdings stilistisch wohl tatsächlich nicht auf „Burn“ gepasst hätte). Weswegen die Positionen dieses Stücks und „Drifter“ später von Kevin Shirley, als er 2010 das Album remixte und remasterte, vertauscht wurden, erschließt sich ebensowenig, denn der Song bildet einen perfekten Abschluss.

So oder so: „Come Taste The Band“ ist eine tolle und facettenreiche Scheibe, von Martin Birch dynamisch produziert, doch nach Ritchies Ausstieg verloren anscheinend viele das Interesse an Deep Purple, denn sie verkaufte sich vergleichsweise schlecht. Dabei hört man hier eine motivierte, spielfreudige Band musizieren und gerade Tommy Bolin als Neuling spielt wie entfesselt auf und begeistert mit seinem unbekümmerten Stil und erquickenden Soli. „I Need Love“ und das mit einem „Heartbreaker“-ähnlichen Riff sowie einem putzigen Synthiesolo versehene „Love Child“ sind vielleicht nicht ganz so stark wie der Rest, aber immer noch gutklassig, insofern ist die LP völlig unterbewertet. Sicherlich wird so mancher, der die Platte damals missbilligt hat, dies mit etwas Abstand heute ähnlich sehen.

Jon Lord erklärte zwar, es sei ein Fehler von seiner Seite gewesen, nicht gemeinsam mit Blackmore ausgestiegen zu sein, doch im Endeffekt ist es natürlich Spekulation, wie es sonst mit Purple weitergegangen wäre. Genauso wie die Frage, was passiert wäre, wenn Glenn Hughes (Kokain) und Tommy Bolin (Heroin) nicht mit schweren Drogenproblemen zu kämpfen gehabt hätten, was, als dies immer mehr ausuferte, zu zum Teil katastrophalen Konzerten führte, infolgedessen Jon Lord und Ian Paice die Band im März 1976 auflösten. Tommy Bolin starb am 4. Dezember desselben Jahres mit nur 25 Jahren an einer Überdosis Heroin und Deep Purple kamen erst 1984 im Mark II-Line-Up wieder zusammen.

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